Ein rotes Stopp-Schild bremst in Norwegen Internet-Benutzer, die beim Surfen versehentlich oder bewusst Websites anklicken, auf denen für pornografische Zwecke missbrauchte Kinder zu sehen sind. Statt der verbotenen Bilder taucht das Logo von Kripos, der Einheit für die Bekämpfung organisierter Kriminalität, auf dem Bildschirm auf, gefolgt von dem warnenden Text, dass das Aufrufen solcher Seiten nach norwegischem Gesetz strafbar ist.
Die Sperre solle der "Verbreitung dokumentierter sexueller Übergriffe" vorbeugen und die weitere Ausnützung von Kindern verhindern, heißt es bei Kripos. "Der Filter soll die Nutzer vor allem auf das Problem aufmerksam machen und ein Bewusstsein für den Kampf gegen Kindesmissbrauch in der Bevölkerung verankern", meint Bjørn-Erik Ludvigsen in der Abteilung gegen Cybercrime. Der Fahndung nach den Nutzern von "Bildern von Übergriffen an Kindern" (den verharmlosenden Begriff "Kinderpornografie" vermeidet Norwegens Rechtsprechung) dient der Internetfilter hingegen nicht: Die IP-Adressen der benutzten Computer werden nicht gespeichert.
Seit 2004 funktioniert die von der Telegesellschaft Telenor entwickelte Sperre in Norwegen und verhindert dort laut Kripos täglich bis zu 18 000 Aufrufe der rund 8000 inkriminierten Sites. Die übrigen skandinavischen Länder, aber auch die Niederlande, die Schweiz, Neuseeland und Italien folgten seither dem Vorbild. Die Osteuropäer, von wo ein Großteil der Kinderpornografie vertreiben wird, verzichten bislang auf das sogenannte Access Blocking.
Beispiel Dänemark: dort arbeitet das Hilfswerk "Rettet das Kind" mit der Polizei zusammen, um die täglich aktualisierte Liste von Internetadressen zu erstellen, die dann von den Providern auf Grund eines freiwilligen Übereinkommens blockiert werden. Auf Druck des Innenministeriums haben sich fast alle Internet-Anbieter dem Eingriff angeschlossen.
In Umfragen äußern sich 90 Prozent der Befragten positiv über die Sperre. Die Fahnder meinen, sie hätten damit ein Instrument erhalten, das die Verbreitung eindämmen kann - allerdings räumen sie ein, dass der Internetfilter vor allem gegen Nutzer hilft, die aus Unwissen oder Neugier auf den Ekelseiten landen, nicht aber gegen bewusste Missbraucher. Gegen diese wird mit Razzien vorgegangen und mit Strafen, die in schweren Fällen in ganz Skandinavien bis zu sechs Jahre Gefängnis vorsehen. Während in Schweden und Finnland nur Verbreitung und Besitz von Kinderpornografie strafbar sind, ist es in Dänemark und Norwegen auch das bloße Ansehen im Internet.
Vorwürfen, dass Norwegen das Internet zensiere, begegnet Björn-Erik Ludvigsen abweisend. "Man hat uns anfänglich unterstellt, wir würden zu einem zweiten China, aber die Kritiker haben sich beruhigt." Die meisten Menschen bekämen die Stopp-Seite nie zu Gesicht. Und wer meint, dass eine Website zu Unrecht blockiert wurde, kann dies einer auf der Kripos-Seite angegebenen Telefonnummer unproblematisch melden.
Dennoch gibt es in der Internetgemeinde heftige Kritik an der Blockade: Sie sei juristisch bedenklich, leicht zu umgehen und wecke den Ruf nach Eingriffen gegen andere umstrittene Seiten. In Norwegen sprachen sich Mitglieder einer parlamentarischen Kommission dafür aus, auch Nazi- und Islamismus-Propaganda sowie selbst Online-Casinos auf die Verbotsliste zu setzen. Das wurde zwar vom Justizministerium abgelehnt, ist für Kritiker jedoch Beweis dafür, dass die Zensur ausufere, sobald man ihr eine Tür öffne.
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