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23. Januar 2013

Schavan Vorwürfe Plagiat: Uni eröffnet Verfahren gegen Schavan

 Von Harald Biskup
Die Uni Düsseldorf leitet ein Plagiatsverfahren gegen Bildungsministerin Annette Schavan ein. Foto: dpa

Schicksalstag für Annette Schavan: Die Universität Düsseldorf eröffnet ein Verfahren zur Aberkennung ihres Doktortitels. Damit steht die politische Karriere der Bildungsministerin auf dem Spiel.

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Gegen Bundesbildungsministerin Annette Schavan wird ein förmliches Verfahren zum Entzug ihres Doktorgrades eingeleitet. Das hat gestern Abend der Rat der Philosophischen Fakultät der Universität Düsseldorf beschlossen. Nach mehr als sechsstündigen Beratungen teilte der Dekan der Fakultät, der Historiker Bruno Bleckmann, bei einer improvisierten Pressekonferenz mit, 14 der 15 stimmberechtigten Mitglieder hätten diesen Beschluss in geheimer Abstimmung unterstützt. Es gab eine Enthaltung.

Weiter teilte Bleckmann mit, das Gremium werde „in den nächsten Wochen den Sachverhalt erneut eingehend prüfen. Der Fakultätsrat habe den im Mai vergangenen Jahres "unabhängig von der Person und Position der Betroffenen konsequent nachgehen" müssen. "Das Verfahren ist ergebnisoffen", sagte der Dekan in seinem Statement. Nachfragen lehnte er ab.

Auch wenn es offenbar eine entsprechende Empfehlung der Promotions-Kommission gegeben hat, fiel das Votum unerwartet eindeutig aus. Nur die 15 gewählten Mitglieder des Rates sind stimmberechtigt, die Professoren haben mit acht Sitzen die Mehrheit. Votieren dürfen außerdem je zwei wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Mitarbeiter der Heinrich-Heine-Universität sowie die drei Vertreter der Studierenden. Mit in der Runde saßen – ohne Stimmrecht – der Dekan der Philosophischen Fakultät, der Prodekan, der Studiendekan und die Gleichstellungsbeauftragte der Hochschule. Bei der Abstimmung war die einfache Mehrheit ausreichend.

Eingehende Prüfung der Doktorarbeit steht bevor

Der Fakultätsrat muss nun eingehend prüfen, ob Annette Schavan Teile ihrer vor mehr als 30 Jahren an der Universität Düsseldorf eingereichten Doktorarbeit "Person und Gewissen" womöglich nicht selbst verfasst und diese Anleihen nicht ausreichend kenntlich gemacht hat oder ob sie im Umgang mit Quellen und im Zitieren von Hilfsmitteln bloß ein wenig schludrig war. Bis zum Abend waren aus der streng abgeschirmten Sitzung keine Details bekannt geworden. Beobachter gehen nicht davon aus, dass allein die Einleitung des Aberkennungsverfahrens zu politischen Konsequenzen der Bundesbildungsministerin führen würde. Insider sind allerdings der Ansicht, dass es die Lage für Schavan nach dem klaren Votum der Fakultät "eng" werden könnte. Gerade mit Blick auf die Bundestagswahl gilt es als unwahrscheinlich, dass die CDU-Politikerin im Amt bleiben könnte, falls ihr der Titel aberkannt würde.

Keine Täuschungsabsicht, "nur" Schlamperei

In den vergangenen Tagen war bekannt geworden, dass die zuständige Promotions-Kommission ihre Einschätzung abgemildert habe und dass sie offenbar nicht mehr von einer bewussten Täuschungsabsicht von Schavan ausgeht. Vielmehr wird ihr nun "nur noch" Schlamperei vorgeworfen, was aber – um es mit einer religiösen Kategorie aus dem katholischen Beichtspiegel zu umschreiben – nach wissenschaftlichen Standards ebenfalls weit mehr sei als eine lässliche Sünde.

Prodekan Stefan Rohrbacher hatte in einem 75 Seiten umfassenden Gutachten im Verhalten Schavans eine "leitende Täuschungsabsicht" erkannt. Die spannende Frage ist nun, wie gravierend der Fakultätsrat die Verfehlungen der praktizierenden Katholikin einstuft. "Auch ein bedingter Vorsatz", sagt ein Kenner der Materie, "ist ein Vorsatz". Es war auch darüber spekuliert worden, ob die angebliche partielle Abschwächung der Vorwürfe ausreicht, um die Ministerin vor dem Aberkennungsverfahren zu bewahren. Aus Düsseldorfer Universitäts-Kreisen war im Laufe des Tages zu hören, dass die neue Lagebewertung durch die Promotions-Kommission "keine komplette Reinwaschung" bedeute. Die Kommission habe dringend dazu geraten, das Entziehungsverfahren zu eröffnen.

Wie heikel die Causa Schavan ist und als wie schwergewichtig sie von der betroffenen Universität eingestuft wird, zeigt sich an den ungewöhnlichen Sicherheitsvorkehrungen. Damit auf keinen Fall Unterlagen in falsche Hände geraten, wurden besonders sensible Papiere nicht zuvor an die Angehörigen des Fakultätsrates ausgehändigt. Sie wurden wie in einem Proseminar, so wird berichtet, per Beamer an die weißen Wände projiziert. Die Hochschule will auf keinen Fall Verfahrensfehler riskieren, denn eine Klage der Bildungsministerium, sollte die Sache ungünstig für sie ausgehen, gilt als ziemlich wahrscheinlich.

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