Europas Hoffnung, der Abhängigkeit von russischem Gas zu entkommen, liegt in Nordafrika. Vor allem Algerien, europäischer Nachbar auf der anderen Seite des Mittelmeers, sitzt auf riesigen Reserven. Das Land ist viertgrößter Gasförderer der Welt und baut gemeinsam mit Europäern und EU-Finanzhilfen seine Pipelines aus. Sie sollen die Gasfelder in der Sahara durchs Mittelmeer mit dem europäischen Kontinent verbinden. "Nordafrika wird in Sachen Öl und Gas immer wichtiger werden", prophezeien Diplomaten.
Vor kurzem erst hat das Spezialschiff "Crawler" das letzte Rohr der neuen Mittelmeer-Pipeline "Medgaz" in der Meerestiefe versenkt. Und damit die Verbindung zwischen den Pumpstationen im algerischen Küstenort Beni Saf und dem südspanischen Almeria fertig gestellt. Die 61 Zentimeter dicke High-Tech-Rohrleitung, die rund eine Milliarde Euro kostete, führt über den bis zu 2100 Meter tiefen Meeresgrund.
Vermutlich im Herbst wird die neue algerisch-europäische Ferngasleitung in Betrieb genommen. Jedes Jahr sollen zunächst rund acht Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Südeuropa gepumpt werden. Hauptabnehmer wird Spanien sein. Überkapazitäten sollen in das transeuropäische Gasnetz gepumpt werden, besonders nach Portugal und Frankreich.
Damit wird die Bedeutung des arabischen Maghreb-Landes Algerien, das heute bereits drittgrößter Gaslieferant der EU (nach Russland und Norwegen) ist, steigen. Zumal weitere Pipelines geplant sind: Etwa die Leitung "Galsi", die von Nordalgerien zur italienischen Insel Sardinien, von dort weiter zum Festland führt. Sie soll von 2012 an rund zehn Milliarden Kubikmeter Gas nach Europa pumpen.
Zwei bereits bestehende mediterrane Gasfernleitungen werden ausgebaut: Die "Transmed", die von der algerischen Sahara via Tunesien bis ins süditalienische Sizilien reicht. Hier wird von 24 auf mehr als 33 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich aufgestockt. Die Pipeline "Maghreb-Europa", die von Algerien über Marokko durch die Meerenge von Gibraltar nach Südspanien führt, wird auch erweitert. Bisherige Fördermenge: knapp neun Milliarden Kubikmeter Gas, in der Zukunft fast zwölf.
Große Reserven lagern ebenfalls im algerischen Nachbarland Libyen. Dort sind allerdings wegen des langen westlichen Wirtschaftsembargos der vergangenen Jahre viele Gasfelder noch unerschlossen. Inzwischen stehen westliche Investoren aber Schlange. Libyen pumpt derzeit acht Milliarden Kubikmeter Gas jährlich nach Sizilien durch die Unterwasser-Leitung "Green Stream". Die Kapazität soll verdoppelt werden.
Auch aus Nigeria, wo vermutlich die größten Gasreserven ganz Afrikas liegen, naht Hoffnung durch eine geplante Transsahara-Pipeline: Rund 4300 Kilometer lang über Nigeria und Niger ans algerische Mittelmeer sowie anschließend nach Europa. Bis zu 30 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr könnten durch diese Mega-Leitung strömen. Angesichts dieser Perspektiven wundert es kaum, dass nicht nur Europa, sondern auch der russische Gasriese Gazprom um die nord- und westafrikanischen Gasreserven buhlt.
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