Zum ersten Mal seit dem Ende des Kalten Krieges schickt Moskau Kriegsschiffe in die Karibik - zu gemeinsamen Manövern mit Venezuela. Dessen linker Präsident Hugo Chávez will so den USA entschiedener die Stirn bieten als bisher.
Es klang erst wie die übliche Dampfplauderei. "Wenn die Russen mit ihrer Flotte durch die Karibik kommen und in Venezuela Halt machen wollen für einen Besuch - willkommen", sagte Chávez vor zehn Tagen in seiner TV-Sendung leichthin, und große Schlagzeilen machte das nicht. Aber kurz darauf bestätigten die Russen, dass sie im Oktober für gemeinsame Flottenmanöver kommen wollen, und vergangenen Mittwoch waren sie schon da: Zwar nicht, wie angekündigt, mit dem atomgetriebenen Kreuzer "Peter der Große" und drei weiteren Schiffen. Aber mit zwei Langstreckenbombern vom Typ Tu-160, die nach 13 Stunden Flug auf der Luftwaffenbasis Libertador landeten. Die Demonstration militärischer Macht in der Karibik gilt natürlich den USA und der Nato. Russland ist verärgert darüber, dass der Westen seinen Raketenschutzschirm bis nach Polen und Tschechien aufspannen will, und seit dem Georgien-Konflikt sind die Spannungen noch gewachsen.
Natürlich zogen Experten die Parallele zur Kuba-Krise 1962, als Moskau Flugkörper auf Kuba stationierte, als Antwort auf US-Raketen in der Türkei. Doch der Vergleich verbietet sich. Von der Gefahr eines Weltkrieges kann keine Rede sein. Russland will einzig unterstreichen, dass nicht nur die USA fernab der Heimat militärische Präsenz zeigen können.
Hugo Chávez hat allerdings mit Hilfe Moskaus erreicht, was ihm in den vergangenen zehn Jahren nicht gelang: Die USA müssen ihn nun als weltpolitischen Faktor ernst nehmen. Der Linkspopulist hat zwar keine Gelegenheit ausgelassen, Washington zu provozieren. Aber solange sein Öl weiter zu ihnen floss, blieben die Amerikaner gelassen. Nun hat sich Chávez jedoch an die Russen gehängt, und so sehr Moskau auch versichert, Manöver mit anderen Ländern seien das Normalste der Welt - der Schulterschluss in der Karibik kann die USA nicht kalt lassen.
Chávez spricht von "strategischer Partnerschaft" mit Russland, dessen Erstarken seinem Ideal einer multipolaren Welt entgegenkommt, in der die USA nur eines unter mehreren Machtzentren wäre. Die Russen verkaufen ihm außerdem die Waffen, die die USA ihm verweigert haben. Zurzeit bestehen Lieferverträge über ein Volumen von 4,3 Milliarden US-Dollar. Viel Geld - aber dass Venezuela mit russischer Hilfe einen Rüstungswettlauf begonnen habe, wie die Chávez-Gegner sagen, ist durchaus strittig. 2006 hat das Land vergleichsweise bescheidene 1,39 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung ausgegeben, weit weniger als etwa Chile mit 2,94 Prozent.
Natürlich macht sich Chávez mit seiner polemischen Art auch in der Region nicht nur beliebt. Doch mit seinen Angriffen auf die USA erntet er durchaus Sympathie. Denn die Reaktivierung der Vierten US-Flotte, die künftig Terroristen und Drogenschmuggler fangen soll, hat in Lateinamerika Besorgnis ausgelöst. Man befürchtet, die USA wollten Venezuela einschüchtern und sich womöglich Öl und Bodenschätze sichern. Chávez nährt diese Ängste nach Kräften: "Eine neue Offensive des Imperiums ist im Gang , die Pläne für den Staatsstreich kehren wieder", sagte er jetzt in Anspielung auf die Invasion in der Schweinebucht 1961, als kubanische Söldner mit US-Unterstützung Fidel Castro stürzen wollten.
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