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18. Juli 2011

Seebad Prora: Jugendherberge in Prora: Der Klotz am Strand

 Von Andreas Förster
Saniert und ausgebucht: ein Teil von Block V am Nordende. 

Wohl noch nie hat die Eröffnung einer deutschen Jugendherberge so viel Aufmerksamkeit erregt wie im Juli 2011 in Prora. Sie ist die längste der Welt - und wurde im unvollendet gebliebenen Ostsee-Hotelkomplex der früheren NS-Organisation "Kraft durch Freude" errichtet.

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Prora –  

Sven ist vor einer Stunde mit seinen Freunden in Prora angekommen. Nun steht er zwischen den beiden Doppelstockbetten in seinem Zimmer, das noch nach frischer Farbe riecht. Das Bett hat der 16-jährige Berliner selbst bezogen, wie es eben so üblich ist in einer Jugendherberge. Jetzt packt er seine Badesachen ein. Weiß er von der Geschichte dieses Hauses, in dem er die nächsten sieben Tage Urlaub machen will? "Hat irgendwas mit Hitler zu tun", sagt Sven. "Aber jetzt will ich zum Strand."

Wohl noch nie hat die Eröffnung einer deutschen Jugendherberge so viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erregt wie vor zwei Wochen in Prora. Ein ganzes Heer von deutschen Journalisten war dabei, als Anfang Juli mit einem Volksfest die Einrichtung eingeweiht wurde. Inzwischen haben auch die New York Times und der Guardian ihre Korrespondenten nach Rügen geschickt, selbst Al Dschasira hat einen Film gedreht, und noch immer kommen jeden Tag Fernsehteams aus Asien, den USA und ganz Europa.

Was - und da hat Sven aus Berlin Recht - eben vor allem mit Hitler zu tun hat. Denn die licht, modern und weltoffen wirkende Jugendherberge ist mit ihren 99 Zwei-, Vier- und Sechsbettzimmern in einen Prestigebau des Dritten Reiches eingezogen - den unvollendet gebliebenen Ostsee-Hotelkomplex der Urlauberorganisation "Kraft durch Freude". Bunt statt Grau Als "KdF-Bad der Zwanzigtausend" pries die NS-Propaganda bei Baubeginn vor 75 Jahren die schier endlose Anlage zwischen Binz und Sassnitz.

Der Koloss von Rügen

Wie ein steinernes Band zieht sich der "Koloss von Rügen" an den Dünen des Prorer Wieks entlang, einer der schönsten Buchten von Rügen. Viereinhalb Kilometer ist er lang, ein profundes architektonisches Zeugnis nationalsozialistischen Größenwahns. Die Urlauber von Prora - die meisten von ihnen sind Jugendliche, aber auch Familien kommen hierher - scheint das allerdings wenig zu berühren. Auf der großen Wiese vor der für den ganzen Sommer schon ausgebuchten Herberge stehen Dutzende Zelte, es wird Volleyball gespielt, Musik gehört, gesungen.

Auf den Holzbänken schmusen Pärchen, man trinkt Bier und lacht. Von Beklemmung oder gar Demut angesichts der steinernen Erblast keine Spur. "Wir sind doch nicht wegen dieses Dings hier, sondern wegen der Ostsee und um Spaß zu haben", sagt Martin, der mit seiner Magdeburger Klasse das Ende des Schuljahres begeht. Waren sie schon in einem der Museen hier auf dem Gelände? "Nein, es hat ja noch nicht geregnet", sagt er und lacht. "Dann gehen wir vielleicht mal hin."

Für viele Urlauber der größten deutschen Ostseeinsel ist der Besuch des ehemaligen KdF-Bades und der beiden kleinen Museen, die seine wechselvolle Geschichte dokumentieren, hingegen ein Muss. Jedes Jahr kommen mehr als hunderttausend Besucher hierher.

Für eine Einrichtung, die sich als neues Flaggschiff des Deutschen Jugendherbergswerkes versteht und jedes Jahr Tausende Gäste anlocken muss, um rentabel wirtschaften zu können, scheint so ein geschichtlich belasteter Ort also durchaus von Vorteil zu sein. Dennis Brosseit aber wird trotzig, wenn man ihm damit kommt. "Wir werben nicht mit dem Nazibau", sagt der Herbergsleiter, "sondern damit, die längste Jugendherberge der Welt zu sein. Immerhin ist hier jeder Flur auf den vier Etagen genau 141,35 Meter lang."

Seit gut zwei Wochen herrscht Brosseit, 36 Jahre alt und geboren in Düsseldorf, über die rund 400 Betten der Jugendherberge. Der groß gewachsene, sportliche Mann entspricht eher dem Klischee eines Rettungsschwimmers als dem des gutmütig-mürrischen Herbergsvaters. Doch er hat einst im Berliner Grand Hotel Esplanade gelernt und mit seiner Ehefrau zuletzt ein eigenes kleines Hotel auf Mallorca geführt. "Casa Poesia", sagt er mit schwärmerischem Blick. "Das war ein altes, kleines Haus, schon etwas heruntergekommen, da mussten wir auch eine Menge improvisieren."

Mit viel Farbe, Charme und Fantasie hätten sie das kleine Hotel lustig und einladend gestaltet. Und ein wenig sei das hier in Prora auch so, findet er: "Das Credo unserer Jugendherberge lautet ja schließlich ,Bunt statt Grau'". Natürlich habe das Prora-Projekt eine ganz andere Dimension, schiebt er schnell nach. "Das beginnt schon mit dem Gelände hier. Du brauchst doch bloß vor die Tür treten und bist mitten drin in der Geschichte." Die Geschichte, von der Brosseit spricht, begann 1936, mit dem Spatenstich für das "KdF-Bad der Zwanzigtausend".

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