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22. Januar 2013

Rot-Grün nach der Wahl : Glücklich vereint

 Von Karl Doemens und Thorsten Knuf
Der SPD-Spitzenmann in Niedersachsen, Stephan Weil, mit dem SPD-Chef Sigmar Gabriel. Foto: dpa

Rot und Grün haben zueinandergefunden – das ist acht Monate vor der Bundestagswahl eine wichtige Botschaft aus Hannover. Im anstehenden Bundestagswahlkampf könnte sich der Ton zwischen den Lagern deutlich verschärfen.

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Rot und Grün haben zueinandergefunden – das ist acht Monate vor der Bundestagswahl eine wichtige Botschaft aus Hannover. Im anstehenden Bundestagswahlkampf könnte sich der Ton zwischen den Lagern deutlich verschärfen.

Die Kameras für die Talkshow „Günther Jauch“ waren gerade abgeschaltet, als sich im Schöneberger Gasometer die eindringlichste Szene des nervenaufreibenden Wahlabends ereignete. Kurz vor 23 Uhr schaltete die Regie zu den Tagesthemen nach Hamburg, und die Gäste der Plauderrunde blickten in Erwartung der neuesten Nachrichten gebannt auf den Studio-Monitor.

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Alles deute nun auf einen rot-grünen Regierungswechsel in Niedersachsen hin, sagte die Moderatorin Caren Miosga. Da riss es den SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann und den Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin aus ihren Stühlen, und beide Männer fielen sich vor dem applaudierenden Publikum um den Hals.

Bussi für die Sieger: die grünen Wahlsieger Anja Piel und Stefan Wenzel.
Bussi für die Sieger: die grünen Wahlsieger Anja Piel und Stefan Wenzel.
Foto: REUTERS

Rot und Grün glücklich vereint – das ist acht Monate vor der Bundestagswahl eine wichtige Botschaft der Niedersachsen-Wahl. Alles deutet darauf hin, dass sich die Lager nun weiter polarisieren werden. Trittin stimmt am Montag die Bürger schon einmal auf eine verschärfte Auseinandersetzung mit Schwarz-Gelb ein: „Aus diesem Wahlabend geht die rot-grüne Machtoption gestärkt hervor.“ Und SPD-Chef Sigmar Gabriel erklärt: „Wir haben eine Riesenchance, mit Peer Steinbrück und den Grünen den Richtungswechsel auch in Berlin herbeizuführen.“

Schlechte Umfragen für SPD

Zwölf Niederlagen von Schwarz-Gelb bei Landtagswahlen und die Aussicht auf die Mehrheit im Bundesrat lassen die zuletzt eher zweifelhafte Perspektive eines rot-grünen Bündnisses im Bund wieder plausibler erscheinen. „Die SPD und die Grünen zusammen haben eine realistische Chance“, sagt Grünen-Chef Cem Özdemir. „Wir sind jetzt gezwungen, das was der Koalition an Gestaltungswillen fehlt, über den Bundesrat nachzuholen“, kündigt SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier quasi einen schleichenden Regierungswechsel im Bund an.
Doch zunächst müssen die Sozialdemokraten noch ein paar Probleme aus dem Weg räumen, die ihnen in den vergangenen Wochen die Diskussion um ihren Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück bescherte. Die Umfragewerte der Genossen auf Bundesebene sind miserabel. Ein wirkungsvolles Rezept dagegen hat man bislang nicht gefunden.

In dieser Lage kommt dem niedersächsischen Spitzenkandidaten der Sozialdemokraten, Stephan Weil, eine ganz besondere Bedeutung zu. Er wird am Montag in Berlin geradezu überschwänglich gefeiert: als politischer Langstreckenläufer, als bescheidener Sieger und als authentischer Sozialdemokrat.

„Ich freue mich, dass ich ein ganz klein wenig gute Laune aus Hannover ins Willy-Brandt-Haus gebracht habe“, sagt der Mann mit einem feinen Lächeln. Extrovertierte Gefühlsausbrüche sind seine Sache nicht. Er freut sich nach innen. „Ich habe mich erst einmal gekniffen“, gesteht er später im kleinen Kreis. „So ganz habe ich das noch nicht begriffen. Das muss ich erst einmal sacken lassen.“

Soviel Understatement, gepaart mit feinem Humor, kontrastiert auf angenehme Weise mit dem bisweilen ziemlich breitbeinigen Auftritt des Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. Deshalb kommt Weils Ratschlägen an die Bundespartei besonderes Gewicht zu: Man dürfe sich nicht ablenken lassen, sondern müsse über das reden, was wirklich anliegt. Und dann solle man mit Selbstbewusstsein und Kampfesgeist in die Auseinandersetzung ziehen.
Genauso will es die SPD machen: Nach den monatelangen Steinbrück-Turbulenzen will sie nun ihre Inhalte offensiv vertreten. Die Personaldebatte über Steinbrück ist vorerst abgeblasen. Von einem Neustart ist nun viel die Rede. Eine andere Chance haben die Sozialdemokraten auch nicht. Also dankt Stephan Weil dem Kanzlerkandidaten demonstrativ: „Ich freue mich, Peer, dass wir die Landtagswahl gemeinsam gewonnen haben.“ Da greift sich Steinbrück ein bisschen gerührt ans Herz und verneigt sich dankend.

Selbstbewusste Ökopartei

Ein paar Kilometer weiter, bei den Grünen, wird der Name „Peer Steinbrück“ am liebsten gar nicht in den Mund genommen. Spitzenkandidat Jürgen Trittin windet sich bei einer Pressekonferenz mehrmals, ehe er sich zu einer Antwort hinreißen lässt.
Offene Kritik will er nicht üben. Aber durch Wortwahl und Gestus macht er doch ziemlich deutlich, dass Steinbrück der Kandidat der SPD sei. Inhaltlich verfolge man in Sachen Banken-Regulierung, Mindestlohn oder Abschaffung des Betreuungsgeldes die gleichen Ziele: „Das sind gute Voraussetzungen, um im Wahlkampf die Gemeinsamkeiten von SPD und Grünen herauszustellen.“ Ein klares Bekenntnis zu Rot-Grün. Aber für die Eskapaden des Partners in Haftung genommen werden – das wollen die Grünen nicht.

Die Protagonisten der Ökopartei platzen an diesem Tag förmlich vor Selbstbewusstsein. Schließlich haben sie ein sensationelles Ergebnis in Niedersachsen eingefahren. Nahezu allen anderen Parteien konnten sie Wähler abspenstig machen.
Das zeigt: Wie zuvor in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein haben die Grünen inzwischen auch im Agrar- und VW-Land Niedersachsen in der bürgerlichen Mitte Fuß gefasst. Genau das ist auch ein Ziel für die Bundestagswahl im Herbst. „Man kann die schwarz-gelbe Mehrheit brechen aufgrund des Wachstums der Grünen“, sagt Trittin. So sieht sich die Partei inzwischen: als Turbo für Rot-Grün und nicht länger als der kleine Hilfsmotor, der die großen Sozialdemokraten über die Ziellinie schiebt.

Seit Wochen ziehen die grünen Spitzenleute durchs Land und sagen, wer Rot-Grün wolle, müsse seine Zweitstimme den Grünen geben. Angesichts des Wahlausgangs von Hannover hofft die Parteiführung, dass jetzt auch die leidigen Debatten über schwarz-grüne Optionen verstummen. Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt, die wie kaum sonst jemand für die neue Bürgerlichkeit der Grünen steht, sagt: „Wir haben auch Rückenwind bekommen dafür, dass wir deutlich gemacht haben, mit wem wir den Wechsel wollen.“
Dieser Jemand sind die Sozialdemokraten, daran kann spätestens seit Sonntag nicht mehr der geringste Zweifel bestehen. So feierten nach der Talk-Runde im Gasometer am Sonntagbend SPD-Mann Oppermann und Grünen-Mann Trittin zusammen. Es gab Pizza und Wein.

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