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09. Februar 2016

Russland: Putins potentieller Nachfolger

 Von 
Aus dem Schatten ins Licht: Putins Vertrauter herrscht nun über eine wichtige Region.  Foto: imago/ITAR-TASS

Einst beschützte Alexei Djumin den russischen Präsidenten, nun darf er die wirtschaftliche schwache Region Tula regieren. Formal ist der neue Job eher der Knick einer steilen Karriere. Manche setzen trotzdem schon auf Djumin als potentiellen Nachfolger Putins.

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Moskau. –  

Bisweilen war ihre Kameradschaft hauteng und tollkühn. 2010 harpunierte Wladimir Putin aus einem Schlauchboot in der Bering-See eine Grauwal mit einem Betäubungspfeil. „Schrecklich, Putin zielt aus einer Armbrust auf einen 15-Meter-Wal, der wie eine gigantische Kerze aus dem aufgewühlten Meer herausschießt“, schildert der Kremlkorrespondent der Massenzeitung „Komsomolskaja Prawda“. „Djumin aber war neben Putin, hielt ihn fest, umarmte seinen Rumpf.“ Alexei Djumin war damals Putins Adjutant, einer der wenigen Vertrauen, die sogar in Putins Villa in Nowo-Ogarjowo übernachteten.

Vergangene Woche hat Präsident Putin seinen ehemaligen Leibwächter Aleksei Djumin, 43, zum Gouverneur der Region Tula ernannt. Und nun spekuliert Moskaus Öffentlichkeit, ob Putin den Sicherheitsmann als neue Figur in der russischen Politik installieren möchte. Oder ob er den Kraftmensch mit der Meckifrisur und den dichten Augenbrauen gar zu seinem Nachfolger aufbaut.

Erster Einsatz im zivilen Bereich

Formal ist der neue Job in Tula eher der Knick einer steilen Karriere. In Kursk geboren, kam Djumin sich nach einem Studium an der Woronoscher Militärhochschule für Radioelektronik 1995 zum Föderalen Überwachungsdienst, zuständig für die Sicherheit der Staatsführung, diente unter Putin als Sicherheitsoffizier im Kreml. Als Putin 2008 ins Amt des Regierungschef wechselte, wurde Djumin sein Adjutant, 2012 Stellvertretender Chef des präsidialen Sicherheitsdienstes, 2014 übernahm er den gleichen Posten beim Militärgeheimdienst GRU. 2015 – schon als Generalleutnant – wurde er erst Stabschef der Landstreitkräfte, ab Dezember stellvertretender Verteidigungsminister. Der Job, Tula zu verwalten, eine an Rüstungsfabriken reichen, aber wirtschaftlich eher schwache Region, wirkt dagegen weniger sexy.

Aber kremlnahe wie oppositionelle Beobachter vermuten, Putin habe den Gefolgsmann erst als Kommandeur von Geheimdienst- und Militäroperationen erprobt, nun betraue er Djumin mit dem Gouverneursposten, um sein politisches Profil zu erweitern. „Die einzige Erfahrung, die Djumin fehlt, ist Arbeit im zivilen Bereich“, bloggt Sergei Dorenko, Chefredakteur der Radiostation „Goworit Moskwa“. Er setzt schon auf Djumin als potentiellen Nachfolger Putins. „Man sollte bereits heute jeden seiner Schritte verfolgen.“ Die kritische Zeitschrift „New Times“ titelt schon „Wer sind Sie, General Djumin?“ – in Anspielung an Putin, der 1999 ebenfalls als fast Unbekannter Präsidentschaftskandidat wurde.

Djumin ist verheiratet, über Kinder ist nichts bekannt, wie über sein gesamtes Privatleben. Aber Djumin ist „Held Russlands“. Unklar auch, wofür genau er das höchste staatliche Ordenskreuz erhielt. Angeblich leitete er die Rettung des flüchtenden ukrainischen Staatschefs Viktor Janukowitsch vor den Kiewer Rebellen im Februar 2014. Danach war er laut der Nachrichtenagentur Tass als Kommandeur der „Streikkräfte für Spezialaufgaben“ an der Organisation der Krim-Annexion im März beteiligt gewesen sein.

„Er hatte es nie eilig, nach der Arbeit heim zu kommen“, sagt ein Bekannter Djumins der Internetzeitung „gazeta.ru“. „Die Aufgaben, die ihm gestellt wurden, erfüllte er immer – um jeden Preis.“ Ein Mann aus dem Verteidigungsministerium sagte „New Times“, Djumin habe Armee, Innenministerium und die Geheimdienste FSB und GRU sehr gut koordiniert und Putin dabei ständig informiert.

Loyaler, kluger Berufskrieger

Verteidigungsminister Sergei Schoigu findet nur lobende Worte für Djumin. Beide sind Eishockeyfans – wie ihr Chef Putin. Djumin engagiert sich für den Petersburger Klub SKA, gesponsert von Gasprom und gemanagt von den Oligarchen und Putinkumpeln Gennadi Timtschenko und Roman Rotenberg.

Djumin wagt sich auch selbst aufs Eis, in der sogenannten „Nachthockeyliga“. Dort spielen russische Exhockey-Altstars, Promis wie Schoigu, Rotenberg oder Wladimir Potanin, laut Forbes der zu Zeit reichste Russe. Und vor allem Wladimir Putin. Djumin aber steht im Tor. Wobei die Torhüter der Nachthockeyliga bekanntlich dazu neigen, daneben zu greifen – je nachdem, wer schießt. Man müsse wissen, spottet die Zeitung „Wedomosti“, wann die Staatsräson es befehle, einen Puck zu halten oder rein zu lassen.

Djumin scheint also die Übersicht behalten zu haben. Ein erprobter, loyaler, kluger Berufskrieger. „Das Gewicht der Sicherheitsorgane wächst“, sagt der Politologe Jewgeni Mintschenko. Viktor Solotow, Djumins Vorgänger als Chef der Kremlsecurity, kommandiere inzwischen die Streitkräfte des Innenministeriums.

Der neu ernannte Gouverneur selbst ließ durchblicken, dass der dem Kreml weiter treu diene, egal welche Pläne man dort hege. „Ich bin Soldat. Das Vaterland sagte ,Vorwärts!‘, ich antwortete: ,Zu Befehl!‘“, erläuterte er vor Journalisten. Ob er sich über seine Ernennung freue? „Ja natürlich. Alles andere wäre nicht richtig.“

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