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Schweinegrippe-Impfung: Allgemeine Verunsicherung

Nächste Woche beginnen die Impfungen gegen H1N1 - und die Regierung kann sich dabei nicht vollends auf die Volksgesundheit konzentrieren. Sie kämpft gegen den Vorwurf der "Zweiklassen-Impfung". Von S. Geyerund P. von Bebenburg

Im Gegensatz zu den USA soll nach Deutschland ein Impfstoff mit deutlich niedriger dosierten Antigenen geliefert werden.
Im Gegensatz zu den USA soll nach Deutschland ein Impfstoff mit deutlich niedriger dosierten Antigenen geliefert werden.
Foto: dpa

Wahrscheinlich ist das in der jetzigen Krise die wichtigste Botschaft der Bundesregierung: Angela Merkel kriegt den gleichen Impfstoff gegen Schweinegrippe wie jeder andere Deutsche! Wenn am nächsten Montag bundesweit die Massenimpfung gegen H1N1 startet, werde sie "mit ihrem Hausarzt sprechen", betonte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm am Montag in Berlin. "Wenn er sagt, es ist richtig, sich impfen zu lassen, wird sie das machen." Und zwar, das muss Wilhelm auf Nachfrage versichern, mit dem Impfstoff, der in allen anderen Arztpraxen verwendet werde.

Was zu dieser Auskunft über das private Impfverhalten der Kanzlerin führte, ist eine Flut von widersprüchlichen und verwirrenden Informationen, die seit dem Wochenende durchs Land geistern - und die auch der Regierungssprecher und der Sprecher des Gesundheitsministeriums bei der Bundespressekonferenz nur schwer zu ordnen vermögen.

Nun droht, dass die ohnehin impffaulen Deutschen scharenweise auf die Vorbeugung verzichten. "Dann sollten wir alle beten, dass die Neue Grippe weiter so harmlos verläuft wie bisher", kommentierte der Sprecher des Gesundheitsministeriums, Klaus Vater, diese Aussicht. Denn käme es so, könnte sich die zweite Welle der Virusgrippe, die gerade in Nordamerika ausbricht, auch hier zur Pandemie auswachsen.

Die große allgemeine Verunsicherung begann, als am Wochenende bekannt wurde, dass der Bund für "bestimmte Mitarbeiter" anderen Impfstoff geordert hat als er im Juni für Massenimpfungen empfahl: Die Länder wurden jetzt mit 50 Millionen Dosen des Medikaments Pandemrix beliefert - das aber Wirkverstärker enthält, die wegen angeblich höherer Nebenwirkungen seit langem umstritten sind. Der Bund dagegen nutzt Celvapan, das einige Experten für verträglicher halten - zumindest für besser erforscht. Hatte die Regierung für die eigenen Leute ungefährlicheren Impfstoff bestellt?Der Vorwurf kursierte schnell: "Politiker erhalten speziellen Impfstoff", titelten sogar seriösere Zeitungen, und auch von der künftigen Opposition und vom Sozialverband VdK kam der Vorwurf der "Zweiklassen-Medizin".

Diesen wies Wilhelm vehement zurück: "Es gibt keinen Regierungs-, keinen Minister- und keinen Kanzler-Impfstoff!" Nur Soldaten, Bundespolizisten und Krisenstabs-Mitarbeiter erhielten Stoff ohne Wirkstoffverstärker - aber nicht, weil der weniger Nebenwirkungen hervorrufe, sondern wegen eines vor Aufkommen von H1N1 geschlossenen Vertrags: Seit Oktober 2008 bestehe ein Rahmenvertrag mit dem US-Hersteller Baxter International für den Fall, dass die Weltgesundheitsorganisation eine Pandemie feststellt - ohne Angaben zu Impfstoff oder Wirkstoffverstärkern.

Dass für den flächendeckenden Einsatz das "verstärkte" Mittel eingesetzt wird, liegt laut Ministeriumssprecher Vater daran, dass es schneller in großen Mengen herstellbar sei. Über die Qualität sage das aber nichts aus: "Es gibt keinen besseren oder schlechteren Impfstoff", so Vater.

Das sehen Experten in den Ländern durchaus anders: So hat Pandemrix nach Einschätzung des Marburger Virologen Stephan Becker durchaus häufiger Nebenwirkungen als Celvapan. Bei Pandemrix könne es Reizungen an der Einstichstelle geben, möglicherweise auch Fieber, sagte der Leiter des Instituts für Virologie der Uni Marburg in Wiesbaden.

Allerdings seien die Nebenwirkungen spätestens nach zwei Tagen vorbei. Dann habe Pandemrix Vorteile: Wenn sich das Virus verändere, schütze der Impfstoff "auch gegen Subtypen" - gut bei einer zweiten H1H1-Welle.

Hessens Gesundheitsminister Jürgen Banzer (CDU) nutzte dieses Urteil prompt dazu, die vermeintliche Benachteiligung zum Vorteil für die Länder zu wenden: Zwar habe man keine Entscheidung für ein bestimmtes Arzneimittel getroffen. Vielmehr hätten die Länder schon vor Monaten einen Vorvertrag mit Pandemrix-Hersteller GlaxoSmithKline geschlossen, während der Bund seine Vereinbarung mit Baxter traf. Aber: "Ich glaube, wir haben das richtigere Mittel", befand Banzer.

Voraussetzung für die Verwendung von Pandemrix in den Ländern sei nur gewesen, dass es ausreichend klinische Tests gegeben habe, sagte Banzer. Dies sei der Fall - mit zwei Ausnahmen: Für Schwangere und Kinder sei das Präparat noch nicht genug getestet. Darauf verweist auch Frank Ulrich Montgomery, Vizepräsident der Bundesärztekammer, im FR-Interview (rechts). Er regte daher an, der Bund solle sein Mittel für diese Risikogruppen zur Verfügung stellen. Die Verhandlungen dazu laufen laut Banzer bereits, wie der Hesse berichtete.

Ob damit alle Verunsicherung ausgeräumt ist, bleibt fraglich. Dass etwa gesetzlich Versicherte nicht nur bei der Impfung, sondern bereits bei bloßer Beratung durch den Hausarzt von der Praxisgebühr befreit sind, konnte Ministeriumssprecher Vater nur "mit 98-prozentiger Sicherheit" bestätigen. Der Gesundheitsexperte Stefan Etgeton vom Bundesverband der Verbraucherzentralen pflichtete dieser Einschätzung bei: Auch ein Impf-Beratungsgespräch gehöre zur Vorbeugung, müsse also grundsätzlich ohne Gebühr erfolgen, sagte er der FR.

Gefragt, ob Privatversicherte zwischen den Impfstoffen wählen könnten, verwies Vater schließlich auf den Verband der privaten Krankenversicherung. Der räumte umgehend ein: "Privatversicherte bekommen dasselbe wie alle." Das ist doch auch mal eine Neuigkeit.

Autor:  Steven Geyer und Pitt von Bebenburg
Datum:  19 | 10 | 2009
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