Der von der Bundesregierung geplante Runde Tisch zum Thema sexueller Missbrauch stößt auf wachsenden Argwohn bei Fachverbänden und Opposition. Dass renommierte Organisationen, die erwachsene Missbrauchsopfer betreuen, nicht eingeladen wurden, halten die Experten für "empörend". Sie äußerten den Verdacht, die Politik täusche bloßen Aktionismus vor. Kritik übten die Fachleute auch an der "Missbrauchsbeauftragten" Christine Bergmann: Deren Vorstellung, der Runde Tisch solle auch der Versöhnung dienen, sei "eine Verhöhnung der Opfer".
Der umstrittene Runde Tisch unter der Leitung der drei Bundesministerinnen für Familie, Justiz und Bildung soll erstmals am 23. April in Berlin tagen. Nach FR-Informationen wurden bislang unter anderem der Deutsche Städtetag, die Wohlfahrtsverbände, der Olympische Sportbund und die Kirchen eingeladen. Außerdem dabei: das feministische Netzwerk BAG Forsa, die Münchner Jugendberatungsstelle Kibs und der Ulmer Professor für Kinderpsychiatrie, Jörg Fegert. Keine Einladung erhielten bislang zwei der wichtigsten Selbsthilfegruppen für erwachsene Opfer: Tauwetter (für Männer) und Wildwasser (für Frauen). Ein Sprecher des Familienministeriums wollte sich dazu auf Anfrage nicht äußern. Aus seiner Sicht habe man "alle relevanten Gruppen eingeladen".
Der Trauma-Fachberater von Tauwetter, Thomas Schlingmann, zeigte sich erstaunt. Immerhin seien es erwachsene Männer gewesen, die sowohl den Missbrauchskandal in der katholischen Kirche als auch den in privaten Internaten aufgedeckt hätten. Dass die Regierung meine, ausgerechnet auf deren Perspektive verzichten zu können, verheiße nichts Gutes, sagte Schlingmann der FR: "Es sieht so aus, als wolle sich die Politik mal wieder mit Aktionismus und vielleicht drei Plakatkampagnen aus der Affäre ziehen."
Auch die Geschäftsführerin von Wildwasser Berlin, Iris Hölling, befürchtet, "dass die Debatte auf der Alibi-Ebene verharrt". Dabei gelte es, jetzt endlich Konsequenzen aus einem umfassenden Skandal zu ziehen und Missbrauchsopfer nicht länger alleine zu lassen, so Hölling. Eine Politik, die es ernst meinte, müsste ihrer Ansicht nach zuerst dafür sorgen, dass Opfer flächendeckend Zugang zu Beratung und Hilfe hätten. "Das ist bislang nicht der Fall." Über Verjährungsfristen nachzudenken, sei sicher auch sinnvoll, sagte Hölling.
Davor aber sei es wichtig zu erkennen, "dass bislang nicht mal ausgenutzt wird, was im Strafrecht schon möglich ist". So kämen Pädokriminelle vor Gericht oft deswegen davon, weil den Opfern nicht geglaubt werde. Fachleute wiesen seit Jahren auf die Ungleichbehandlung von Opfern und mutmaßlichen Tätern hin: Erstere würden in Prozessen grundsätzlich einer Glaubwürdigkeitsprüfung unterzogen, letztere meist nicht. "Das weiß die Politik", so Hölling - geändert habe sie daran nichts.
Grundsätzliche Zweifel an der Entschlossenheit politisch Verantwortlicher äußerte auch Ursula Enders, Gründerin und Leiterin der Opferberatungsstelle Zartbitter. So habe sich die Bundesregierung etwa 2002, nach dem Weltkongress gegen sexuelle Ausbeutung in Yokohama, unter anderem dazu verpflichtet, einen Verhaltenskodex für Mitarbeiter von Institutionen zu erstellen, die mit Kindern arbeiten. Gäbe es diesen, so Enders, könnte man übergriffigen Lehrern, Pfarrern, Sporttrainern längst mit arbeitsrechtlichen Konsequenzen drohen. Dass es ihn nicht gibt, sei vor allem ein Versäumnis von Ex-Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU). Sie hoffe, "dass der Runde Tisch die Politik endlich mal in die Verantwortung nimmt", sagte Enders der FR. Nach Lage der Dinge glaube sie aber nicht daran.
Diese Skepsis teilen die Grünen: Die Regierung habe zu spät und zu schwach reagiert, kritisierte Fraktionsvize Ekin Deligöz, die auch Vorstandsmitglied von Unicef Deutschland ist, gegenüber der FR. "Straftaten müssen aufgeklärt und verfolgt, statt an Runden Tischen folgenlos besprochen werden." Der Runde Tisch sei "eher ein Zeichen der Unsicherheit als des entschlossenen Handelns: Er ist nicht unabhängig, und seine Aufgabenstellungen, Befugnisse und Ziele sind bislang ungeklärt".
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