So voll ist es sonst nur, wenn die Kanzlerin kommt. Doch als sich endlich der Wald aus Kamerastativen und Objektiven lichtet, sitzt vorne vor der blauen Wand der Bundespressekonferenz ein lächelnder Mann mit blondem Haar und hellblauer Krawatte, den man schon oft gesehen hat. Genau genommen 328 Mal in den vergangenen fünf Jahren hat Ulrich Wilhelm an diesem Platz für Angela Merkel gesprochen. Heute ist sein letztes Mal.
Verlässt da nach den sechs CDU-Ministerpräsidenten schon wieder einer das sinkende schwarz-gelbe Schiff? „Den Eindruck habe ich nicht“, widerspricht der 49-Jährige der Metapher von der Titanic. Die Kanzlerin sei „durchaus der Überzeugung“, dass die Koalition auf dem richtigen Weg sei, die Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise zu bewältigen. „Und ich glaube, dass sich das auch am Ende durchsetzen wird“, ergänzt der Noch-Regierungssprecher. Ein typischer Wilhelm – höflich und doch bestimmt.
Tatsächlich hat der Weggang von Merkels wichtigstem männlichen Berater mit der aktuellen politischen Malaise nichts zu tun: Wilhelm kommt aus München, wo er einstmals Edmund Stoiber als Sprecher diente. Dort wohnen auch seine Frau und die Kinder. Wilhelm hat immer gesagt, dass er den extrem fordernden Job in Berlin nur eine Legislaturperiode machen wolle. Zum Jahreswechsel wird er Intendant des Bayerischen Rundfunks. Das sind gute Gründe für einen Wechsel.
Bemerkenswert ist, dass Wilhelms Ansehen und seine Beliebtheit bei den Korrespondenten unter den dramatisch sinkenden Popularitätswerten der Regierung nicht gelitten hat. „Immer bestens vorbereitet und verlässlich“ sei der gelernte Jurist und Journalist gewesen, lobt der Vorsitzende der Bundespressekonferenz, Werner Gößling, zum Abschied. Und das von Gößling verliehene Prädikat „überdurchschnittlich“ muss man nicht nur auf die lange Verweildauer Wilhelms im Amt beziehen. Sein Nachfolger Steffen Seibert, der vom ZDF kommt, tritt ein ziemlich schweres Erbe an.
Das weiß auch die Kanzlerin. Schon vorige Woche hat Merkel ihrem Sprecher, der sie bei allen wichtigen Terminen begleitete, ohne selbst je ins Rampenlicht zu drängen, mit ungewöhnlichem Pathos für eine „wunderbare Zusammenarbeit“ gedankt und etwas gequält hinzugesetzt, sie könne sich „inzwischen sogar fast freuen, dass er sich freut, eine andere Aufgabe zu bekommen“.
Darauf bereitet sich Wilhelm nun vor. Als ihm zum Abschied von der Bundespressekonferenz ein Fernrohr geschenkt wird, sinniert der PR-Profi: „Ich müsste wahrscheinlich für die Fotografen ein Motiv schaffen.“ Andererseits könnte er mit dem Teleskop vor dem Auge eine hämische Bildzeile „Mann ohne Weitblick“ illustrieren. „Der Bundeskanzlerin würde ich wahrscheinlich raten: Tue es nicht!“, sagt Wilhelm und legt das Fernrohr schnell beiseite.
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