Vier Jahre nach dem Abwurf der ersten Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki 1945 durch die USA war auch die Sowjetunion zu einer Atommacht geworden - mit einem Atombombenabwurf im August 1949 auf dem Testgelände von Semipalatinsk im Nord-Osten Kasachstans. Seitdem ließ die Sowjetregierung bis 1990 mehr als 700 Atombomben auf das eigene Land fallen oder in der eigenen Erde zünden.
Die Insel Nowaja Semlja im Nordpolarmeer und Semipalatinsk waren die wichtigsten Testregionen. Und neben den Soldaten war die Zivilbevölkerung in den angrenzenden Gebieten die wichtigste Versuchsgruppe. Kaum ein Land verfügt heute über so viel medizinisches Material über gesundheitliche Entwicklung bei Menschen, die verstrahlt waren oder in verstrahlten Gebieten leben.
Die Zahl der Opfer bei militärischen und zivilen Nutzungen der Atomenergie ist seit dem Jahr 1945 ein dauerhaftes Streitthema: Die Internationale Strahlenschutzkommission (ICRP) sprach noch bis Ende der 90er Jahre von weltweit 1,2 Millionen Toten in Folge von Einsatz, Tests und Unfällen bei Atombomben und Atomanlagen.
2003 stellte die European Committee on Radiation Risk (ECRR) eine andere, viel höhere Zahl entgegen: 61,6 Millionen plus 1,6 Millionen toten Neugeborenen plus 1,9 Millionen gestorbenen Ungeborenen.
Die Zahl beruht auf neueren Forschungen. Außerdem berücksichtigte die ECRR nicht nur die Folgen einer kurzen starken Verstrahlung, sondern die Langzeitfolgen schwacher Strahlung.
Neben den USA, der Sowjetunion und Frankreich hat auch Großbritannien (unter anderem in den Vereinigten Staaten und in Australien) seine militärische Atomtechnik getestet. Hinzukommen Staaten wie China, Indien, Pakistan, Nordkorea. Ob Israel eine Atombombe in Südafrika getestet hat, kann nicht bewiesen werden.
Die Unfälle in der Atomwaffen-Anlage Majack 1957 und Tschernobyl 1986 lieferten noch mehr "Forschungsobjekte". Doch erst der weltweit öffentlich registrierte Tschernobyl-Unfall zwang die Sowjetunion ein Entschädigungsgesetz für die Opfer des Unfalls zu formulieren. Erst 1998 wurde das Gesetz auf die Opfer des Majak-Unfalls ausgedehnt und erst 2002 übernahm Russland die Verantwortung für die Opfer der Semipalatinsk-Tests - allerdings nur für die Staatsbürger Russlands. Die verstrahlten Kasachen interessierten den Kreml nicht.
Neben medizinischer Hilfe, einer bevorzugten Behandlung in Kliniken und Apotheken erhalten die Betroffenen zwar auch Geld. Doch das seien Pfennigbeträge, sagt Sebastian Pflugbeil, deutscher Physiker und langjähriger Berater der Organisation internationaler Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW). Die Betroffenen selbst nennen die Staatshilfe "Grabgeld", erzählt Vladimir Tschouprow von Greenpeace-Russland in Moskau der FR.
Wie viele Menschen von den Tests betroffen waren und wie viele an deren Folgen starben, das ist ein großer Streit. "Bis Anfang der 90er Jahre wurden sehr hohe Zahlen genannt", berichtet Pflugbeil. Nachdem westliche Forscher in Semipalatinsk die Daten eingesehen haben, "reden westliche Staaten die Gefahren nun klein. Auffällig ist, dass es die Staaten sind, die die Atomtechnik militärisch oder zivil nutzen", sagt Pflugbeil.
Bernd Grosche, vom Bundesamt für Strahlenschutz, war auch Anfang der 90er in Nord-Ost-Kasachstan. Anhand der Daten, die er vorfand, ließ sich "eindeutig ein Zusammenhang zwischen der Strahlung und den Krebserkrankungen nachweisen", sagt Grosche der FR. Doch die wichtigste Erkenntnis war eine andere: "Das Risiko, in der Umgebung des Testgeländes zu erkranken, war höher, als man angenommen hatte."
Die Langzeitfolgen für die Betroffenen ergaben sich weniger aus einem Atomtest selbst, sondern vielmehr aus dem sogenannten Fallout - dem Niederschlag, der als Staub und giftiger Regen auf Landwirtschaftflächen, Nutzvieh und Menschen niederging.
Dass die Zahl der Verstrahlten in der Sowjetunion und im heutigen Russland in die Hunderttausende gehen muss, darauf deutet ein Atomtest aus dem September 1954: Ähnlich den USA simulierten die Sowjets einen Atomkrieg mit 45 000 Soldaten auf dem Militärgebiet Totskij, im Süden Russlands zwischen Samara und Orenburg.
Die Wehrpflichtigen wurden nur wenige Stunden nach der Explosion der Bombe als Angreifer und Verteidiger in das Gebiet der Explosion geschickt. Offiziell gab es keine Opfer. Nach ihrer Dienstzeit verloren sich die Soldaten in alle Richtungen des Riesenreiches und mit ihnen die Spuren dieses geheimen Menschenversuchs.
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