Aktuell: Wochenend-Magazin FR7 | FR-Recherche: Medikamententests an Heimkindern | Türkei | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

10. März 2016

Russland und Ukraine: Kriegsgefangene ohne Krieg

 Von 
Eine Aktivistin fordert in Tbilisi, Georgien, die Freilassung von Nadija Sawtschenko.  Foto: rtr

Die ukrainische Kampfpilotin Nadija Sawtschenko ist Kriegsgefangene in Russland, obwohl es offiziell keinen Krieg gibt. Mit einem Hungerstreik will sie ein Urteil erzwingen. Für das Regime ist die Nationalistin eine unangenehme Gefangene.

Drucken per Mail

Am 8. März hat Russland den Internationalen Frauentag begangen, wie immer mit besonderer Hingabe: Schulen und Büros waren geschlossen, die Blumenverkäufer haben Sonderschichten eingelegt, und der Präsident hat der russischen Frau zu ihrer Weiblichkeit gratuliert. „Gerade in der Frau, in ihrer Würde und Barmherzigkeit, zeigt sich die wahre Seele Russlands“, hat er gesagt.

Am Morgen darauf ist es vorbei mit der hübschen Rhetorik und den blumigen Komplimenten, jedenfalls im Stadtgericht von Donezk, einer Kleinstadt an der Grenze zur Ukraine. In Saal 11 findet an diesem Tag eine Art grausame Machtprobe statt, eine Wette auf Leben und Tod. Es stehen gegeneinander: Der russische Staat auf der einen Seite, eine einzelne Frau auf der anderen.

Mehr dazu

Die Frau heißt Nadija Sawtschenko, ist Kampfpilotin und ukrainische Nationalistin und passt so gar nicht zu den Klischees der zarten, sanften Frauen, die am Vortag aufgetischt wurden. Sawtschenko ist der Tötung zweier russischer Journalisten im Juni 2014 nördlich von Lugansk angeklagt. Damals tobte dort der Krieg zwischen ukrainischer Armee und Freiwilligentruppen und den von Russland unterstützten Separatisten.

Die Anklage mitsamt dem geforderten Strafmaß von 23 Jahren ist absurd, sie ist im Grunde nichts als der Versuch, Sawtschenkos Inhaftierung in Russland nach außen zu rechtfertigen – man kann sie ja nicht eine Kriegsgefangene nennen, wenn man offiziell nicht Krieg führt. Die Anklage hat Aufsehen erregt und Empörung im Ausland – nicht nur in der Ukraine, wo Sawtschenko während ihrer Haft ins Parlament gewählt wurde, sondern auch im Europarat, dessen parlamentarischer Versammlung sie ebenfalls angehört. Sawtschenko hat stets ihre Unschuld beteuert. Aber es geht nicht um die Logik des Rechts, sondern um die Logik der Macht. Und deshalb hat sich Nadija Sawtschenko entschlossen, den übermächtigen russischen Staat durch eigene Entschlossenheit zu übertrumpfen, sie hat alles auf eine Karte gesetzt und verweigert Nahrung wie Getränke. Über sechs Tage hat sie das getan. Erst am Donnerstag nahm sie laut ihres Anwalts wieder Wasser zu sich. Feste Nahrung verweigert sie weiterhin. Wie sie da im Glaskäfig für die Angeklagten steht, mit kurzen Haaren und einem T-Shirt mit dem ukrainischen Dreizack darauf, sieht man ihr wenig an vom radikalen Hungerstreik.

Zorn gegen die Richter

Aber sie wirkt zappelig und fahrig. Sie hat Herzrasen und Fieber, sagen ihre Anwälte anschließend. Sie hat entsetzlich kalte blaue Hände, sagt ihre Mutter. Sie ist ein Schatten ihrer selbst, sagt eine Mitstreiterin.

Im Saal sitzen Sawtschenkos Mutter und ihre Schwester, der ukrainische Konsul aus Rostow, Diplomaten aus fünf EU-Ländern. Die meisten Journalisten wurden in einen Nebenraum mit Videoübertragung verlegt, der Andrang war zu groß. Es soll an diesem Tag das Letzte Wort der Angeklagten verlesen werden.


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Im Hungerstreik: Nadija Sawtschenko.  Foto: dpa

Der Prozess geht seinem Ende zu, er dauert schon seit September an, die verhandelte Tat – es geht um den Beschuss einer Gruppe von Menschen im Krieg in der Ostukraine am 17. Juni 2014 – liegt bald zwei Jahre zurück. Aber dann hat sich das Ende des Prozesses wieder und wieder hinausgezögert, und das ist auch der Grund für den Hungerstreik. Sawtschenko möchte ein Ende der Farce erzwingen. Wenn das Gericht mehr als zwei Wochen bis zur Urteilsverkündung verlangt, hat sie schon vergangene Woche angedroht, „dann werden Sie das Urteil postum ohne mich verlesen“. Jetzt ist eine Woche um.

Sawtschenko spricht frei, auf ukrainisch, mit einer Stimme für den Kasernenhof. Sie schleudert ihren Zorn gegen die drei Richter, die unter dem russischen Doppeladler sitzen; der Vorsitzende in der Mitte schaut müde-interessiert wie auf ein garstiges Kind, seine Kollegen spielen mit dem Bleistift und schauen in die Ferne. Sawtschenko spricht davon, dass es auch in Russland einmal eine Revolution, einen Maidan geben werde, und dass sie selbst vormachen wolle, wie man „das totalitäre Regime ins Bockshorn jagen kann, wenn man sich nicht brechen lässt“; und dann springt sie plötzlich auf die Anklagebank, ruft: „Ihr wollt ein Letztes Wort? Das ist mein Letztes Wort!“, und zeigt den Richtern den Mittelfinger. Die Wirkung geht ein wenig verloren, denn anschließend ist der Übersetzer an der Reihe. „Bitte ohne Fluchworte“, sagt der Vorsitzende Richter leise. Der Übersetzer liest ein vorab veröffentlichtes, gesetzteres Schlusswort ab. Sawtschenko hat sich erschöpft auf die Bank gesetzt.

Zwei Wochen hat sie sich als maximale Lebenszeit für ihren Hungerstreik ausgerechnet, „und eine Woche davon haben Sie mir schon gestohlen“, sagt sie am Ende. „Ich bin gespannt, auf wann Sie den Urteilstermin festlegen, das Urteil ist ja schon geschrieben.“ Die Richter verkünden: Auf den 21. März, in knapp zwei Wochen also. Solange könnte Sawtschenko nur mit Wasser gerade noch überleben.

Sie singt die Nationalhymne; der Saal wird geräumt. In den ukrainischen Medien ist Nadija Sawtschenko längst zur Heldin geworden, deshalb hat Julia Timoschenko ihr in der letzten Parlamentswahl sogar den ersten Platz auf der Liste ihrer Vaterlandspartei abgetreten. Das russische Fernsehen zeigt Sawtschenko als herzloses Flintenweib, als Anti-Frau geradezu. Seit sie in Haft ist, verschwindet so der Mensch hinter dem Symbol, und zwar auf beiden Seiten. Dabei war Sawtschenko schon vorher ein Symbol, und vielleicht hat das ihre Lage verschlimmert.

Ukrainische Märtyrerin

Sie war eine Frau, die Stereotypen widerlegte, die Kampf und Krieg suchte, im Irak diente, Kampfhubschrauber flog. Als nach dem Maidan und der Krim-Annexion der Krieg in der Ostukraine begann, meldete sie sich zu einem ukrainischen Freiwilligenbataillon. Es hieß „Aidar“ und wurde später wegen Plünderungen und Misshandlungen berüchtigt.

Am 17. Juni 2014 geriet Sawtschenko in die Hände des Feindes – am selben Tag und unweit des Ortes, an dem auch die beiden russischen Fernsehjournalisten Igor Korneljuk und Anton Woloschin während eines Artilleriebeschusses starben. Sawtschenko habe das Feuer damals gelenkt, behauptet die Anklage. Sawtschenkos Anwälte haben dagegen mit Mobilfunkdaten und Videoaufnahmen belegen können, dass sie zu diesem Zeitpunkt bereits gefangen war. Sie haben den Schleier auch lüften können über jener Frage, die das Gericht kaum interessiert hat – nämlich wie Sawtschenko, die auf ukrainischem Boden festgenommen wurde, am 8. Juli plötzlich in einem russischen Untersuchungsgefängnis auftauchte. Die russischen Ermittler behaupten, Sawtschenko sei von Separatisten freigelassen worden, habe dann aus eigenem Willen die Grenze nach Russland überschritten. Tatsächlich wurde Sawtschenko offenbar nach Russland verschleppt – und wie die Anwälte ermittelten, war dabei sogar ein Mitarbeiter der russischen Präsidial-Verwaltung beteiligt, Pawel Karpow.

Glücklich geworden ist der russische Staat nicht mit der Gefangenen. Sawtschenko hält sich nicht an die Regeln, sie ist kompromisslos und arrogant und auf eine höchst unpraktische Weise emotional. So wird man in der Ukraine zum Idol.

Der Kreml hat aber kein Interesse an einer ukrainischen Märtyrerin, aber Schwäche zeigen will er auch nicht, das hält er nicht nur für unmännlich, sondern für gefährlich. Es würde sich anbieten, Sawtschenko gegen zwei russische mutmaßliche Geheimdienstmitarbeiter auszutauschen, die in Kiew vor Gericht stehen. Aber Sawtschenko hat das schon abgelehnt. „Einen Unschuldigen gegen zwei Schuldige, das wäre ein schlechter Tausch“, hat sie gesagt. Da will sie lieber sterben.

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Italien und Österreich

Steht die EU nicht zusammen, droht ihr Ende

Von  |
Kein EU-Freund: In Österreich greift der Rechtspopulist Norbert Hofer nach der Macht.

Die Europäische Union hat nur eine Zukunft, wenn Österreich, Italien und Frankreich dem Populismus widerstehen. Der Leitartikel.  Mehr...

Cyberangriff Telekom

Freude am Systemabsturz

Von  |
Sicherheitskongress der Telekom in Frankfurt.

Das Gefühl der permanenten Bedrohungslage hat die Normalität abgelöst. Und die Frage, wie wollen wir leben, wird ersetzt durch den Ausruf: So kann es nicht weitergehen. Der Leitartikel.  Mehr...

 

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung