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19. Dezember 2012

Roma in Serbien: Roma-Familien leben in Belgrader Slums

 Von Danijel Majic
Roma-Siedlung in Belvil - mittlerweile wurde diese Siedlung geräumt.  Foto: afp

In Belgrad gibt es mindestens hundert Slums, in denen Roma-Familien leben. Die serbische Regierung weiß nicht, was sie mit diesen Familien machen soll – und macht deshalb meist das Falsche.

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Belgrad –  

Am liebsten wäre Stojan schon weg. Einpacken, was notwendig ist, sich mit seiner Frau und den beiden Söhnen in den Zug Richtung Belgrad setzen und aus diesem verdammten Container hier verschwinden. Seit der Herbst angebrochen ist, spielt Stojan öfter mit solchen Gedanken – und raucht dabei. Wie viele Zigaretten es an diesem Vormittag schon waren, weiß er gar nicht. Die Tage, an deren Ende er auf zwei Päckchen kommt, häufen sich in letzter Zeit. „Was soll man hier auch machen“, sagt er und breitet die Hände aus. „Rumsitzen, nichts tun. Das ist das Schlimmste.“

Etwa 40 Jahre ist Stojan alt, Genaueres verrät er nicht. Über dem tiefbraunen Teint seines Gesichts liegt ein noch dunklerer Bartschatten. Würde Stojan behaupten, Inder zu sein, man würde es ihm vermutlich glauben. Doch Stojan ist kein Inder, er ist Roma. Und weil er Roma ist, lebt er mit seiner Familie hier in Resnik, in diesem zwölf Quadratmeter großen Container, 15 Kilometer vom Belgrader Stadtzentrum entfernt. „Bald reicht es mir“, sagt er, „dann packen wir unser Zeug, und es geht zurück". Zurück nach Belvil.

„Informelle Siedlungen“

Belvil aber gibt es nicht mehr. Im April 2012 haben die Belgrader Behörden den größten Roma-Slum der serbischen Hauptstadt verschwinden lassen. Eine aufgewühlte Brachfläche im Schatten einer Autobahnbrücke verrät, wo bis vor wenigen Monaten 300 selbstgezimmerte Baracken standen. Etwa 1 000 Roma sollen hier mitten im Stadtteil Neu-Belgrad gelebt haben. Aber das ist Geschichte. Es gibt fast nichts mehr, wohin Stojan und seine Familie zurückkehren könnten.

Rund 60.000 Roma sollen allein in Belgrad leben. In ganz Serbien wird ihre Zahl auf etwa eine halbe Million geschätzt. Genaueres weiß niemand, denn nur ein Bruchteil von ihnen ist behördlich registriert. Ihr Zuhause sind meist die „informellen Siedlungen“, wie die Slums im Sprachgebrauch der Behörden genannt werden. Deutlich über hundert sollen es allein in Belgrad sein. Es sind verwahrloste Inseln mitten in der Stadt, Rückzugsorte für eine Minderheit, die systematisch diskriminiert wird.

Serbien steht exemplarisch für Europas hilflosen Umgang mit seiner größten ethnischen Minderheit. Die Auswirkungen bekommt man mittlerweile auch in Deutschland zu spüren. Seit Anfang September steigt die Zahl der Asylanträge von Roma aus Serbien sprunghaft an. Die EU droht mit einer Aufhebung der Visafreiheit, sollte die serbische Regierung keine Lösung finden.

Aber was wäre schon eine Lösung? Im Moment sieht es so aus, als wüsste die Regierung in Belgrad selbst nicht, was sie eigentlich machen soll. Wird ein Slum aufgelöst, entsteht ein anderer. Oder die Vertriebenen kommen einfach zurück.
Milutin hat das so gemacht. Er ist jetzt wieder in Belvil und steht im Laderaum seines hellblauen Transporters, den er neben dem Zaun des Straßenbahndepots geparkt hat. Gegenüber der Matschwüste, die einst sein Zuhause war.

„Wir machen in Haushaltsauflösungen“, erklärt er, während er eine zerfledderte Schlafcouch aus dem Laderaum schiebt, die von zwei Freunden in Empfang genommen wird. Milutin hat geschafft, wovon Stojan in seinem Container in Resnik träumt. Er ist zurück.

Wohnen in Überresten

Zwischen dem Straßenbahndepot auf der einen und einem Bahndamm auf der anderen Seite verläuft ein breiter Streifen. Ein matschiger Weg führt zu den Überresten Belvils. Gut ein Dutzend Hütten, in denen ebensoviele Roma-Familien wohnen. Belvil musste weichen, um Platz für einen Zubringer zu einer neuen Brücke über den Fluss Save zu schaffen. Mitfinanziert wird das Projekt von der Europäischen Zentralbank. Die allerdings bestand darauf, dass die Bewohner Belvils menschenwürdig untergebracht werden. Für die Menschen am Straßenbahndepot hat sich noch keine Lösung gefunden.

Aus den Baracken steigt Rauch auf. Der Geruch von verbranntem Holz und Plastik liegt in der Luft. Es ist Ende November, und ein kühler Wind wirbelt Altpapier und Plastikfetzen durch die Gegend. Der Müll sammelt sich zwischen den Baracken und am Bahndamm in großen Haufen. Milutin stört das nicht. Auch nicht, dass er gut hundert Meter bis zur nächsten Wasserstelle laufen muss.

Milutin wirkt gepflegt. Die kurzen, schwarzen Haare hat der Zwanzigjährige nach hinten gegelt. In Trainingshose und T-Shirt steht er im Wind und fröstelt, weil die Arbeit ihn ins Schwitzen gebracht hat. „Hier kann ich wenigstens arbeiten“, sagt er.
Die meisten Roma in Belgrad leben von dem, was die anderen Einwohner der Hauptstadt wegwerfen. „Ja, wir leben vom Müll“, sagt Stojan. „Oder besser, wir haben davon gelebt.“ Er hätte eben nicht einsteigen sollen, als die Busse kamen, denkt Stojan heute.

Aus den Lautsprechern seines Fernsehers dröhnt Turbo-Folk, kreischende Synthesizer-Rhythmen unterlegt mit pathetischen Texten. Die beiden Söhne, sieben und zwölf Jahre alt, toben auf dem zerschlissenen Bett in der anderen Ecke des Containers herum. Seine Frau Nada kocht Kaffee auf einem Campingherd, den sie unter dem Bett hervorgezogen hat. Stojan betrachtet das Geschehen unbeteiligt. Die Musik bildet einen akustischen Vorhang, hinter den er sich zurückzieht und von Belvil träumt, diesem dreckigen, lauten, lebendigen Ort.

Noch vor den Bussen kam Belgrads Bürgermeister Dragan Đilas nach Belvil. Um sich selbst ein Bild zu machen, wie er damals erklärte. Belvil existierte zu diesem Zeitpunkt schon seit zehn Jahren, war von einer Ansammlung einzelner Zelte zu einer echten Siedlung angewachsen. Die zusammengeflickten Unterkünfte bestanden aus allem, was sich irgendwie verbauen ließ. Aus Holzpaletten, alten Türen und Fensterrahmen, manchmal auch nur aus ein paar Stangen und einer Plastikplane.

Elektrokabel durchzogen Belvil wie Wäscheleinen. Wer ihnen folgte, landete irgendwann an einer Straßenlaterne, von der der Strom für den Slum abgezweigt wurde. Die einzige öffentliche Wasserstelle befand sich gleich daneben. Den Roma müsse ein menschenwürdiges Dasein ermöglicht werden, erklärte Đilas. Die Containersiedlungen sollten ein Anfang sein.

Nie in den Container

„Nie wäre ich in den Container gezogen“, sagt Milutin. Er hat sich einen Handfeger geschnappt und kehrt die Krümel von der Couch in seiner neuen Behausung zusammen. „Man muss das Haus instand halten“, sagt er und lässt den Blick stolz durch das eine Zimmer schweifen, das er zusammen mit zwei Freunden bewohnt. Die Wände sind aus Ziegeln, das Dach ist dicht. Alte Teppiche bedecken den Boden, und ein rostiger Holzofen spendet Wärme. Gehobener Standard für Restbelvil. „Wir haben es doch gut erwischt“, sagt Milutin. Auf keinen Fall würde er mit Stojan tauschen wollen oder mit all den anderen, die man nach Resnik, Jabucki Rit oder wie auch immer die ganzen Vororte heißen mögen verfrachtet hat.

„De facto verstärken die Containersiedlungen nur die soziale Isolierung“, sagt Marko Vasiljevic vom Regionalen Minderheitenzentrum. Stojan sagt, dass er nichts mit sich anzufangen weiß, seit er in Resnik hockt. Tritt er vor die Tür, sieht er fünfzehn graue Container wie den seinen. Sie sind beheizt und wasserdicht. Es gibt einen Sanitärcontainer und fließend Wasser. Mehr, als Belvil jemals zu bieten hatte. Und doch würde es Stojan lieber heute als morgen Milutin gleich tun und wieder in eine Baracke nach Belgrad ziehen. „Dort konnte ich wenigstens für mich selbst sorgen.“

So kann es laufen, wenn Politiker Probleme lösen, die sie nicht verstanden haben. Wenn Menschen mit ihrer Hilfe doch nicht geholfen wird. Wenn die Menschenwürde durch einen Trinkwasseranschluss hergestellt werden soll.

Das weiße Kiesbett, auf dem die Container ruhen, sieht sieben Monate nach Errichtung des Containerdorfs noch aus wie frisch aufgeschüttet. Müll abladen ist verboten. Doch selbst wenn dem nicht so wäre, würde Resnik mit seinen 16.000 Einwohnern kaum genug Abfall produzieren, um allen Roma-Familien ein irgendwie erträgliches Einkommen zu sichern. „Dafür müssten wir nach Belgrad“, sagt Stojan. Aber die Hin- und Rückfahrt würden ihn genauso viel kosten, wie er an einem Tag verdienen könnte. Und wo er den Müll abladen und sortieren sollte, wüsste er dann immer noch nicht.

Leben von Abfällen

Statt nach Belgrad laufen Stojan und seine Frau täglich rüber nach Resnik. Sie kennen den Weg inzwischen gut. Er führt runter zur Landstraße, vorbei an brachliegenden Feldern und unbewohnten Häusern, dann wieder rauf ins Stadtzentrum. In Resnik werden fertige Mahlzeiten ausgegeben – für alle Containerbewohner. „Wie ein Kleinkind kommt man sich da vor“, sagt Stojan. Seinen Lebensunterhalt aus dem Abfall anderer bestreiten zu müssen, war eine Sache. Nicht mehr entscheiden zu können, was man isst, ist eine Demütigung.

Milutin ist früh aufgestanden. Mitten in der Nacht hat er sich auf den Weg zum Buvnjak gemacht, einem Freiluftmarkt auf der anderen Seite der Autobahnbrücke, unter der einst Belvil stand. Es ist drei Uhr morgens, und Milutin hat die Fundstücke aus der letzten Haushaltsauflösung auf einer Decke vor sich auf dem Boden ausgebreitet: eine verstaubte Ausgabe von Titos Schriften zum Militärwesen ist darunter, eine gut erhaltene sowjetische Kamera, Textilien und Wimpel mit sozialistischen Emblemen.

Kleine Lichtkegel huschen über die Ware. Die ersten Kunden sind schon da, mit Taschenlampen in der Hand. „Kaffee, Zigaretten, Schnaps“, murmelt ein serbischer Rentner, der einen kleinen Trolley hinter sich herzieht.

Es ist nicht viel übrig geblieben vom Buvnjak. Früher erstreckte sich der Freiluftmarkt bis hinüber auf die andere Straßenseite, bot Platz für einige Hundert Händler, viele davon Roma. Heute steht dort eine Nachbildung des historischen Terazije-Platzes. Eine Kulissenstadt, gestützt von roten Stahlträgern.

Kaffee, Zigaretten, Schnaps

Bis halb fünf haben etwa zwanzig Händler ihre Waren ausgebreitet. Vielleicht hundert Kunden bahnen sich ihren Weg durch die Haufen aus Gebrauchtwaren. Man ist früh unterwegs, weil die Polizei den Handel nur bis neun Uhr vormittags duldet. Taschenlampen blinken auf, wie Leuchttürme am Meer. Mittendrin steht Milutin. Er hat sich zurechtgemacht, den Staub abgewaschen und einen schwarzen Mantel übergezogen. „Viel ist hier nicht mehr zu holen“, sagt er.

„Kaffee, Zigaretten, Schnaps.“ Der serbische Rentner dreht eine neue Runde über den Platz. Milutin betrachtet das Geschehen mit dem gelangweilten Blick eines Mannes, der nicht mehr allzu viel von dem ganzen Spektakel erwartet. Oft wird er nicht mehr auf den Buvnjak kommen. Es hat sich da etwas ergeben. Milutin wird heiraten.

„Krankenschwester ist sie. In Österreich“, sagt Milutin. Der Stolz in seiner Stimme ist nicht zu überhören. Sie sei etwas älter als er, verrät er. Einen Benz soll sie fahren. Ein paar Mal habe man sich getroffen, dann sei man sich einig gewesen. Milutin spricht von seiner bevorstehenden Ehe wie von einem Flohmarkthandel. Die Braut kriegt einen feschen, jungen Mann. Und er einen Aufenthaltsstatus in einem EU-Land. Es ist Milutins Chance. Sein Ticket raus aus Belvil.
Und Stojan? Der wird wohl in seinem Container sitzen bleiben. Und rauchen und laute Musik hören und von einem anderen Leben träumen.

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