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09. Januar 2013

Schiffbau: Im Windschatten

 Von Bernhard Honnigfort
Schiffbau war gestern. Heute können die Siag-Werke nur mit dem Bau von Sockeln für Offshore-Windräder überleben. Foto: DPA/Ingo Wagner

Früher baute man in Emden Kriegsschiffe. Heute könnte nur noch die Energiewende den Niedergang der Region aufhalten

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Emden –  

Thomas Preuss ist ein kräftiger Kerl mit mächtigen, tätowierten Unterarmen, mit denen sich eine Menge heben lässt. Er lächelt frech und optimistisch, wie ein Mann, der sich nicht so leicht unterkriegen lässt. Aber gut gelaunt ist der 32-Jährige schon seit Monaten nicht mehr. „Was wir hier alles machen könnten!“, sagt er und fügt hinzu: „Wenn man uns nur in Ruhe arbeiten lassen würde.“

Thomas Preuss ist Schiffbauer und seit 14 Jahren im Beruf. Seine Frau arbeitet als Altenpflegerin, seine drei Kinder sind drei, sechs und acht Jahre alt. Sie leben in Emden im äußersten Nordwesten der Republik. Preuss arbeitet bei den Siag AG Nordseewerken, die einmal die Thyssen Nordseewerke waren, bekannt für den Bau von Handelsschiffen, U-Booten, Fregatten der Bundesmarine.

TV-Duell vor der Niedersachsen-Wahl

Zehn Tage vor der Landtagswahl
in Niedersachsen treten an diesem
Donnerstag Ministerpräsident David McAllister (CDU) und sein Herausforderer von der SPD, Hannovers
Oberbürgermeister Stephan Weil,
im NDR zum TV-Duell an.

Umfragen zufolge dürfte die CDU am 20. Januar wieder klar die stärkste
Partei werden. SPD und Grüne gemeinsam könnten sie jedoch überflügeln
und die nächste Regierung stellen.
Für Rot-Grün ist diese Wahl die vorerst letzte Chance, mit einem regionalen
Regierungswechsel auch bundesweite Wechselstimmung zu erzeugen. Bis zur Bundestagswahl wird dann nur noch in Bayern ein neuer Landtag gewählt.

FDP und Linke müssen befürchten,
den Wiedereinzug in den Landtag in Hannover zu verfehlen. Für die Piraten, die zuletzt in vier Ländern in die Parlamente einzogen, könnte die Fünf-Prozent-Hürde erstmals wieder zu hoch sein.

„Es gibt doch eigentlich genug zu tun“, sagt Preuss und schaut dabei aus dem Fenster auf das Werftgelände. Dort liegen gewaltige Stahlröhren herum, Hunderte Tonnen schwere Teile. Zusammengeschweißt werden aus ihnen die Fundamente von Windrotoren, die sich einmal in Nord- und Ostsee in den Offshore-Parks drehen und Strom produzieren sollen, wenn es denn einmal vorangehen sollte mit der Energiewende. Aber derzeit steht alles herum. Die Siag Nordseewerke sind im Oktober in die Insolvenz gegangen. Was aus den 700 Emder Schiffbauern werden soll, weiß kein Mensch.

Schweinemast ist wichtiger

„Wir bräuchten 30 Millionen Euro Hilfe. Nur zur Überbrückung“, sagt Thomas Preuss. Das Land Niedersachsen habe auch eine Bürgschaft gegeben. Die aber habe die Regierung in Hannover drei Tage später zurückgezogen. Preuss fängt an zu schimpfen. Das sei doch typisch. Irgendwelche Schweinemastställe oder Großschlachtereien bekämen problemlos Unterstützung, aber die Werften? „Emden ist mal wieder hinten runtergefallen.“

Gerade ist Wahlkampf in Niedersachsen. Am 20. Januar wird der Landtag neu gewählt. Ministerpräsident David McAllister von der CDU muss um seine Mehrheit fürchten; die SPD, angeführt vom Hannoveraner Oberbürgermeister Stephan Weil, hat beste Chancen, mit den Grünen die CDU/FDP-Regierung abzulösen. Weil niemand in den Weihnachtstagen die Niedersachsen stören wollte, geht es erst jetzt gemächlich los mit dem Wahlkampf. Große Themen, die das ganze Land von der holländischen Grenze bis zum Harz bewegen könnten, hat keine Partei gefunden. Zumindest die Küstenbewohner aber beschäftigt eine Sache sehr intensiv: Was wird nun aus der Energiewende? Wieso klemmt es an allen Ecken und Enden?

„Wir hatten uns so viel erhofft“, sagt Erwin Heinks, der Betriebsratsvorsitzende der Siag-Werft, ein kräftiger und freundlicher Mann, 51 Jahre alt, davon fast 37 Jahre Schiffbauer in Emden. Er kennt die Zahlen aus dem Effeff, mit denen die Regierungen in Hannover und Berlin den Küstenbewohnern vor Jahren in hellsten Tönen die Chancen anpriesen, die mit der Energiewende kämen: 21 000 Propeller-Plattformen in Nord- und Ostsee. Ein riesiger Markt, den die deutschen Werften nur schnell genug erobern müssten, um die Holländer, Briten, Norweger und Dänen auszustechen. Millionenaufträge und Arbeit ohne Ende für die gebeutelten Werften.

„Wir sollten die Ersten sein. Wir sollten Weltmarktführer werden“, erinnert sich Heinks. Und nun? Die Anbindung ans deutsche und europäische Stromnetz sei ungeklärt, es gebe ungeregelte Haftungsfragen. „Nichts geht voran, und wir sitzen hier rum"

Aufbau Ost vor Aufbau Ostfriesland

Emden hat heute 51 000 Einwohner, ist seit mehr als 400 Jahren Hafenstadt. Der Schiffbau begann hier vor 110 Jahren. Vor allem Kriegsschiffe liefen hier vom Stapel, auch die Fregatten „Hessen“, „Emden“ und „Bayern“ sowie die „Planet“, ein Forschungsschiff der Bundesmarine. Und seit 1919 unzählige U-Boote.

Heute ist der Schiffbau in Emden tot. Ein paar Kleinwerften reparieren noch, was anfällt. Größter Arbeitgeber in der Gegend ist das VW-Werk, das seine Autos von Emden aus in riesigen kistengleichen Schiffen über den Atlantik exportiert.

Die Stadt ist seit der Vereinigung 1990 „hinten runtergefallen“, wie es Schiffbauer Preuss nennt. Aus dem Traum vom großen Dollarthafen an der Ems-Mündung wurde nichts: Aufbau Ost ging vor Aufbau Ostfriesland, es war kein Geld mehr da, und außerdem sperrte sich der Nachbar Niederlande. Heute kommen nur noch wenige Schiffe, die Zeit der Kohlefrachter ist vorbei, nur ein bisschen Fährverkehr nach Borkum gibt es noch. „Alles leer“, schrieb kürzlich die Emder Zeitung über Läden in der Innenstadt: Makler suchen verzweifelt nach Mietern, Geschäfte machen zu. Die Stadt wirkt ein bisschen heruntergekommen.

Aber es geht längst nicht mehr nur um Emden, es geht um die Küste, um alle, die hier arbeiten und endlich Wind in Energie verwandeln wollen. Am Dienstag demonstrierten Schiffbauer in Hannover: Nordseewerker aus Emden, Stahlbauer und Schlosser aus Bremerhaven, Hamburg, Stralsund, Wolgast. „Das Planungschaos der Bundesregierung gefährdet Tausende Arbeitsplätze“, schimpfte die IG Metall.

„Zukunft ist die Weitergabe des Feuers, nicht das Betrauern der Asche“, steht auf der Homepage der Nordseewerke. Ein schöner Satz. „Wenn’s denn so wäre“, sagt Schiffbauer Preuss.

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