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31. Januar 2009

Said: "Noch nie war der Islam im Iran so verpönt wie heute"

Foto: getty

Der deutsch-iranische Schriftsteller über den Kampf der Kultur gegen die Mullahs, die frühere Sympathie der europäischen Linken für Khomeini und warum die Islamische Republik bis heute Frauen nicht besiegt hat.

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Chronik
Zur Person

Januar 1978: Die schahtreue Presse schmäht den angesehenen Ajatollah Ruhollah Khomeini, der im Exil in Nadschaf (Irak) weilt. Die Armee tötet protestierende Studenten in der heiligen Stadt Ghom.

7. September 1978: Landesweiter Generalstreik , Geistliche und Nationale Front rufen auf - allein in Teheran beteiligen sich fast 200000 Menschen.

8. September 1978: Schwarzer Freitag - [28][29]Das Militär erschießt [30][31]tausende Demonstranten in Teheran.

6. Oktober 1978: Khomeini wird von Saddam Hussein aus dem Irak ausgewiesen. Er geht nach Neauphle-le-Château bei Paris. Erst dort wird er mit Hilfe westlicher Medien zum wichtigsten Führer der iranischen Revolution.

16. Januar 1979: Der Schah geht nach andauernden schweren Unruhen ins Exil. Das Land wird von Revolutionskomitees unterschiedlicher politischer Richtungen regiert. Ein Revolutionsrat etabliert sich.

1. Februar 1979: Khomeini kehrt aus Frankreich zurück. Zu seinen ersten Schritten zählt die Gründung eines Revolutionsgerichts aus Geistlichen.

5. Februar 1979: Khomeiny ernennt Mehdi Bazargan zum provisorischen Ministerpräsidenten. Dieser war Stellvertreter des legendären Premiers Mohammad Mossadegh Anfang der 1950er Jahren.

11. Februar 1979: Das Militär erklärt sich für neutral. Der letzte Schah-Regierungschef Schapur Bachtiar taucht unter. Sieg der Revolution wird verkündet.

Said oder SAID, wie er sich selbst schreibt, wurde 1947 in Teheran geboren und lebt in München. Er ist Schriftsteller und Lyriker und war von 2000 bis 2002 Vorsitzender des P.E.N.-Zentrums. Zuletzt von ihm erschienen: "Der Engel und die Taube", C.H. Beck, München 2008.

Herr Said, Sie sind 1965 im Alter von 17 Jahren nach Deutschland gekommen. Warum?

Zum Studieren. Deutschland war ein beliebtes Einreiseland, weil man hier auch ohne viel Geld leben konnte. Meine Familie war nicht reich.

Iran heute: Immer mehr junge Iraner  interpretieren die strikten Kleidervorschriften  mittlerweile  lockerer.
Iran heute: Immer mehr junge Iraner interpretieren die strikten Kleidervorschriften mittlerweile lockerer.
Foto: getty

Waren Sie damals auch in einer der Studentenorganisationen gegen das Schah-Regime aktiv?

Ja, in der CISNU. Ein paar Wochen nach meiner Ankunft bin ich da hineingeraten, und damit schien meine Rückreise auf lange Sicht unmöglich geworden zu sein. Wir haben ja nie geglaubt, dass es zum Sturz des Schahs kommt, schon gar nicht durch einen klerikalen Führer. Bis 1977 habe ich daran nicht geglaubt.

18. April 2006: Iranische Frauen an einer Bushaltestelle. Ohne Kopftuch darf sich keine Frau in der Öffentlichkeit zeigen.
18. April 2006: Iranische Frauen an einer Bushaltestelle. Ohne Kopftuch darf sich keine Frau in der Öffentlichkeit zeigen.
Foto: rtr

Nun war die CISNU ja eine linke Studentenorganisation.

Richtig.

Also hatten Sie zu den klerikalen Iranern in Deutschland gar keinen Kontakt?

Wir haben die nicht ernst genommen. Ich habe auch nach Khomeinis Machtübernahme nicht geglaubt, dass er sich lange hält, dass diese heterogene iranische Gesellschaft ihm erlaubt, die Kultur quasi abzuschaffen. Aber die Kultur ist eine sehr zierliche, verletzbare Pflanze.

Der Schah hatte die säkulare Gesellschaft gestärkt. Waren Sie deshalb davon überzeugt, dass die Mullahs auf Dauer keine Chance hätten?

Dass die säkulare Gesellschaft nicht so gefestigt war, wie viele dachten, ist eine der Lehren aus dieser Geschichte. Anders gesagt: Wir wurden von Khomeini überrumpelt.

Selbst die westdeutsche Linke hat damals mit Khomeini geliebäugelt: Der spätere Bundesaußenminister Fischer etwa schrieb im Frankfurter Stadtmagazin Pflasterstrand einen Artikel mit der Überschrift "Das wilde Kurdistan". Darin vertrat er die These, dass ohne Religion keine Revolution mehr möglich sei.

Die ganze europäische Linke hat in Khomeini sogar eine Art dritten Weg gesehen, also nicht kapitalistisch, nicht sozialistisch. Und ich erinnere mich an eine Rede von Daniel Cohn-Bendit, in der er diesen dritten Weg entschieden begrüßte.

Wissen Sie noch, wann das war?

Als Khomeini schon in Paris war.

Also Ende 1978.

Ja. Wir linken Iraner glaubten damals zwar schon: Khomeini bedeutet auch Terror. Aber offen gestanden haben auch wir das spätere Ausmaß des Terrors unterschätzt.

Sie sind ja sogar noch einmal in den Iran geflogen.

Das war im März, also gut anderthalb Monate nach Khomeinis Machtübernahme. Damals erschien mir eine solche Reise tatsächlich als ungefährlich. Viele dachten so: 40 000 Exil-Iraner sind zurückgekehrt. In den ersten Wochen habe ich Teheran noch ohne Polizei, ohne Geheimdienst erlebt. Irgendwann sah ich, wie gewaltsam sie vorgehen, wie überall Leute verhaftet wurden. Sie müssen sich vorstellen: Ein Bekannter von mir hatte lediglich vom zentralen Postamt in Teheran mit seiner amerikanischen Frau in San Francisco telefoniert. Am Abend wurde er deswegen abgeholt. Ich bin ein vorsichtiger Mensch, ich bin kein Held, also bin ich so schnell wie möglich mit einem Alitalia-Flieger nach Rom zurückgekehrt. Ein paar Wochen später wäre mir das vielleicht schon nicht mehr möglich gewesen.

Viele ehemalige Anti-Schah-Aktivisten sind geblieben, in der Hoffnung, Politik machen zu können.

Ja, und viele von ihnen sind hingerichtet worden oder saßen Jahre im Gefängnis, nur einigen wenigen ist die Flucht gelungen.

Glauben Sie heute, dass die Mullah-Herrschaft ewig halten wird? So wie Sie damals an das ewige Schah-Regime geglaubt haben?

Man darf eines nie vergessen: Zum ersten Mal nach einigen 100 Jahren hat eine Religion die Macht übernommen! Ein Unikum in der modernen Zeit. Ich glaube, der Westen hat immer noch nicht die Tragweite dieses Ereignisses begriffen.

Sie machen sich also darauf gefasst, dass Sie ein Ende des Regimes nicht mehr erleben werden?

Sie sagen es.

Lassen Sie uns über die Tragweite dieses Ereignisses reden, über die epochale Bedeutung dieses Gottesstaates. Erklären Sie sie in Leuchtbuchstaben!

Erlauben Sie mir, eher den Advocatus diaboli zu spielen: Auf die Postmoderne antwortet der aggressive Islam. Jürgen Habermas hat es sinngemäß so formuliert: Wir müssen darüber nachdenken, was wir versäumt haben. Ob wir versagt haben mit unserer westlichen Aufklärung.

Sie meinen, wir müssen der Ideologisierung der Religion im Islam eine Art Religionisierung der westlichen Ideologie entgegensetzen?

Nein, nein. Aber die Radikalisierung des Islam kann nicht unabhängig davon gesehen werden, was der Westen getan hat. Beides hat miteinander zu tun.

Sie meinen, was wir im Nahen Osten getan haben?

Auch. Der Westen hat dort säkularisierte Regime gestützt, den Schah, Saddam, Assad, Korruption, Terror und Nationalismus. Aber wir wissen auch: Nationalismus und Religion haben sich von jeher bekämpft im Nahen Osten. Der arabische Nationalismus hat total versagt, nun übernimmt der Islam seine Rolle.

Wie sollten wir darauf reagieren?

Ich vergleiche den Dialog zwischen dem Westen und dem Islam mit dem eines Tauben mit einem Blinden. Der Taube ist der Westen, der Blinde ist der Islam, der zurzeit nur um sich schlägt. Ich frage mich, ob man mit den Maßstäben eines Tauben die Handlungen eines Blinden verstehen kann. Wir müssen die westlichen Maßstäbe hinterfragen, nur so haben wir eine Chance, die islamische Revolution zu begreifen.

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