Für mich ist diese Revolution eine der schrecklichsten Erfahrungen, weil aus einem Befreiungsakt die noch schlimmere Unterdrückung hervorgegangen ist - und zwar in unserer Zeit.
Ja.
Zarismus, bolschewistische Revolution, das ist Vergangenheit. Und dann erschüttert diese islamische Revolution, unterstützt von europäischen Intellektuellen wie Foucault, die Welt und beweist: Der Gottesstaat ist möglich.
Und er ist es bis heute, weil er grundlegend eine massentaugliche Ideologie hat: den Islam, die Religion. Wir wissen aus der Geschichte, dass schon die ideologischen Diktaturen länger leben als hochgeputschte Generäle. Denn ein ideologischer Diktator verspricht viel. Ein religiöser Diktator aber verspricht auch jenseits des Todes etwas. Welche Macht damit verbunden ist, zeigte der Krieg nach der Revolution.
Der Angriff des Irak gegen den Iran 1980.
Die iranische Armee war damals in einem desolaten Zustand. Der Mobilmachung des Khomeini-Regimes sind dann aber viele gefolgt - mit einer Opferbereitschaft, die ich nie vermutet hätte. Es gibt ein eindrückliches Beispiel dafür, wie viel Macht die Mullahs über die Menschen gewonnen hatten: Eine Mutter lieferte ihren Sohn, der sich versteckt hielt, den Revolutionsgardisten aus. Diese Mutter wurde im iranischen Fernsehen vorgeführt. Und sie sagte: "Ich habe es getan, ich werde es noch einmal tun." Der Schah hätte die Menschen nie so mobilisieren können, nie. Und das ist der grauenhafte Unterschied: Der Terror des Regimes Khomeini wirkte bis in die Familien hinein.
Und Sie glauben, dass sich das seither nicht geändert hat?
Doch, es hat sich viel geändert. Die ganze Gesellschaft kämpft jetzt mit ihren Mitteln gegen das Regime. Ich weiß, dass man diesen Kampf in Europa übersieht. Aber bedenken Sie: Allein in Teheran gibt es mehr als 100 Galerien, und das in einem Regime, in dem die Bildende Kunst als Feind bezeichnet wird. Handke und Grass werden übersetzt, allein von Uwe Timm sind jüngst drei Bücher erschienen. Die Hoffnung der Gesellschaft, mit Kultur ein anderes Leben anzustreben, haben die Machthaber nicht besiegen können.
Sie haben vorhin aber gesagt, die Kultur sei ein sehr zartes Gewächs.
So ist es. Am Anfang des Regimes sah es auch nicht so aus, als könnte die Kultur überleben.
Ist die Kultur die einzige Hoffnung?
Nein, die zweite große Hoffnung sind die Frauen. Schleier müssen sie tragen, Sandalen dürfen sie nicht tragen. Täglich werden junge und alte Frauen verhaftet, bis heute werden Frauen gesteinigt. Und doch sind die Frauen noch nicht besiegt. Selbst Rafsandschani hat als Präsident in einer Rede gesagt: "Wir haben alle besiegt, bis auf diese Frauen. Bleibt gefälligst zu Hause, gebt endlich Ruhe!" Schauen Sie, allein 60 Prozent der Studenten sind Frauen. Das heißt: Das Mullah-Regime hat genau das Gegenteil von dem bewirkt, was es erreichen wollte. Das immerhin gibt Hoffnung.
Aber das ist noch kein Indikator dafür, dass das Regime scheitert.
Aber es gibt Tendenzen, leider auch fatale. Noch nie wurde so viel Alkohol getrunken, noch nie waren so viele Jugendliche drogenabhängig. Nirgends im Nahen Osten sind die Moscheen so leer wie im Iran. Dieser Islam, der als Allheilmittel gepriesen worden ist, bekommt nicht einmal die Tomatenpreise in den Griff. Kurz gesagt: Diejenigen, die mit Parolen gegen die gottlose Dekadenz an die Macht gekommen sind, sorgen nun dafür, dass die Religion immer mehr Anhänger verliert. Ich wage zu behaupten, dass der Islam im Iran nie so verpönt war wie heute.
Wo wir gerade von Indikatoren für den Zustand des Landes reden. Welche Rolle spielen die Händler in den Basaren?
Der Basar war immer ein Indikator im Iran. Er war zumindest immer das Herz der Wirtschaft gewesen. Im Augenblick sieht es anders aus.
Foucault hatte Ende der 70er Jahre in einem Aufsatz erläutert, wie die verschiedenen Gesellschaftsgruppen in Persien zum Schah standen. Im Basar, schrieb er, rege sich Widerstand. Für ihn war das ein Zeichen dafür, dass das Regime kaum noch zu halten ist.
Das war prophetisch.
Deshalb meine Frage nach den Basaren heute.
Dass der Basar nicht geschlossen hinter der Regierung steht, beweist schon allein die Tatsache, dass viele Basaris hingerichtet worden sind. Aber abgesehen davon glaube ich, dass der Basar an wirtschaftlicher Bedeutung eingebüßt hat, weil interessanterweise gerade dieses rückwärtsgewandte Regime versucht, wirtschaftlich sehr modern zu sein.
Wie meinen Sie das?
Fabriken mit mehr als 1000 Arbeitern gehören zu 51 Prozent dem Staat. Das heißt: Der Staat versucht, die Wirtschaft zu regulieren - allerdings ohne Erfolg. Unter Ahmadinedschad sind Obst und Gemüse um 50 Prozent teurer geworden. Die Mieten sind gestiegen, die Inflation ist verheerend. Ich weiß gar nicht, wie sich dieses Land ernährt. Teilweise erinnert mich die Wirtschaft an die der DDR. Das Gesetz der Rentabilität wird den Gesetzen des Machterhalts völlig untergeordnet. Wir wissen aus der Geschichte, dass das irgendwann nicht mehr funktioniert.
Und dann?
Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht mal, was passiert, wenn Ahmadinedschad nicht mehr wiedergewählt wird. Nichts Besseres, fürchte ich.
Interview: Arno Widmann
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