Aktuell: Fußball-EM 2016 | Brexit | HIV und Aids | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | Zuwanderung Rhein-Main
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

26. August 2014

Rücktritt Wowereit: Die Luft ist raus

 Von 
Seit 2001 war Klaus Wowereit Berlins Regierender Bürgermeister. Jetzt hat er Schluss gemacht - bevor es andere tun.  Foto: AFP

Von Berlins Darling zum SPD-Problembär – Klaus Wowereit geht, solange er noch kann. Und hat trotzdem alle in der SPD mit seinem Schritt überrascht.

Drucken per Mail

Niemand in Berlin konnte so regungslos dasitzen, wie Klaus Wowereit. Ob in seinem Büro im Roten Rathaus oder in seinem Sessel im Berliner Abgeordnetenhaus: Er fläzte sich hin und erstarrte, man wusste nicht, atmet er noch, denkt er, hört er zu, ist er wach, tut er überhaupt irgendetwas? Wie ein Krokodil, das träge an einem Fluss in der Sonne döst, so wirkte er. Ein altes gefährliches Krokodil, das dann blitzschnell losrennt und zuschnappt, wenn sich etwas Fressbares bietet.

In den vergangenen Monaten war wenig zu sehen von Klaus Wowereit, 60 Jahre alt, SPD, seit 13 Jahren Regierender Bürgermeister von Berlin. Geradezu reglos wirkte das einst so muntere Stadtoberhaupt, während sich um ihn herum das Unheil aus sinkenden Umfragewerten, Groll in der SPD und permanenter politischer Glücklosigkeit zusammenzog wie ein schlimmes Gewitter.

Nun hat Wowereit reagiert, zur Überraschung aller. Gerade noch rechtzeitig hat sich das alte Krokodil bewegt und zugeschnappt. Noch einmal bestimmt er das Geschehen in seinem Berlin, auch wenn es nur um seinen Abgang aus der Politik geht. Rücktritt zum 11. Dezember, Abgeordnetenhaus-Fraktion und Landespartei mögen bitte einen Nachfolger ausgucken. Es sei nicht einfach gewesen, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Aber: „Ich gehe freiwillig.“

So teilt er es am Dienstag Mittag im Roten Rathaus mit. Ein erkennbar zerknirschter und auch mürrischer Regierungschef gibt seinen Rücktritt bekannt. Er ist sauer, auf die Presse und seine SPD. Der Ausdruck „schwere Zeiten“ fällt mehrere Male und natürlich auch das peinliche Kürzel BER, der Flughafen Berlin-Brandenburg, den Wowereit im Mai vor zwei Jahren schon einweihen wollte und dessen Fertigstellung immer noch in den Sternen steht. „Ein aufzehrendes Amt“, nennt Wowereit den Berliner Bürgermeisterjob. Und so, wie er auf seinem Stuhl hin und her rutscht, muss man ihm das glauben. Er ist am Ende, Luft und Lust sind raus, ein letzter Kraftakt: Jetzt Schluss machen, bevor es andere tun.

Klaus Wowereit lässig bei der WM 2014 in Brasilien.  Foto: REUTERS

Er hat noch die Kurve gekriegt, bevor es richtig schlimm für ihn gekommen wäre. Anfang August hatte die „Berliner Zeitung“ eine Forsa-Umfrage veröffentlicht, wie sie der frühere „Partymeister“ von Berlin noch nicht erlebt hat: Berlins Darling „Wowi“ am Ende der Politiker-Beliebtheitsskala, die SPD tief im Keller und deutlich hinter dem Juniorpartner CDU, die stolzen Sozialdemokraten nur noch gleichauf mit den Grünen.

Das dürfte gesessen haben. Vorher schon war klar, Wowereit würde nach dem Ende der Legislaturperiode in zwei Jahren nicht noch einmal antreten. Doch nun war offensichtlich: Es muss schnell passieren, wenn nicht auch noch die letzten Reste von Ansehen den Bach runter gehen sollen. Seit einiger Zeit sägte man schon an seinem Stuhl: Jan Stöß, der SPD-Landesvorsitzende, würde gerne Nachfolger werden. Dem Fraktionschef Raed Saleh wird ähnlicher Ehrgeiz nachgesagt. Sogar Ulrich Nußbaum, der parteilose Finanzsenator, gilt einigen als geeignete Wahl. Allerdings: Alles nur Kleindarsteller der Berliner Politikbühne verglichen mit der Rampensau Wowereit in seinen besten Zeiten.

Lange Jahre war Wowereit das große Pfund der Berliner SPD, ein begnadete Darsteller, eine muntere Lichtgestalt, schlagfertig und cool, die gekonnt Privates und Politik vermischte und den grauen Genossen mit dieser Brause Glanz und Spritzigkeit verlieh. Schwul sei er und das sei auch gut so, verkündete Wowereit, als er 2001 erstmals Spitzenkandidat der Berliner SPD wurde. Ein geschicktes und Bahn brechendes Outing.

Es passte zum sich wandelnden Berlin, für das auch wieder Wowereit haargenau die richtigen Worte fand: „Arm, aber sexy.“ Das kam sehr gut an – und er tat es auch: Wenn die Verhältnisse sich schon nicht verbessern lassen, dann ertrage man sie mit Leichtigkeit. Es war die Zeit, als in den Berliner Blättern immer häufiger Bilder abgedruckt wurden, die einen feiernden und gut gelaunten Wowereit zeigten, der sich mit den Promis dieser Welt aufs Allerfeinste amüsierte, bei „Wetten dass...?“ auftrat oder gleich in Filmen mitmachte.

Einweisung ins Amt durch Wowereits christdemokratischen Vorgänger Eberhard Diepgen.  Foto: REUTERS

Aber irgendwann verlor sich beim Publikum die Feierlaune, und Wowereit schaffte nicht den Swing zur Ernsthaftigkeit zurück. Ausgerechnet Wowereit, der seit 40 Jahren in der Berliner Politik unterwegs war, sich vom Juso 1972 und Tempelhofer Bezirksrat 1979 zum Berliner Parteichef und Regierenden Bürgermeister hochboxte, schließlich auch noch bis 2013 stellvertretender SPD-Bundesvorsitzender war, diesem durch und durch politischen Tier entglitt am Ende die Kontrolle über sein „Hobby“: die Politik. Er war vom unschlagbaren und schlauen Akteur zum Problembär der Berliner SPD geworden.

Mehr dazu

Plötzlich war er ein Getriebener. Als Aufsichtsratschef des Pannen-Airports BER versuchte Wowereit, die Dinge auszusitzen und die Schuld für das Milliarden Euro teure Versagen bei anderen abzuladen. Etwas, das ihm die Berliner nicht abkauften und übelnahmen. Sein vernünftiger Versuch, auf dem alten Tempelhofer Flughafen dringend nötigen Wohnungsbau durchzusetzen, scheiterte deutlich in einer Volksbefragung. Für Wowereit war das nicht nur eine heftige Schlappe, das Ergebnis ließ sich auch als deutliches Misstrauensvotum der Berliner verstehen.

Er war nicht mehr im Spiel, am Ende gelang ihm gar nichts mehr. Zwei Amtszeiten hat er mit den Linken regiert, seit Ende 2011 arbeitete er mit der CDU zusammen, nun macht er vorzeitig Schluss. Wowereit verlässt bitter und grummelig eine Party, die schon lange keine mehr ist.

[ Lesen Sie jetzt das EM-Spezial der FR - digital oder gedruckt sechs Wochen lang ab 27,30 Euro. Hier geht’s zur Bestellung. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Fall Niels H

„Es handelt sich um keinen Einzelfall“

Von  |
Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. muss sich wegen mehrfachen Mordes und Mordversuchs vor dem Oldenburger Landgericht verantworten.

Der Fall Niels H. zeigt: Klinische Leichenschauen sind in Deutschland rar. Weil die Kosten dafür niemand tragen will, bezahlen die Patienten von Fall zu Fall mit ihrem Leben. Mehr...

Leitartikel

Das Ende der Volksbühne

Von Ulrich Seidler |

Theaterchef Frank Castorf soll gehen. Das ist in Ordnung. Nachfolger Chris Dercon wird das bisherige Gesamtkunstwerk verändern. Das ist schade.  Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung