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05. April 2012

Schweizer Verdingkinder: Die geraubten Jahre

 Von Thomas Schmid
Der Rohrstock ist immer griffbereit: Szene aus Markus Imbodens Film „Der Verdingbub“, der im November in den Schweizer Kinos anlief.  Foto: Ascot Elite

Sie wurden geschlagen, gedemütigt und missbraucht. Zehntausende Schweizer mussten in ihrer Jugend wie Leibeigene auf Bauernhöfen schuften. Nach langem Schweigen verlangen Verdingkinder nun Wiedergutmachung.

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Bern –  

Es ist ein erhabenes Panorama. Am Horizont leuchten Eiger, Mönch und Jungfrau, das majestätische Dreigestirn der Berner Alpen. Föhnlage herrscht, der Fallwind sorgt für klare Fernsicht. Die verschneiten Berge, scharf konturiert, sind zum Greifen nahe, davor zieht sich eine sanfte Hügellandschaft dahin. „Dort“, sagt Hugo Zingg und zeigt auf den grünen Streifen vor dem strahlenden Weiß, „dort liegt das Gürbetal.“

Zingg ist ein Mann von robustem Körperbau, mit kantigem Gesicht und kräftigen Händen. Man sieht ihm an, dass ihm im Leben nichts geschenkt wurde. Geboren wurde er 1936 in Bern, im Mattequartier, unten an der Aare, wo damals vor allem ärmere Leute wohnten. Die Eltern gaben ihn schon früh weg zu einem Friseur, der Kinder gegen ein Kostgeld in Pflege nahm. Als der kleine Hugo das schulfähige Alter erreichte, wurde er auf einen Bauernhof in Wattenwil im nahen Gürbetal untergebracht. Er wurde verdingt, so hieß das damals. Und fast täglich verprügelt.

Der Junge ohne Namen

Das alles liegt Jahrzehnte zurück, doch erst jetzt kämpfen ehemalige Verdingkinder wie Hugo Zingg gegen das Vergessen und Verschweigen: Über einen Betroffenenverein fordern diejenigen, die in ihrer Kindheit wie Leibeigene ausgebeutet worden sind, eine offizielle Entschuldigung, dringender noch als eine Entschädigung.

        

Hugo Zingg spielt in einem Film über Verdingkinder mit.
Hugo Zingg spielt in einem Film über Verdingkinder mit.
 Foto: Thomas Schmid

Zingg redet gelassen über die längst vergangenen Zeiten. Doch sind sie wirklich vergangen? Manchmal verkrallen sich seine Finger, wenn er von seiner gestohlenen Jugend erzählt. Manchmal stockt ihm die Sprache und er hilft sich mit einem schnellen, etwas schrägen Lächeln darüber hinweg. Manchmal scheint sich sein Blick in der Ferne zu verlieren, und er redet von sich, als ob er von einem andern sprechen würde. Dann wieder schließt er die Augen, denkt nach. Vielleicht sucht er ein Bild.

Schuften ab vier Uhr morgens

Das Bild von einem Jungen, der jeden Morgen um vier Uhr früh aufstand, Holz in die Küche schleppte fürs Feuer, über dem er die Schweinetränke kochte. Von einem Jungen, der den Kuhstall ausmistete, die Pferde fütterte, 80 Liter Milch schulterte, um sie zur Käserei zu bringen, bevor er zur Schule hochstapfte, wo er in der Klasse dann oft einschlief.


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Von einem Jungen, der nach der Schule Böden schrubbte, die Wiesen mähte, das Heu einbrachte. „Zehn Jahre lang habe ich auf dem Hof gearbeitet, geschuftet bis zum Umfallen“, sagt Hugo Zingg, „ein Bett kannte ich nicht. Ich schlief zusammen mit dem Knecht in einem Holzrahmen, der mit Stroh gefüllt war. Nicht einmal Unterwäsche hatte ich. Ich stopfte einfach das Hemd in die Hose.“

Fast täglich verdrosch ihn die Bäuerin mit dem Lederriemen. Einen Grund fand sie immer: der Boden war nicht sauber gefegt, ein Eimer war umgestürzt, eine Kuh wollte nicht kalben, ein Blitz war in den Baum eingeschlagen. „Sie war ein Sauluder“, sagt Zingg, „und das ist noch zurückhaltend ausgedrückt.“ Und der Lehrer? Der Vormund? Der Pfarrer? Die haben doch alles mitgekriegt. Hat denn niemand eingegriffen? Die Frage nötigt dem ehemaligen Verdingbub nur ein müdes Lächeln ab. „Es waren eben andere Zeiten, auf den Dörfern herrschte Armut“, sagt er, „der Lehrer erhielt vom Bauern einen Sack Kartoffeln und schwieg, der Vormund wollte auf den Speck nicht verzichten und schwieg auch.“

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