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24. Januar 2013

Rezeptpflicht: Pille danach – ohne Arzt

 Von Mira Gajevic
In 28 EU-Ländern ist das hochdosierte Hormonpräparat bereits ohne ärztliches Rezept erhältlich.  Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Politikerinnen von SPD und Linke fordern, die Rezeptpflicht für die Notfall-Verhütung abzuschaffen. Gerade am Wochenende oder abends, wenn Praxen geschlossen sind, kann es schwierig werden, die "Pille danach" zu bekommen.

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Politikerinnen von SPD und Linke fordern, die Rezeptpflicht für die Notfall-Verhütung abzuschaffen. Gerade am Wochenende oder abends, wenn Praxen geschlossen sind, kann es schwierig werden, die "Pille danach" zu bekommen.

Nicht immer ist der Fall so drastisch wie bei der jungen Frau in Köln, der zwei katholische Krankenhäuser nach einer Vergewaltigung die Untersuchung verweigerten, weil sie kein Beratungsgespräch über die Pille danach führen wollten. In den meisten Fällen wollen Frauen das hochdosierte Hormonpräparat nach einer Verhütungspanne. Gerade am Wochenende oder abends, wenn die Arztpraxen geschlossen sind, kann es jedoch schwierig werden, das erforderliche Rezept zu bekommen. Politikerinnen fordern deshalb die Rezeptfreiheit der Pille danach.

Hormonpräparat

Die Pille danach soll nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr oder bei einer Verhütungspanne eine Schwangerschaft verhindern – etwa wenn die Einnahme der Pille vergessen wurde oder ein Kondom gerissen ist. Das Hormonpräparat mit dem Wirkstoff Levonorgestrel ist in Deutschland nur auf Rezept erhältlich. Es verhindert oder verschiebt den Eisprung bei rechtzeitiger Einnahme so, dass keine Befruchtung stattfinden kann. Es sollte so schnell wie möglich, spätestens binnen 72 Stunden eingenommen werden.

Das Hormonpräparat bewirkt aber keinen Schwangerschaftsabbruch. Das heißt, die Pille danach wirkt nicht, wenn eine befruchtete Eizelle beginnt, sich einzunisten oder sich bereits in der Gebärmutterschleimhaut eingenistet hat. Sie gilt deshalb nicht als Abtreibungspille.

Abweisung erfolgt häufig

Denn es ist nicht so, dass nur katholische Kliniken die Pille danach ablehnen. Auch Notfallmediziner an staatlichen Kliniken sind nach den Erfahrungen von Pro Familia häufig unsicher, ob sie das Rezept einfach so ausstellen dürfen. In einer Befragung des Verbands vom Dezember 2009 und Januar 2010 gaben 34 Prozent der Frauen an, dass Ärzte in Notdienstzentralen die Pille danach aufgrund fehlender Kenntnisse nicht verschreiben.

Mitunter müssen Frauen am Wochenende mehrere Kliniken abklappern, bis sie das Rezept bekommen. „Häufig wissen die Frauen gar nicht, dass sie in der Rettungsstelle eines katholischen Krankenhauses sind und sind dann sehr schockiert, wenn sie abgewiesen werden“, berichtet die Geschäftsführerin des Bundesverbands von Pro Familia, Peggi Liebisch. In Regensburg gab es zum Beispiel zeitweise kein einziges Krankenhaus, das das Präparat verschrieben hätte. Selbst das dortige Uniklinikum wollte das Rezept nicht ausstellen.

Für die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Dagmar Ziegler ist die Rezeptpflicht deshalb nicht mehr sinnvoll. „Ich finde eine Beratung sehr wichtig, aber die kann auch in der Apotheke verantwortlich erfolgen. Eine Rezeptpflicht ist meiner Meinung nach dafür nicht notwendig“, sagte die SPD-Politikerin der Berliner Zeitung. Dass die Freigabe des Notfallmittels nicht zu Missbrauch geführt habe, zeigten zudem die Zahlen aus den anderen EU-Ländern, wo es seit Jahren frei erhältlich ist.

WHO empfiehlt rezeptfreien Verkauf

Die Linksfraktion hat die Bundesregierung in einem Antrag aufgefordert, die Rezeptpflicht für das Hormonpräparat aufzuheben. Neben der Weltgesundheitsorganisation WHO habe auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte empfohlen, die Pille rezeptfrei zu verkaufen. Widerspruch kommt dagegen aus der Unionsfraktion. Die familienpolitische Sprecherin Dorothee Bär (CSU) sagte der Katholischen Nachrichten-Agentur, die Pille danach müsse rezeptpflichtig bleiben. Das Präparat habe ganz andere Nebenwirkungen als harmlose Vitaminpräparate. „Ohne eine angemessene Beratung der Frau sollte es nicht verabreicht werden“, so Bär.

Für Pro Familia sind das indes nur vorgeschobene Argumente. „Es gibt inzwischen so viele Langzeitstudien über die rezeptfreie Pille. Dabei hat sich gezeigt, die Befürchtungen waren unbegründet. Weder sind schwere Nebenwirkungen bekannt, noch ist die Zahl der Pillen danach in die Höhe geschnellt“, sagt Peggi Liebisch. „Die Pille danach ist in 28 EU-Ländern rezeptfrei erhältlich ist, warum nicht bei uns? Es ist kaum noch nachzuvollziehen, warum Deutschland weiter diesen Sonderweg geht.“

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