Als Jose Calanes neulich bei einer Kundin seinen Rasenmäher vom Anhänger hievte, kam die Frau aus der Tür gestürzt und rief aufgeregt ihre Kinder ins Haus. Calanes, ein untersetzter Hispanic mit Bürstenschnitt, glaubt zu wissen, warum: die Schweinegrippe.
Seit Jahren schneidet Calanes in Potomac, einem Villenvorort von Washington, das Gras in den manikürten Gärten der US-Oberschicht - ein klassischer Einwandererjob. In den gehobenen Haushalten der US-Kapitale sind Gärtner, Handwerker, Putzfrauen und Kindermädchen meist Immigranten aus dem Süden. Doch seit das Grippevirus H1N1 in Mexiko wütet und die Zahl der Infizierten in den USA steigt, stehen sie mitunter vor verschlossener Tür.
Das Robert-Koch-Institut (RKI) informiert über die Telefonnummer 030-187544161 über das neue Influenzavirus. Die Nummer ist montags bis donnerstags von 8 bis 18 Uhr erreichbar.
Das Gesundheitsministerium bietet eine kostenlose Informationshotline zur Schweinegrippe an. Unter der Nummer 0800-4400550 können sich die Bürger informieren. Sie ist montags bis donnerstags zwischen 8 und 18 Uhr, freitags zwischen 8 und 12 Uhr und am Wochenende und an Feiertagen zwischen 10 und 16 Uhr zu erreichen.
"Als eine Bekannte von einem Tag auf den anderen ihren Job als Nanny verlor, durfte sie sich nicht mal von dem Mädchen verabschieden - und das nach drei Jahren", erzählt Calanes bitter. "Die Kleine hatte an ihrer Hand das Laufen gelernt, sie war wie eine Mutter."
Die Angst vor der Schweinegrippe kommt für die Latinos in den USA zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Bereits die schwere Wirtschaftskrise hat latente Ressentiments geschürt: Jene, denen Migranten aus dem Süden schon immer ein Dorn im Auge waren, machen sie für die steigende Arbeitslosigkeit verantwortlich. Auch der blutige Drogenkrieg im mexikanischen Grenzland war für Anti-Einwanderer-Gruppen willkommener Anlass, einmal mehr dichtere Grenzen zu fordern.
Vorbehalte werden zu offenem Rassismus
Wegen der Schweinegrippe schlagen Vorbehalte teils in offenen Rassismus um: "Illegale Einwanderer sind die Träger dieser neuen Virenart aus Mexiko", warnte der konservative Radiotalker Michael Savage. Jeder Kontakt sei zu meiden, schließlich wisse man nicht, ob sie "ihren Hintern mit den Händen wischen". In Boston beschwerte sich Savages Radiokollege Jay Severin, aus Notaufnahmen in US-Krankenhäusern würden nun wohl "Eigentumswohnungen von Mexikanern".
Ins gleiche Horn stieß im texanischen Houston Stadträtin Toni Lawrence. Im dortigen Kinderkrankenhaus hatten Ärzte vergeblich versucht, einen mexikanischen Buben zu retten, der bei einem Verwandtenbesuch in den USA mit hohem Fieber an der Schweinegrippe erkrankt war. Lawrence war ihnen vor, die eigene Bevölkerung zu gefährden: "Wen infizieren wir, wenn wir diese Leute in unsere Hospitäler bringen? Wir müssen uns zuerst um die Houstonians kümmern."
Das Versagen, "die Grenzen rechtzeitig zu sichern, gefährdet das Leben von US-Bürgern", beschwert sich William Gheen, Chef der Lobby-Gruppe "Amerikaner für legale Einwanderung", die sich für die Deportation illegal Eingereister einsetzt. Dabei haben nicht klandestine Grenzgänger bei Nacht und Nebel H1N1 über den Rio Grande in die USA getragen - die meisten Erkrankungen gehen auf Touristen und andere Reisende aus den USA zurück, die das Virus aus Mexiko mitbrachten.
Einwanderungsgegner nutzten die Schweinegrippe schamlos, um Stimmung zu machen, beschwert sich Angelica Salas von der Koalition für Humane Einwandererrechte in Los Angeles. Pat Ahumada, Bürgermeister der überwiegend hispanischen US-Grenzstadt Brownsville, äußert die Sorge, eine Grippepanik könne "als Ausrede zur Diskriminierung von Mexikanern" herhalten.
Medizinhistoriker kennen das Phänomen
Für Howard Markel wäre das nichts Neues. "Wenn sich die unterschwellige Angst vor dem Unbekannten mit der empfundenen Bedrohung durch eine ansteckende Krankheit verbindet, ist das immer explosiv", erklärt der Medizinhistoriker der Universität von Michigan. So hätten in Europa während der Spanischen Grippe von 1918, der bislang schlimmsten Grippe-Pandemie, Italiener die Spanier verantwortlich gemacht - und umgekehrt.
Jose Calanes, der hispanische Rasenmähermann in Potomac, hat über den Ursprung von H1N1 seine eigene Theorie. "Ich glaube nicht, dass das einfach so in einem Schweinestall in Mexiko entstanden sein soll", sagte er, "wahrscheinlich haben sie das auch in einem Militärlabor in den USA gezüchtet - so wie Aids."
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