Osterode am Harz. Kommen rumänische Arbeiter notorisch zu spät zur Frühschicht, wie NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers unterstellt? Und wissen sie nicht, was sie tun, wie der CDU-Politiker im Wahlkampf behauptete? Valentin Ilcas, Vize-Chef der Gewerkschaft Cartel Alfa in Cluj und zuständig für das Nokia-Werk in Jucu, widerspricht empört: "Das ist eine Lüge. Es kann schon deswegen keiner zu spät zur Frühschicht kommen, weil alle mit dem Werksbus abgeholt werden." Und vor Ende der Schicht könne auch so gut wie niemand früher gehen.
Anders geht es auch gar nicht: Das Dorf Jucu, wo Nokia vor drei Jahren seine Werkshallen zu bauen begann, liegt 28 Kilometer von Cluj (Klausenburg) entfernt, wo die allermeisten Beschäftigten zu Hause sind. Von den früheren Textilarbeiterinnen, die heute bei Nokia arbeiten, hat so gut wie keine ein eigenes Auto. Sie verdienen im Durchschnitt 250 Euro im Monat - bei westeuropäischen Benzinpreisen.
Rüttgers´ Sprüche über die Rumänen sind in Rumänien ohne großes Echo geblieben. Dass aber ihre Landsleute nicht über die nötige Arbeitsmoral verfügen würden, stößt auf allgemeines Kopfschütteln. Gerade in der boomenden Gegend um Cluj hält man sich auf seine Disziplin einiges zugute.
Heftiger Widerspruch kommt auch von Augustin Stanciu, dem Chefredakteur der Lokalzeitung Gazeta de Cluj. "Ich habe die Ansiedlung von Nokia von Anfang an beobachtet", sagt er. "Arbeitsmoral war nie ein Problem." Die Fakten geben ihm recht: Entlassungen in größerer Zahl hat es bei Nokia seit Beginn der Produktion im Februar 2008 keine gegeben. Die Belegschaft wuchs von anfangs 350 auf heute 1800. Auch dass sie nicht wüssten, was sie tun, lässt Stanciu nicht gelten. In Jucu werden die Nokia-Handys endmontiert und verpackt - Arbeitsprozesse, die von allen verstanden werden.
Wenn in Jucu nicht alle Träume des Nokia-Vorstands in Erfüllung gegangen sind, hat das seinen Grund nicht in der Arbeitsmoral. So lässt die versprochene Autobahn ins Tal des Kleinen Somesch auf sich warten - im rumänischen Etat herrscht seit der Finanzkrise Ebbe. Die Handypreise und der Absatz sind zurückgegangen; von 3500 Arbeitsplätzen bei voller Kapazität ist heute keine Rede mehr.
In der Region herrscht Verbitterung über die knauserigen Vorgaben der Finnen. So werden keine Mahlzeiten mehr bezahlt, und Produktionsspitzen werden mit Leiharbeitern bestritten. "So schnell, wie sie gestartet sind, haben sie auch wieder angehalten", sagt Radu Lungu, Wirt in Jucu. Die Gewerkschaft stieg auf die Barrikaden, als die Finnen das Arbeitszeitgesetz aushebeln und die gesetzliche Wochenarbeitszeit von 40 Stunden um monatlich 32 Stunden überschreiten wollten. Sie setzten sich nicht durch: Gearbeitet wird inzwischen in Früh- und Mittagsschicht. Glücklich ist allein Bürgermeister Daniel Pojar, der mit den Mehreinnahmen aus der Gewerbesteuer endlich eine neue Schule bauen konnte.
Über Rüttgers ärgern sich vor allem gebürtige Rumänen, die in Deutschland leben - wie der Chemiker Vlad D. Georgescu. Er hat nun eine Strafanzeige wegen Beleidigung und Volksverhetzung gegen Rüttgers gestellt: "Die Kanzlerin muss jetzt Stellung beziehen und Rüttgers aus der CDU ausschließen. Tut sie es nicht, sitzt sie im gleichen Boot."
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