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Politik
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13. April 2012

Salafisten: Verfassungsschutz kritisiert Koran-Verteilung

 Von Steffen Hebestreit
25 Millionen Koran-Exemplare sollen verteilt werden.  Foto: DPA

Der Verfassungsschutz kritisiert die Verteilung von Millionen Koran-Exemplaren durch radikal-islamische Salafisten. Inzwischen prüft auch die Druckerei eine Stornierung des Auftrags, die Druckmaschinen stehen still.

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Der Verfassungsschutz kritisiert die Verteilung von Millionen Koran-Exemplaren durch radikal-islamische Salafisten. Inzwischen prüft auch die Druckerei eine Stornierung des Auftrags, die Druckmaschinen stehen still.

Seit Donnerstag stehen die Maschinen der Ulmer Druckerei Ebner & Spiegel still. Der Betrieb hat im vergangenen halben Jahr mehr als 300.000 Korane gedruckt − im Auftrag einer radikal-islamischen Organisation aus Köln, die die Gottesbücher kostenlos in ganz Deutschland verteilen will.

Insgesamt 25 Millionen Korane sollen auf diesem Wege unters Volk gebracht werden. Mehrere hunderttausend sollen bereits in Fußgängerzonen verteilt worden sein.

Nun haben allerdings führende Unionspolitiker scharfe Kritik an der Aktion der Organisation „Die wahre Religion“ des Kölner Geschäftsmannes Ibrahim Abou Nagie geübt. „Der Koran wird hier für extremistische Umtriebe gebraucht“, sagte Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU) in Berlin.

Zu Recht hätten sich muslimische Verbände in Deutschland von dieser Aktion distanziert. Sein Unionskollege Hans-Peter Uhl (CSU) ging einen Schritt weiter und verlangte, den Umtrieben der wachsenden salafistischen Bewegung in Deutschland dringend Einhalt zu gebieten.

Özdemir warnt

Besorgt äußerten sich auch Politiker von SPD, FDP und Grünen. Zwar sei nichts daran auszusetzen, dass Korane kostenlos verteilt würden. Es bestehe aber die Gefahr, dass insbesondere Jugendliche so in Berührung mit der salafistischen Gruppierung kämen. Grünen-Chef Cem Özdemir, selbst Muslim, kritisierte in der Zeitung Die Welt: „Es ist offensichtlich, dass mit dieser Aktion die Strategie verfolgt wird, sich als Sprachrohr der Muslime darzustellen und den vermeintlich einzig wahren Islam zu propagieren. Das darf man den Salafisten nicht durchgehen lassen.“

FR-Journalist bedroht

Mutmaßliche Salafisten haben in einem Youtube-Video einen Journalisten der Frankfurter Rundschau beschimpft und gedroht, man werde seine Telefonnummer und Adresse veröffentlichen, wenn er weiter kritisch über die Aktivitäten der Salafisten in Deutschland berichte. Der rund vierminütige Film ist bei Youtube nicht mehr zu sehen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in dem Fall.

Nach Angaben des Verfassungsschutzes gibt es nichts einzuwenden gegen die verbreitete Koran-Übersetzung. Sie sei zwar nicht die modernste, aber eine moderate Übersetzung des Glaubensbuchs der Muslime. Die Verfassungsschützer sehen dennoch die Aktion als Beleg dafür, dass die Salafisten deutlich aggressiver öffentlich in Erscheinung treten wollen.

Seit etwa zwei Jahren propagieren die Salafisten, die eine besonders strikte Auslegung des Islam vertreten, mit unterschiedlichen regionalen Gruppen ihre Ansichten zumeist über das Internet. Sie verzeichnen wachsenden Zulauf insbesondere von jungen Männern, die sich auf Sinnsuche befinden.

Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heinz Fromm, warnte bereits im Sommer: „Nicht jeder Salafist ist ein Terrorist, aber alle Terroristen waren Salafisten.“

"Koran-Verteilung ist das falsche Stichwort", sagte außerdem Behördensprecher Bodo W. Becker dem Kölner Stadt-Anzeiger. "Es geht hier um salafistische Propaganda und die Rekrutierung von Anhängern. Der Koran ist nur ein Vehikel."

Die Koran-Verteilung in Deutschland läuft seit Oktober. Finanziert wird sie von Abou Nagie, der sich selbst als harmloser Geschäftsmann stilisiert, nach Einschätzung deutscher Sicherheitsbehörden aber ein religiöser Scharfmacher ist und den Salafismus propagiert.

Die Ulmer Druckerei will bis Montag prüfen, ob sie den Druckauftrag noch erfüllt und welche Folgen eine Stornierung des Auftrags hätten. „Für uns ist die politische Dimension neu. Wir wollen uns da nicht einmischen“, sagte ein Sprecher. (mit dpa)

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