Auf eine irritierende Art und Weise handelt das Internationale Olympische Komitee (IOC) konsequent. Schon im Juli 2001, als die Olympischen Spiele an Peking vergeben wurden, klammerte es Menschenrechtsfragen aus. Nur eines der damals 118 IOC-Mitglieder sprach das Thema an: Roland Baar aus Gifhorn, seinerzeit Athletensprecher im IOC, wagte zu fragen, ob es denn so eine gute Idee sei, die Beachvolleyball-Wettbewerbe auf dem Platz des Himmlischen Friedens auszutragen.
Die chinesischen Bewerber lächelten und kündigten an, gemeinsam mit dem Volleyball-Weltverband nach einem Standort zu suchen. Vielleicht ist es Baar zu verdanken, dass sich die Chinesen später von dem makabren Plan verabschiedeten.
Baar wollte an jenem 13. Juli 2001 noch etwas sagen, doch der damalige IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch verweigerte ihm das Wort. Samaranch wollte seinen Bewerber China durchpeitschen.
Sieben Jahre später, Mitte dieser Woche, sagte Samaranch im chinesischen Staatsfernsehen, die Spiele von Peking seien die besten aller Zeiten. Es sei künftigen Ausrichtern kaum möglich, Peking zu toppen.
Solche Äußerungen sind keineswegs nur wirre Gedankengänge eines 88-jährigen Sportfunktionärs. Nein, Samaranchs Aussagen sind absolut mehrheitsfähig im IOC. Wie formuliert der Chef der IOC-Pressekommission gern, der Australier Kevan Gosper? "Wir sind nicht für die Lösung der Menschheitsprobleme zuständig. Wir lassen uns von keiner Regierung etwas diktieren."
Von den Chinesen aber schon. Als IOC-Präsident Jacques Rogge im April, auf dem Höhepunkt der Tibet-Diskussion und den Attacken gegen den olympischen Fackellauf, Peking an seine moralischen Versprechen erinnerte, wurde er umgehend von einer Hinterbänklerin zusammengestaucht. Das IOC solle sich gefälligst nicht in Chinas Innenpolitik einmischen. Der IOC-Präsident kuschte.
Rogge, der im Juli 2001 als Reformer angetreten war, ist der große Verlierer dieser Spiele. Eine demokratische Gesinnung ist ihm nicht abzusprechen. Doch mit seinem Versuch, auf dem Weg der "stillen Diplomatie", wie er es nennt, Chinas Parteibonzen Zugeständnisse abzutrotzen, ist er gescheitert.
Am Ende, und das ist wirklich tragisch, wirkt der 66-jährige Belgier selbst wie ein kommunistischer Götze. Seit er bei der Eröffnungsfeier am 8. August den Juniorpartner des chinesischen KP-Chefs Hu Jintao geben durfte, ward Rogge kaum noch gesehen.
Zuvor hatte er im Prinzip noch die Internetzensur der Chinesen verteidigt und sich als Naivling geoutet: "Wir sind Idealisten, und Idealismus ist immer auch mit Naivität verbunden."
Bis dahin hatte das IOC den Berichterstattern die ungehinderte Nutzung des Internets zugesagt - nur eines von vielen gebrochenen Versprechen. Nur eine von vielen Behauptungen, die als Lügen enttarnt wurden. Nach der Halbzeit der Spiele entschieden das chinesische Organisationskomitee Bocog und die IOC-Kommunikationsabteilung, die täglichen Pressekonferenzen auszusetzen und nur noch sporadisch durchzuführen. Das hatte es noch nie gegeben. Die Termine gerieten zur Farce. Sie wurden ständig von offenbar bestellten Fragestellern aus China und afrikanischen Ländern gestört.
Am Freitag kam es zum Eklat, als Bocog-Manager Wang Wei den Journalisten vorhielt, sie würden nur ihre Vorurteile pflegen, nichts von China und seiner Kultur verstehen, Unwahrheiten verbreiten und letztlich die Welt betrügen. IOC-Sprecherin Giselle Davies saß daneben und grinste. Davies hatte zuvor mehrfach deutlich gemacht, dass es ohnehin nur darauf ankomme, welches Bild die Fernsehübertragungen von diesen Spielen verbreiten.
Von den Hardlinern im IOC, zu denen auch der deutsche Vizepräsident Thomas Bach zu zählen ist, wird IOC-Präsident Rogge übrigens dafür kritisiert, dass er zu wenig Härte bewiesen habe - gegenüber den IOC-Kritikern aus den Medien, aus der Politik und von den Nichtregierungsorganisationen, nicht etwa gegenüber der chinesischen Führung.
Im Olympiakonzern ist derzeit eine Restauration im Gang. Es kann sein, dass Jacques Rogge entnervt aufgibt und im kommenden Jahr, wenn seine achtjährige Amtszeit ausläuft, nicht für vier Jahre verlängert, wie es ihm satzungsgemäß zusteht. Nach diesen Retortenspielen in Peking, vor handverlesenen Zuschauern in fantastisch teuren Arenen, ist nichts mehr auszuschließen. Jens Weinreich
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