kalaydo.de Anzeigen

Schlachtfeld Bombay: Menschenjagd im Hotelflur

Die Angreifer in Bombay erschießen gezielt Briten und US-Amerikaner - auf die Terrornacht mit mehr als 100 Toten folgt ein Geiseldrama. Von Christine Möllhoff

Terroristen haben in Indiens Finanzmetropole Hotels, Krankenhäuser, Cafés und einen Bahnhof angegriffen.
Terroristen haben in Indiens Finanzmetropole Hotels, Krankenhäuser, Cafés und einen Bahnhof angegriffen.
Foto: dpa

Flammen loderten aus den Fenstern des historischen Taj Mahal Hotels am Gateway of India, das Feuer fraß sich von Etage zu Etage. Schüsse hallten durch die Nacht. "Sie waren hinter Ausländern her", sagt ein britischer Geschäftsmann, "sie haben nach amerikanischen und britischen Pässen gefragt und alle Zimmer durchkämmt." Mit verschränkten Armen und rußgeschwärztem Gesicht sitzt er am Donnerstag verloren da, seine Stimme ist monoton, die Miene seltsam unbewegt. Er steht sichtlich unter Schock.

Der Mann hat Glück gehabt. Er konnte den Terroristen entwischen, nach draußen fliehen, in die Sicherheit. Viele andere sind noch im Hotel, als er am Donnerstagnachmittag die Fragen der Reporter beantwortet. Der Mittvierziger aß in einem der noblen Hotel-Restaurants mit Geschäftsfreunden zu Abend, als die Terroristen das Hotel stürmten, um sich ballerten, Bomben zündeten.


Foto: FR/Galanty

Es war der Beginn eines Alptraums, der am Donnerstag weitergeht und Indiens Finanz- und Filmmetropole Bombay in ihren Grundfesten erschüttert. Binnen kurzer Zeit griffen am späten Mittwochabend 20 bis 25 mit Sprengstoff und Kalaschnikows bewaffnete Terroristen zehn Ziele an, unter anderem zwei Luxushotels, Restaurants und Krankenhäuser.

Sie haben eine Spur des Terrors hinterlassen: Mehr als 100 Menschen starben, darunter mindestens sechs Ausländer, auch ein Deutscher. Es ist der 51-jährige Ralph Burkei, ein Münchener Medienunternehmer, früher Schatzmeister der CSU München und Vereinsfunktionär bei den Fußballclubs Vfb Leipzig und 1860 München. Auch eine Delegation von Europaabgeordneten, darunter die Deutschen Daniel Caspary (CDU) und Erika Mann (SPD), ist in Bombay. Caspary berichtet, einige seien auf "abenteuerlichen Wegen" aus dem Taj entkommen, seien durch Küchen und Keller geflohen. Hunderte Menschen sind verletzt, viele ringen noch um ihr Leben.

Am Donnerstagnachmittag ist kein Ende in Sicht: Die Terrorattacke ist zu einem zermürbenden Geiseldrama geworden, einem Nervenkrieg. Die Terroristen haben sich in den Luxushotels Taj und Trident Oberoi sowie einem jüdischen Zentrum verschanzt. Stündlich wächst die Angst, dass sich die Terroristen mit den Geiseln in die Luft sprengen.

Die Polizei wagt es zunächst nicht, die besetzten Gebäude zu stürmen. Die Täter wollen verhandeln - stellen aber laut Innenministerium zunächst keine Forderungen. Am Abend schicken sich Kommandotruppen an, die Hotels zu stürmen. Schüsse und Explosionen sind aus dem Taj und dem Oberoi zu hören. Ein Nachrichtensender berichtet, aus dem Taj-Hotel seien alle Gäste in Sicherheit gebracht worden. Im Oberoi hielten sich noch rund 100 Menschen auf, davon seien 35 in der Gewalt der Terroristen. Der Ministerpräsident von Maharashtra, Vilasrao Deshmukh, sagt dagegen, in keinem der beiden Hotels seien noch Geiseln; im Oberoi hätten sich Gäste in den Zimmern eingesperrt.

Längst ist klar: Es handelt sich nicht um einen der in Indien fast schon üblichen Bombenanschläge, weder von der Art des Vorgehens noch von der Dimension her. Es ist ein Angriff auf eine ganze Stadt, auf die ganze aufstrebende Wirtschaftsnation Indien - und auf den Westen, allen voran die USA und Großbritannien, die Hauptdarsteller im Krieg gegen den Terror. Es gehe nicht nur um Indiens Sicherheit, sagt Sonia Gandhi, die Grande Dame Indiens. "Es geht um Indiens Prestige in der Welt". Von einer "Kriegszone" in Bombay sprechen die Medien.

Es war schon nach 22 Uhr am Mittwochabend, als im Fernsehen erste Berichte liefen. Lediglich von zwei Männern war zunächst die Rede, die in Bombay um sich schossen, von vier Toten. Doch mit jeder Minute erinnerte das Terrordrama mehr an den 11. September 2001. Die Täter attackierten die Wahrzeichen Bombays, die Lieblingshotels von Indiens Wirtschaftselite, von ausländischen Geschäftsleuten und Delegationen. Sie attackierten Krankenhäuser, Cafés und Touristenziele wie den historischen Bahnhof Victoria Terminus.

"Irgendwann fing es an mit jeder Menge Explosionen und Schüssen. Das ging ein paar Minuten lang", erzählt ein Augenzeuge dem Radiosender YouFM. Er hielt sich gegenüber dem Taj-Hotel auf, als der Angriff kam. "Dann sind Touristen die Straße herunter gestürmt, sind verfolgt worden von schwer Bewaffneten mit Masken. Auf dem Weg zum Taj-Hotel haben sie alles erschossen, was sie irgendwie vor die Flinte gekriegt haben."

Fassungslos verfolgten Millionen Inder die ganze Nacht über im Fernsehen live mit, wie Bombay, die kosmopolitischste Stadt Indiens, sein Tor zur Welt, in die Hände von Terroristen fiel. Wie man Tote und Verletzte notdürftig auf Kofferwagen aus den Nobelhotels karrte. Wie ein Kameramann beim Filmen erschossen wurde. Wie Menschen über das Straßenpflaster in Sicherheit robbten, schreiend flohen. Wie das Taj brannte, ein Symbol des indischen Aufbegehrens gegen die britischen Kolonialherren.

Auch am Donnerstag ist der Ablauf nicht geklärt. Die Behörden gehen davon aus, dass 20 bis 25 Männer im Schutze der Dunkelheit mit Booten an der Halbinsel Colaba an der Südspitze Bombays landeten und ausschwärmten. Am Donnerstag fängt die Marine ein Schiff ab, das sie in die Nähe der Küste gebracht haben soll.

1 von 2
Nächste Seite »
Autor:  CHRISTINE MÖLLHOFF
Datum:  27 | 11 | 2008
Seiten:  1 2
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Zeitgeschichte

Deutschland 20 Jahre nach der Wiedervereinigung: Die FR beschreibt das Land anhand der Lebensgeschichten ihrer Einwohner.

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!