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04. Januar 2013

Seminar für Studenten: Früh übt sich, wer unbestechlich bleiben will

 Von Silvia Perdoni
Die Pharmaindustrie verwendet Marketingtricks, um ihre neuen Medikamente zu verkaufen.  Foto: dpa

Die Berliner Charité bietet wöchentlich das Seminar "Advert Retard", um Studenten den Umgang mit der Pharmaindustrie zu erklären.

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Die Berliner Charité bietet wöchentlich das Seminar "Advert Retard", um Studenten den Umgang mit der Pharmaindustrie zu erklären.

Kugelschreiber, Tassen, Lehrbücher oder ein Mittagessen – kleine Zuwendungen von Pharmafirmen an Mediziner gibt es in vielfältiger Form. Und das bereits, bevor die Beschenkten als Ärzte praktizieren: im Studium. Eine Studie der Harvard-Universität fand 2011 heraus, dass mehr als 80 Prozent aller weltweit befragten Medizinstudenten bereits Snacks oder ein Essen gratis erhalten haben. Um Studenten zu zeigen, wie sie mit dem Einfluss der Pharmaindustrie umgehen können, bietet die Berliner Charité einmal wöchentlich das Seminar „Advert Retard“ an. Dieser Titel bedeutet „langanhaltende Werbung“ und spielt auf den Pharmabegriff „Retard“ an.

Tricks der Marketingprofis

„Unser Ziel ist es, Studenten die rationale Arzneimitteltherapie nahezubringen, so dass sie sich später gegen Einflüsse von außen wehren können und das Medikament verschreiben, das für den Patienten am besten ist“, erklärt Mediziner Peter Tinnemann, der das Seminar vor drei Jahren als deutschlandweit erstes dieser Form ins Leben rief. „Viele Studenten wissen nicht, wie sie später als Ärzte mit Pharmareferenten umgehen sollen.“ Eine Studentin sei verwundert gewesen, dass Ärzte gar nicht verpflichtet seien, Referenten zu empfangen. Rund 15 000 Pharmavertreter statten deutschen Praxen und Kliniken im Jahr etwa 20 Millionen Besuche ab. In dem Seminar analysieren die Studenten Lehrbücher für Pharmareferenten, um herauszufinden, wie die Marketingprofis arbeiten.

„Auch sollten angehende Mediziner lernen, Studien zu neuen Medikamenten richtig einzuordnen“, ergänzt Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und Redner in dem Seminar. „Überzufällig häufig ergeben von Pharmafirmen finanzierte Studien ein positives Ergebnis zugunsten des neuen Medikaments. Die Ergebnisse werden dann in Gratiszeitschriften unter die Ärzte gestreut.“ Um ein kritisches Auge dafür zu entwickeln, vergleichen die Seminarteilnehmer medizinische Zeitschriften mit Werbeanzeigen mit solchen ohne.

Dass unter Umständen auch ihre eigenen Dozenten in einem Interessenkonflikt stehen, weil sie pharmafinanzierte Forschung betreiben und gleichzeitig über das entsprechende Thema referieren, ist Studenten oft nicht bewusst. „Pharmaforschung ist gut und wichtig“, sagt Seminarleiter Tinnemann. „Aber Lehrende sollten ihre Interessenkonflikte transparent kommunizieren.“ Viele Dozenten täten dies nicht. „Sie denken zwar, Interaktion mit Pharmafirmen sei beeinflussend – jedoch nur für die anderen Ärzte.“

Wolf-Dieter Ludwig fordert, Seminare zum kritischen Umgang mit der Pharmaindustrie deutschlandweit fest in den Lehrplan zu integrieren. Auch der Charité-Kurs ist nur eine Wahlveranstaltung. „Viele Unikliniken sind mittlerweile dafür, auch angesichts der aktuellen Debatte über Ärztekorruption. Aber eine Lehrplanänderung ist ein schwerfälliger Prozess. Nicht auszuschließen ist auch, dass einige pharmafinanzierte Wissenschaftler skeptisch gegenüber kritischem Unterricht an ihrer Klinik sind.“

Medizinstudent Michael Schoop findet Ludwigs Vorschlag richtig. Der 28-Jährige studiert im neunten Semester an der Uni Hamburg. „Ich kann die Marketingtricks der Pharmaindustrie schwer einschätzen, weil ich ihnen kaum begegnet bin. Es wäre gut, sich frühzeitig mit dem Thema zu beschäftigen, damit man später nicht aufs Glatteis geführt wird.“

Wie die Debatte über Ärztekorruption zeigt, gehen viele praktizierenden Ärzte - bewusst oder unbewusst - genau diesen Tricks auf den Leim. Deswegen hat sich Peter Tinnemann entschieden, das Seminar im Januar 2013 über seinen Verein Certified Medical Independence auch für fertig ausgebildete Ärzte anzubieten.

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