Washington. Es sollte um gesunde Ernährung gehen - so ein Thema eben, wie eine First Lady wie Michelle Obama es mit Zweitklässlern bespricht, wenn sie mit Gästen wie Mexikos Präsidentengattin Margarita Zavala Schulen besucht. Doch als das Mädchen mit dem grünen Zopfband im langen, schwarzen Haar die Hand hob, war die große Politik plötzlich da.
"Meine Mutter sagt, Barack Obama wird jeden wegschicken, der keine Papiere hat", fing die Kleine in der Turnhalle der New Hampshire Estates Elementary School in Silver Spring, einem Vorort von Washington, stockend an, die Hände nervös an den Füßen. "Nun", erwiderte die Präsidentengattin mit sanfter Stimme, "das ist etwas, woran wir arbeiten müssen, richtig? Sicherzustellen, dass Leute hier sein können mit den richtigen Papieren, richtig?" Das Mädchen fiel ihr ins Wort: "Aber meine Mutter hat keine."
Kameras haben die Szene gefilmt, das US-Fernsehen hat sie immer wieder gezeigt. Zugetragen hat sie sich ausgerechnet an jenem Tag, an dem Barack Obama im Weißen Haus den mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón empfing. Dabei ging es auch um die Sicherung der gemeinsamen Grenze und jene Mexikaner, die oft ohne gültige Papiere in den USA leben.
Obama will ihre Legalisierung im Rahmen einer Einwanderungsreform, hat aber auch Abschiebungen forciert. Nun hat das heikle Dauerthema ein sehr menschliches Gesicht: Das besorgte Antlitz eines kleinen Mädchens mit großen traurigen Augen und Zahnlücke, das Angst hat, seine Mutter zu verlieren.
Michelle Obama hat die brisante Szene überspielt: "Nun, daran müssen wir arbeiten", sagte sie nur, "wir müssen das ausbessern und im Kongress zusammen sicherstellen, dass das passiert." Doch der Kongress wird der Mutter des Mädchens so schnell nicht zu gültigen Aufenthaltspapieren verhelfen.
Die Einwanderungsreform ist blockiert, der Trend geht in eine andere Richtung: Soeben hat zum Beispiel Arizona die Kontrollen gegen illegal Eingewanderte verschärft. Barack Obama selbst strich bei der Pressekonferenz mit Calderón heraus, seit er im Amt sei, kämen weniger illegale Migranten ins Land. Laut der Zeitung Los Angeles Times peilt das Heimatschutzministerium im laufenden Jahr 400.000 Abschiebungen an, so viele wie nie.
Jetzt aber ist die in den USA auf allen Seiten stets hitzig geführte Einwanderungsdebatte kein abstraktes Zahlenspiel mehr. "Sie hat keine Aufenthaltspapiere? Findet sie und verhaftet sie sofort", empörte sich ein Leser der Washington Post. Bis Donnerstag gingen auf der Webseite der führenden Hauptstadtzeitung 260 Zuschriften ein, die meisten wütende Tiraden gegen Kind und Mutter. Einige vermuteten, die Szene sei vom Weißen Haus inszeniert worden, um Sympathien für illegal Eingewanderte zu schüren.
Ob solche Stimmen repräsentativ sind, darf man bezweifeln. Die meisten US-Bürger, selbst Nachfahren von Migranten, sind bei dem Thema hin- und hergerissen. Für mexikanische Einwanderer wiederum, glaubt Frank Sharry, Direktor von America´s Voice, einer Organisation, die sich für Betroffene einsetzt, "gibt dieses junge Mädchen ihrer wachsenden Frustration und Verzweiflung eine Stimme. Dieser herzzerreißende Dialog sagt mehr über den Stand der Einwanderungsdebatte als die Erklärungen der beiden Präsidenten im Rosengarten."
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
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