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Sarrazin: Ruf nach dem „Retter des Abendlandes“

„Juden haben ein bestimmtes Gen“, verkündet das Mitglied des Bundesbankvorstands. Der SPD-Politiker heizt damit die Diskussion über seine Thesen und seine Person weiter an. Seine Sympathisanten fordern ihn auf, eine Partei zu gründen – doch er will in der SPD bleiben „bis zum Lebensende“.

        

Herr und Hund (Rasse unbekannt).
Herr und Hund (Rasse unbekannt).
Foto: imago/Götz Schleser

Im Internet-Blog „Politically Incorrect“ sind SPD-Anhänger gewöhnlich in der Minderheit. Die virtuelle Pin-Wand hat sich in ihrer sechsjährigen Geschichte eher unter Islamfeinden einen Namen gemacht. Neuerdings aber haben die Anti-Muslime einen sozialdemokratischen Helden: Thilo Sarrazin, Retter des Abendlandes.

Seit Tagen überschlagen sich in dem Blog Sarrazin-Fans mit Hymnen auf den 65-Jährigen. Dessen Buch „Deutschland schafft sich ab“ wird zwar heute erst vorgestellt. Die von Medien genussvoll lancierten Vorabdrucke aber stoßen rechtsaußen schon jetzt auf Begeisterung. „Grandios“, „mutig“, „wahr“ ist demnach Sarrazins Abrechnung mit dem Multikulturalismus. Viele würden den Bundesbanker gerne wählen. Sarrazin, so die vielfache Bitte, möge schleunigst eine Partei gründen. Er könne, schreibt einer, „aus dem Stand 20 Prozent holen“.

Unerträglich, Verbalradikal, Wichtiger Beitrag

Dieter Graumann, Vizepräsident des Zentralrates der Juden in Deutschland: Sarrazin habe „endgültig eine rote Linie“ überschritten“. Der SPD-Politiker stütze sich mit seinen Behauptungen auf die Rassetheorien der Nationalsozialisten. Solche Äußerungen von einem Vorstandsmitglied der Deutschen Bundesbank seien unerträglich, sagte Graumann.
Roland Koch, hessischer Ministerpräsident: „Die Äußerungen Sarrazins sind unerträglich. Damit stellt er sich völlig ins Abseits.“ Doch Sarrazin spreche in diesen Tagen „durchaus vorhandene Probleme“ an, denen die Gesellschaft nicht ausweichen dürfe. Immerhin stecke viel Lebenserfahrung in den Berichten Sarrazins: „Ich halte nichts davon, dass das, was er sagt, in diese üblichen Politreflexe hineingeschoben wird: Darüber darf man nicht reden! Das ist tabuisiert!“ Er fügte hinzu: „Ihm selbst geht es aber offenbar nur noch um Verbalradikalismus und Tabubrüche.“
Katja Kipping, Vize-Vorsitzende der Linkspartei: „Ich schlage eine parteiübergreifende Resolution aus der Mitte des Parlaments vor, die Sarrazin zum Rücktritt – oder Bundesbankvorstand, Bundesregierung und Bundespräsident zu seiner Abberufung auffordert. Ein Rassist und Volksverhetzer ist als Vorstandsmitglied der Zentralbank nicht tragbar.“
Peter Gauweiler, CSU-Bundestagsabgeordneter: „Auch wenn man ihm nicht in allen Punkten folgen muss: Zum Thema Überforderung Deutschlands durch Einwanderung haben sich Helmut Schmidt, Oskar Lafontaine und auch Rudolf Augstein schon härter geäußert.“ Sarrazins Kritiker sollten nicht den Eindruck erwecken, dass sie einen anders Denkenden am Aussprechen der Wahrheit hinderten.
Henryk M. Broder, Publizist: „Es ist der erste Fall von Hexenjagd in Deutschland seit Mitte des 17. Jahrhunderts. (...) Ich bezweifle, dass alle, die Thilo Sarrazin jetzt so voreilig kritisieren sein Buch überhaupt gelesen haben.“
Necla Kelek, Soziologin: „Thilo Sarrazin leistet einen wichtigen Beitrag, indem er uns Muslime auffordert, über unsere Rolle in Deutschland zu reflektieren. Ihm Rassismus vorzuwerfen, ist absurd, denn der Islam ist keine Rasse sondern Kultur und Religion. Ich teile Sarrazins Sorge um Deutschland.“
Zitate: dpa, ddp, Bild am Sonntag

Auch Sarrazins Aussage vom Wochenende beflügelt seine Sympathisanten: „Jetzt haben sie was gefunden. Er hat doch irgendwie die Juden zusammen mit den Genen erwähnt. Macht den Strick bereit“, schreibt Ruhrwelle: „Die neue Rechtspartei muss kommen und zwar bald, sonst platz ich!“

Viele Verteidiger auf „myfdp“

Der Angesprochene gibt sich da zurzeit sehr zugeknöpft: „Ich bleibe SPD-Mitglied bis an mein Lebensende“, sagte er dem Deutschlandfunk. Außerdem ist das mit rechtspopulistischen Parteien in Deutschland so eine Sache: Sie spielen nach wie vor keine Rolle. Während etwa in Österreich (FPÖ), der Schweiz (SVP), den Niederlanden (Partij voor de Vrijheid) oder Belgien (Vlaams Belang) organisierte Rassisten unter dem Deckmantel des Kulturkampfs seit den 80er Jahren im Aufwind sind, kommen ihre deutschen Gesinnungsgenossen nicht recht(s) voran. Versuche, die Lücke zwischen CDU-Rand und dumpfem Nazimus à la NPD zu schließen, scheiterten kläglich.

So feierten die „Republikaner“ in den 80er Jahren mit ihrem scheinbar verfassungskonformen National-Konservatismus gewisse Erfolge. Bei der Bundestagswahl 2009 sackten sie jedoch auf 0,4 Prozent – ein Minus-Rekord. Nicht viel besser erging es der „Partei Rechtsstaatliche Offensive“ des egomanischen Richters Ronald Barnabas Schill. Die Ausländerfeinde kamen 2001 in Hamburg aus dem Stand auf 19,4 Prozent und wurden prompt vom wendigen CDU-Mann Ole von Beust zum Regierungspartner gemacht. Nach Skandalen löste sich die Schill-Partei 2007 auf.

Immer mal wieder gab es auch in der FDP Versuche, die Partei auf stramm rechts zu trimmen. Etwa in den 90er Jahren durch den ehemaligen Generalbundesanwalt Alexander von Stahl. Oder 2002, als Jürgen W. Möllemann unverhohlen mit antisemitischen Ressentiments spielte – Parteichef schon damals: Guido Westerwelle. Vermutlich ist es kein Zufall, dass sich auf der Internet-Seite „myfdp“ aktuell viele Sarrazin-Verteidiger tummeln.

„Führungsfigur fehlt“

Den nächsten Versuch, rechtsaußen zu wildern, unternimmt seit geraumer Zeit die Partei Pro Deutschland. Vor der Berlin-Wahl 2011 plant der weitgehend bedeutungslose Klub einen Kongress unter dem Motto „Berlin – eine christliche Stadt“. Der „antimuslimische Rassismus“ der Pro-Partei sei „nahezu deckungsgleich“ mit Sarrazins Position, sagt Sozialwissenschaftler Alexander Häusler. Insofern ist es nur konsequent, dass die Pro-Führung Sarrazin den Parteivorsitz angetragen hat.

Allen rechtspopulistischen Versuchen sei bislang nämlich eines gemeinsam, sagt Häusler, der an der Arbeitsstelle Neonazis der FH Düsseldorf arbeitet: „Es fehlt eine charismatische Führungsfigur.“ Sollte eine solche irgendwann auftauchen, werde es kritisch. Auch in Deutschland gebe es „ein großes Potenzial“ für eine solche Partei. „Und gerade Islamfeindlichkeit ist das Ticket, um von Rechtsaußen den Diskurs mitbestimmen zu können.“

Mit Sorge beobachtet Häusler denn auch, dass die CDU unter Merkel ihren rechtskonservativen Flügel immer mehr vernachlässige. „Da tut sich eine Lücke auf.“ Der Unmut darüber ist vorhanden, wie etwa ein „Manifest gegen den Linksruck“ von enttäuschten CDU-Leuten gezeigt hat. Sollten die je auf die Idee kommen, mit Sarrazin und anderen Brandstiftern gemeinsame Sache zu machen, so Häusler, „wäre das ein echter Dammbruch“.

Autor:  Jörg Schindler
Datum:  29 | 8 | 2010
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