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13. Dezember 2010

Russland: „Töten, töten!“

 Von Christian Esch
Rechtsradikale in Moskau misshandeln einen Mann, dessen Aussehen auf eine Herkunft aus dem Kaukasus schließen lässt.  Foto: rtr

Vor den Mauern des Kreml machen rechte Fußballfans Jagd auf Kaukasier. Stundenlang tobt sich der Mob im Moskauer Zentrum aus. Die Hauptstadt des WM-Gastgeberlandes erlebt eine Explosion der Gewalt.

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Moskau –  

Unter der Erde tobt der Mob. Er schreit aus Hunderten Kehlen, was er schon oben vor den Mauern des Kreml gerufen hat, aber hier schallt es laut von den Wänden der U-Bahn zurück. „Russland den Russen, Moskau den Moskauern!“ Es sind fast alles junge Männer, sie schleudern wild ihre Arme nach vorne und wärmen sich an ihrem Hass.

Es ist Samstagabend, auf der U-Bahn-Station „Ochotny Rjad“ direkt vor dem Roten Platz ist Feiertagsverkehr. Die aus der U-Bahn steigen, verstehen nicht, was hier vorgeht, so wie wohl auch ganz Moskau noch nicht verstanden hat, was an diesem Tag in der Stadt vorgeht.

Wie besessen treten sie auf den Liegenden ein

Ein Zug fährt ein. Sofort springen die Männer in die Waggons auf der Suche nach fremden Gesichtern. Ein junger Mann, dem Äußeren nach aus Zentralasien, wird von drei Schlägern von der Bank gerissen, dann treten sie wie besessen auf den Liegenden ein: „Tö-ten, Tö-ten, Tö-ten!“

Der 11. Dezember 2010 wird in die Geschichte Moskaus eingehen. In einer Stadt, wo noch die friedlichste ungenehmigte Demonstration sofort von einem Heer von Polizisten gesprengt wird, haben sich rechte Fußballfans und Nationalisten stundenlang im Zentrum ausgetobt.

Es ist die schlechteste Werbung für Russland als Austragungsort der Fußball-Weltmeisterschaft 2018. Der Tag hatte mit einer Kundgebung im Norden Moskaus begonnen. Tausende Fußballfans hatten Blumen an einer Bushaltestelle niedergelegt, wo vor einer Woche Jegor Swiridow erschossen worden war. Der Fan des Fußballklubs Spartak Moskau war in eine Schlägerei mit Männern aus dem Nordkaukasus geraten. Woran der Streit sich entzündete, ist unklar, aber am Ende war Swiridow tot, seine Begleiter verletzt.

Die Polizei, die alle sechs Kaukasier festgenommen hatte, ließ alle fünf frei bis auf den Schützen, einen Mann aus Kabardino-Balkarien. Daraufhin sperrten wütende Fans den Leningrader Prospekt. Von den vier Moskauer Fußballklubs, die in der ersten Liga spielen, ist Spartak der mit der größten Fangemeinschaft. Swiridow gehörte zum aktiven Kern – er soll in der Hooligangruppe „Union“ mitgemacht haben und wollte am Mittwoch das Champions-League-Spiel gegen Zilina in der Slowakei besuchen. Er hat das Spiel nicht mehr erlebt. Dafür erlebten die Slowaken eine Spartak-Fantruppe außer Rand und Band, das Spiel wurde unterbrochen.


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Ein Lynchmob aus rechten Hooligans

Dass unter den Spartak-Fans Rechte und sogar Rechtsradikale sind, ist bekannt. Wie fließend die Übergänge sind, war am Samstag zu beobachten. Hatten morgens Fußballfans friedlich demonstriert, so strömten am Nachmittag gewaltbereite Rechte auf den Manege-Platz. 5000 Menschen standen dort, umgeben von Omon-Polizisten. Sie warfen Feuerwerk, Eisbrocken und Metallstangen auf die Polizei und drohten eine Gruppe von Jungen aus dem Kaukasus zu lynchen, die zufällig in die Menge geraten war. Die Polizei trieb sie mit Knüppeln zurück.

Gegen halb fünf, in der Dunkelheit leuchten die Sterne des Kreml, stehen immer noch etwa tausend Demonstranten auf dem Platz. Eine schwarz-gelb-weiße Fahne weht, Zeichen der Nationalisten. „Schluss mit den Morden an Russen!“ skandieren sie, oder „Kadyrow ist ein Hund“. Damit ist Ramsan Kadyrow gemeint, das Oberhaupt Tschetscheniens.

Ob es auf den Straßen öfter zu Gewalt durch Fremde kommt, wie die Demonstranten behaupten, ist ungewiss. Messbar abgenommen hat die Zahl der Überfälle auf Fremde, die in Moskau noch vor drei Jahren erschreckend hoch war; aber seither gehe die Polizei stärker dagegen vor, sagt Alexander Werchowski, Experte für nationalistische Gewalt. Umso verwunderlicher ist, dass die Miliz diesmal so wenig unternommen hat. Eine solche Gewaltexplosion hat es in Moskau seit acht Jahren nicht mehr gegeben. Damals waren Fans, erzürnt über die Niederlage der Nationalelf gegen Japan bei der Fußball-WM, randalierend durchs Zentrum gezogen.

Polizei war gewarnt

Diesmal war die Polizei allerdings gewarnt. Aber vielleicht wähnte sie sich in Sicherheit, weil sie sich mit den Fangruppen abgesprochen hatte. Russlands oberster Ermittler Alexander Bastrykin hatte der Fangemeinde „Fratria“ eine Untersuchung des Swiridow-Falls versprochen, und „Fratria“ forderte die Fans auf, das Treffen am Kreml zu meiden. Vergeblich.

Noch am Samstag meldete sich Innenminister Raschid Nurgalijew zu Wort. Er versprach die Bestrafung des Überfalls auf Swiridow, rief aber zu Ruhe und Ordnung auf. Die ist eingekehrt. Die Rede ist von zwei Schwerverletzten, Tote hat es nicht gegeben. Die Trümmer auf dem Manegen-Platz sind weggeräumt. Aber der ohnehin brüchige Anschein des Friedens in Moskau ist dahin.

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