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Schweiz: Das Land der Kuhglocken fürchtet den Muezzin

Die Schweizer stimmen am Sonntag über ein Bau-Verbot für Minarette ab. In Wirklichkeit ist es ein Plebiszit über den Islam. Von Jan Dirk Herbermann

Auch in Deutschland sind Moscheen umstritten: Ein Minarett der Centrum-Moschee in Hamburg St. Georg hängt am Sonntag  am Kran.
Auch in Deutschland sind Moscheen umstritten: Ein Minarett der Centrum-Moschee in Hamburg St. Georg hängt am Sonntag am Kran.
Foto: dpa

Genf. "Minarett" prangt auf der grauen Tür. Oben steht es in lateinischer Schrift, darunter auf Arabisch. "Kommen Sie, ich zeige Ihnen das Minarett", sagt Ulysse Moh. Seine Stimme hallt im kalten Keller. Mit der linken Hand streicht er den ergrauten Bart, die rechte Hand geht zum Griff. Die Tür knarrt.

Eine spiralförmige Treppe führt steil nach oben. Es ist eng, feucht, faulig. Die Lampen sind aus. Nach rund 100 Stufen fällt Licht in den schlanken Turm. Die Tür zum Balkon steht offen. Über der Empore ragt die grüne Spitze des Minaretts in den grauen Himmel. Auf der Spitze stehen drei Kugeln, ganz oben liegt ein Halbmond. "Das Minarett hier in Genf ist rund 40 Meter hoch", sagt Moh, der Hausmeister, "der Turm soll den Gläubigen den Weg zur Moschee weisen. In muslimischen Ländern ruft der Muezzin vom Minarett zum Gebet."

Plebiszit

Die Demokratie der Schweiz sieht eine Reihe von Instrumenten der Volksbeteiligung vor. So muss die Regierung Änderungen der Verfassung und auf Antrag von 50.000 Bürgern auch Gesetze dem Volk zur Abstimmung vorlegen.

In einer Volksinitiative verlangen Stimmbürger selbst eine Änderung der Verfassung. Damit die Abstimmung darüber auf Bundesebene zustande kommt, müssen binnen 18 Monaten 100.000 Schweizer unterschreiben.

Auch das Ständemehr (die Mehrheit der Kantone) muss, neben der Mehrheit der Abstimmenden, der Volksinitiative zustimmen.

Seit 1966 kamen mehr als 160 Volksinitiativen zustande, über mehr als 100 wurde abgestimmt. Nur acht wurden angenommen. Häufig reicht die Androhung einer Initiative, um die Politik in Bewegung zu versetzen. (FR)

Die Gläubigen in Genf fürchten, dass die Abstimmung den Hass aufstachelt.
Die Gläubigen in Genf fürchten, dass die Abstimmung den Hass aufstachelt.
Foto: afp

Die Genfer Moschee ist das größte islamische Gotteshaus in der Schweiz. Der König von Saudi-Arabien gab das Geld für den Bau und kam zur Eröffnung der Moschee am nördlichen Stadtrand. "Der König kam 1978", erzählt Ulysse stolz. Dann erwähnt er "die Initiative". Seine Augen verlieren den Glanz. Er sagt: "Erst sind es die Minarette, dann die Moscheen, dann die Muslime."

Eine Gruppe rechtsgerichteter Eidgenossen will den Bau von Minaretten per Verfassungsänderung verbieten; die vier bereits errichteten Moscheetürme in der Schweiz wären nicht betroffen. Die größte Partei des Landes, die erzkonservative Schweizerische Volkspartei, trommelt an der Seite der Urheber der Initiative.

Am Sonntag entscheiden die Schweizer Stimmbürger über den Baustopp. Der angestrebte Bann beherrscht seit Wochen die Debatte: Die sonst so gemächlichen Helvetier führen voll Inbrunst einen Diskurs über Religion und Rassismus, über Toleranz und Terrorismus. Es geht um mehr als das Minarettverbot. In Wirklichkeit ist es ein Plebiszit über den Islam.

"Wir Schweizer leben zwar in der Mitte Europas, sind aber noch immer ein Sonderfall", analysiert der Soziologe Jean Ziegler. "Dass rund 115.000 Schweizer mit ihrer Unterschrift die Abstimmung erzwungen haben, ist ein Zeichen der helvetischen Pathologie." Besorgt fragt Ziegler: "Wie kann eine so intolerante Initiative nur so erfolgreich sein?"

Die Antwort: Sie setzt auf Angst. Die Angst vor dem Islam, die Angst vor Fanatikern. Das Minarett symbolisiere den "Machtanspruch" des Islam über die Schweiz, sagen sie. Einer ihrer Wortführer ist der SVP-Abgeordnete Walter Wobmann: "Die Befürchtung ist groß, dass den Minaretten der Gebetsrufer, der Muezzin, folgen wird", warnt er seine Zuhörer. Und nach dem Muezzin droht in Wobmanns Vorstellungswelt das islamische Recht, die Scharia. Für Wobmann: "Ehrenmorde, Zwangsehen, Beschneidungen, das Tragen der Burka, die Missachtung von Schulvorschriften, ja sogar Steinigungen."

Als Höhepunkt ihrer Kampagne präsentierten Wobmann und seine Mitstreiter ein Plakat: Links starrt eine schwarz verhüllte Frau grimmig auf den Betrachter, daneben ragen Minarette wie Raketen auf, ihre Schatten legen sich auf die Schweizer Fahne. Die Stadt Basel hat das "rassistische und diskriminierende" Poster verboten, UN-Menschenrechtsexperten rügten die "provozierende" Botschaft. In Genf prangt das Plakat an Straßen und Plätzen. Auch in der Nähe der Moschee.

Es ist Freitag gegen 12 Uhr mittags. Freitag ist der heilige Tag im Islam. Vor der Genfer Moschee klappert ein Muslim mit seiner Sammelbüchse, für Prothesen für die Kriegsopfer im Gazastreifen. Die ersten Gläubigen treffen ein. Junge Männer, alte Männer, die meisten tragen einen Bart, nur wenige Krawatte. Auch einige Frauen erscheinen. Sie bedecken große Teile des Kopfes mit Tuch.

Vor der Moschee regelt ein Wachmann eines privaten Sicherheitsdienstes den Verkehr. Polizeiwagen patrouillieren. Erst vor wenigen Tagen warfen Islam-Gegner Pflastersteine auf die Fassade. Verletzt wurde niemand. "Die Attacke zeigt die aufgeheizte Atmosphäre", erklärt ein älterer Muslim. Die "Initiative", da ist er sicher, stachelt die Nichtmuslime zum Hass auf die Muslime an.

"Es ist vor allem eine Diskriminierung all jener Muslime, die sich im Rahmen des gesellschaftlichen und interreligiösen Dialogs engagieren", betont Hisham Maizar. Der Präsident der Föderation islamischer Dachorganisationen Schweiz fährt fort: "Sie fühlen sich wie mit Hammerschlägen vor den Kopf gestoßen."

Leila, eine 37-jährige Neuromedizinerin, sagt: "Früher schauten die Leute im Bus mit Neugier auf mich, heute schauen sie mit Furcht auf mich." Leila dreht sich weg, sie geht durch einen separaten Eingang in die Moschee, muss in einem anderen Raum als die Männer beten.

An den Rändern der zwei großen Gebetsräume für Männer stapeln sich Schuhe. Die Gläubigen sitzen dicht an dicht auf flauschigen Teppichen, einige ältere Herren haben sich auf Klappstühlen niedergelassen. Alle richten ihren Blick Richtung Mekka. An der Wand hängt ein Plakat gegen die Anti-Minarett-Initiative. Zwischen die Gläubigen drängen sich Fotografen: Die Medien brauchen neuen Stoff für ihre Berichte über die Anti-Minarett-Initiative.

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Autor:  Jan Dirk Herbermann
Datum:  25 | 11 | 2009
Seiten:  1 2
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