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Schweinegrippe: Streit um "Zwei-Klassen-Impfung"

Kabinettsmitglieder und Staatsbedienstete, die die öffentliche Ordnung sichern sollen, bekommen angeblich einen anderen Impfstoff als die breite Bevölkerung: Einen ohne die umstrittenen Wirkverstärker.

Der Inhalt der Spritze gegen die Schweinegrippe unterscheidet sich: Wer dem Kabinett angehört, erhält Impfstoff ohne die umstrittenen Wirkverstärker.
Der Inhalt der Spritze gegen die Schweinegrippe unterscheidet sich: Wer dem Kabinett angehört, erhält Impfstoff ohne die umstrittenen Wirkverstärker.
Foto: ddp

Hamburg. Die Kanzlerin, die Kabinettsmitglieder sowie Beamte der Ministerien und nachgeordneten Behörden sollen mit einem anderen Impfstoff vor der Schweinegrippe geschützt werden als die deutsche Bevölkerung.

"Wir haben 200.000 Dosen des nicht-adjuvantierten Impfstoffes Celvapan der Firma Baxter gekauft", sagte der Sprecher des Innenministeriums, Christoph Hübner, dem "Spiegel".

Im Gegensatz zu dem Baxter-Impfstoff, der den für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung zuständigen Staatsdienern gespritzt wird, enthält der für die Massenimpfung vorgesehene Impfstoff von GlaxoSmithKline einen Wirkverstärker ("Adjuvans").

Die Bundesregierung hat Vorwürfe inzwischen zurückgewiesen, für sich einen besseren Impfstoff gegen Schweinegrippe als für den Rest der Bevölkerung bestellt zu haben. "Sie entbehren jeder Grundlage", sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm am Montag in Berlin. "Richtig ist, es gibt keinen besseren oder schlechteren Impfstoff." Der Sprecher des Gesundheitsministeriums, Klaus Vater, sagte, der Impfstoff für die Mehrheit habe entscheidende Vorteile.

Dem Magazin Spiegel zufolge zählen auch die Mitarbeiter des für die Impfstoffzulassung zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts zu den Staatsbediensteten, denen die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung obliegt. Das Institut hatte zuletzt wiederholt seine Entscheidung verteidigt, für die Bevölkerung den Impfstoff von GlaxoSmithKline (GSK) zu beschaffen.

Der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig, sprach von einem "Skandal" und äußerte sich "unglücklich über diese Impfkampagne". Sie werfe zahlreiche Probleme auf, ihr Nutzen sei ungewiss. "Die Gesundheitsbehörden sind auf eine Kampagne der Pharmakonzerne hereingefallen, die mit einer vermeintlichen Bedrohung schlichtweg Geld verdienen wollten."

Weil der GSK-Impfstoff nicht an Schwangeren getestet wurde, muss laut "Spiegel" auch für sie kurzfristig Impfstoff ohne Wirkverstärker besorgt werden. Der zuständige Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, Klaus Theo Schröder, sagte dem Magazin, derzeit liefen "Gespräche mit Herstellern sowie den Gesundheitsministerien in Frankreich und den USA mit dem Ziel, für Schwangere auch nicht-adjuvantierten Impfstoff zu beschaffen."

Scharfe Kritik an der Impfkampagne übten erneut Allgemeinmediziner und Kinderärzte. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, Michael Kochen, riet den deutschen Hausärzten im "Spiegel" von der Impfung ab. "Das Schadensrisiko überwiegt den Nutzen."

Der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Wolfram Hartmann, warf der Regierung "wissenschaftliche Falschaussagen" vor. Wie bei Schwangeren gelte auch für unter Dreijährige, dass der Impfstoff an ihnen noch überhaupt nicht getestet sei, "deshalb ist das Risiko einfach zu groß, ihn jetzt bedenkenlos einzusetzen". Kinder hätten ein Immunsystem, das zu Überreaktionen neige, genau die aber könnten durch den Zusatz von Wirkverstärkern ausgelöst werden.

Auch das Bundesinnenministerium weist die Kritik zurück. Es gebe keine "Zwei-Klassen-Impfung", sagte eine Sprecherin von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) der "Berliner Zeitung" (Montagausgabe). Das Beschaffungsamt des Innenministeriums habe mit dem Hersteller Baxter schon vor vielen Monaten einen Vertrag abgeschlossen, den man einhalten müsse, sagt die Sprecherin. Zum damaligen Zeitpunkt sei von Unterschieden der beiden Stoffe noch keine Rede gewesen.

Die Debatte über den Impfstoff gegen die Schweinegrippe droht nach Einschätzung des Thüringer Gesundheitsministeriums nun die Impfbereitschaft zu dämpfen. "Die Diskussion um einen vermeintlich besseren Impfstoff für Bundeswehr und Bundesregierung wirkt demotivierend", sagte Ministeriumssprecher Thomas Schulz am Montag. Dadurch sei der medizinisch falsche Eindruck entstanden, es gäbe besseren und falschen Impfstoff.

Nach Medienberichten hat das Bundesinnenministerium für die Bundesregierung einen Impfstoff ohne Wirkstoffverstärker bestellt. Thüringen hat zurzeit den Vorsitz der Gesundheitsministerkonferenz. (afp/dpa)

Datum:  18 | 10 | 2009
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