Nach rund einer Stunde erlaubt Mauricio Rodriguez sich den ersten Anflug von Stolz. Der 63-Jährige, den alle "Pipo" nennen, kramt eine silberfarbene Schachtel hervor, darin, auf Watte gebettet, eine vergoldete Medaille. Er fährt mit dem Daumen darüber: "Heroe Nacional Pipo Rodríguez", steht darauf, Nationalheld Pipo Rodríguez: "Die habe ich nach dem Spiel in Mexiko-Stadt bekommen", sagt er. Ein breites Lächeln legt sich auf sein Gesicht.
Am regnerischen Abend des 27. Juni 1969 schoss Pipo, Stürmer der Nationalmannschaft von El Salvador, in Mexiko-Stadt ein Tor gegen Honduras. Aber während die Teams um die Teilnahme an der Weltmeisterschaft 1970 kämpften, stimmten die Militärmachthaber die Bevölkerung auf einen Krieg ein, der längst beschlossen war: Er ging als "Fußballkrieg" in die Geschichte ein.
Die Länder waren so etwas wie Bruderstaaten: gemeinsame Wurzeln, die gleiche Sprache, die Flaggen ähneln sich zum Verwechseln, nicht mal eine richtige Grenze gab es. Doch am 14. Juli überfiel El Salvador das Nachbarland. Der Konflikt dauerte nur 100 Stunden - doch in dieser Zeit verloren mehrere tausend Menschen ihr Leben; bis heute schwanken die Angaben zwischen 3000 und 6000.
Zehn Jahre Eiszeit
100 Stunden Krieg zogen zehn Jahre Eiszeit nach sich: Der Gemeinsame Zentralamerikanische Markt brach zusammen, da El Salvador seine Waren nicht mehr über Honduras exportieren durfte, Zehntausende Salvadorianer wurden aus Honduras vertrieben. Erst 1980 wurde ein Friedensvertrag unterzeichnet, in den 90er Jahren legte der Internationale Gerichtshof in Den Haag die Grenzlinie beider Staaten fest. Gab es einen Sieger? Der salvadorianische Historiker Knut Walter schüttelt den Kopf: "Nur Verlierer."
Heute sei der Konflikt in El Salvador fast völlig vergessen, sagt der Journalist Rodrigo Arias. Ein Hauptgrund sei der Bürgerkrieg von 1980 und 1992, der die Erinnerung an jeden anderen Konflikt verdränge: "Wir Salvadorianer haben uns gegenseitig so gehasst, dass gar kein Platz mehr war und ist für den Hass auf Andere".
Eine halbe Flugstunde entfernt, in der honduranischen Hauptstadt Tegucigalpa, erzählt Walter Hernández, warum die Wunden hier frischer sind: "Honduras wurde angegriffen, und wir hatten keinen Bürgerkrieg", sagt der Filmemacher, der zum Jahrestag einen Dokumentarfilm gedreht hat: "Fuego en el Cielo - Feuer am Himmel". Vor allem in den Grenzregionen "gibt es noch Misstrauen und Groll, denn fast jede Familie hat Geschichten von Raub, Mord und Vergewaltigung durch die salvadorianische Nationalgarde zu erzählen". Aber die Jungen wissen auch in Honduras kaum noch von dem Krieg.
Dabei existieren die Ursachen heute noch genauso: Armut in beiden Ländern, Überbevölkerung in El Salvador. Das Land von der Fläche Hessens platzt aus den Nähten, es gibt längst nicht genug Arbeit. 2,3 Millionen, ein gutes Drittel aller Salvadorianer, leben in den USA. Vor 40 Jahren war das Ziel der Auswanderer Honduras, sechs Mal so groß wie El Salvdaor, aber damals mit nur halb so vielen Einwohnern. Über die Jahrzehnte eigneten sich rund 300 000 Salvadorianer jenseits der Grenze Land an; die Regierung in Tegucigalpa tolerierte es, den Großgrundbesitzern in El Salvador waren froh, die Campesinos los zu sein. Erst als Honduras sie zurückschicken wollte, begann der Fußball-Krieg.
"Wir hatten keinen Schuss mehr"
Nach 100 Stunden vermittelte die Organisation Amerikanischer Staaten einen Waffenstillstand. "Wir hatten keinen Schuss Munition mehr. Keine Seite war in der Lage, die andere zu besiegen", erzählt César Elvir, damals Mitglied des Generalstabs der honduranischen Streitkräfte.
Pipo Rodríguez packt seine Helden-Medaille zurück in die Schachtel. Dann spricht er wieder so distanziert wie ein Historiker: "Wir wurden für politische Zwecke benutzt und hatten das Gefühl, Stolz und Ehre Salvadors hingen an unseren Fußballstiefeln."
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