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Belästigung am Arbeitsplatz: Sexuelle Gewalt als Machtmittel

Dominique Strauss-Kahn gilt natürlich weiterhin als unschuldig - doch sexuelle Übergriffe, die ihm zur Last gelegt werden, sind Alltag. Experten sehen ein strukturelles Problem. Die Opfer stehen in der Hierarchie meist unten.

Dominique Strauss-Kahn soll sich heute erstmals selbst vor Gericht erklären.
Dominique Strauss-Kahn soll sich heute erstmals selbst vor Gericht erklären.
Foto: dapd

Wir wissen nicht, was am 14. Mai in New York passiert ist“, schreiben französische Feministinnen in einer Reaktion auf die Verhaftung von Dominique Strauss-Kahn, „aber wir wissen, was in Frankreich los war.“ Verharmlosend seien die Stellungnahmen der französischen Elite zum Fall des zurückgetretenen IWF-Chefs, der ein Zimmermädchen vergewaltigt haben soll, heißt es in ihrem Beitrag für Le Monde. Typisch, finden die Frauen: In Frankreich reagiere man regelmäßig mit einer „gewissen Laxheit“ auf ungehemmten Sexismus.

In jedem Fall aber bringe man für den mutmaßlichen Vergewaltiger mehr Verständnis auf als für sein Opfer. „Hätte das in Frankreich stattgefunden, wir hätten nichts davon erfahren“, beklagt die Feministin Gisèle Halimi. Inzwischen allerdings erfährt die Öffentlichkeit, ob sie will oder nicht, dass Strauss-Kahn schon lange vor der mutmaßlichen Nötigung eines Zimmermädchens in einem New Yorker Hotel der Ruf eines notorischen Womanizers anhing. Wo er mit Verführungskunst nicht zum Erfolg kam, soll er zur Gewaltbereitschaft neigen. Am heutigen Montag soll Strauss-Kahn sich erstmals selbst vor Gericht erklären – und wird laut Angaben seines Anwalts auf nicht schuldig plädieren.

Und wie steht es in Deutschland um das Thema sexuelle Belästigung? 2003 gaben mehr als die Hälfte der Teilnehmerinnen einer Studie des Bundesministeriums für Frauen und Familie an, mindestens einmal Opfer sexueller Belästigung geworden zu sein. 13 Prozent davon, also fast jede siebte Frau, erlebte eine strafrechtlich relevante Form sexueller Gewalt, in der Regel also sexuelle Nötigung bis hin zur Vergewaltigung. In zwei Dritteln der Fälle war der Tatort die eigene Wohnung, der Täter der Partner.

Belästigung am Arbeitsplatz

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz verstößt gegen geltende Rechtsnormen. Sie kann auch Strafrechtstatbestände erfüllen. Doch wo beginnt sexuelle Belästigung? Ist schon ein Flirt oder eine anzügliche Bemerkung justiziabel? Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) unterscheidet die „allgemeine“ Belästigung, mit der die Würde einer Person verletzt werden kann, von der sexuellen Belästigung: Diese ist nach gesetzlicher Definition ein unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten. Dazu gehören sexuelle Handlungen, Aufforderungen, körperliche Berührungen, Bemerkungen sowie pornografische Darstellungen, mit denen Täter ihre Opfer belästigen, sei es per E-Mail oder indem solche Bilder am Arbeitsplatz sichtbar zur Schau gestellt werden.

Laut dem seit 2006 geltenden AGG ist jeder, der bei der Arbeit sexuell belästigt wird, berechtigt, sich bei seinem Arbeitgeber und beim Betriebsrat zu beschweren. Der Arbeitgeber muss dann die Beschwerde prüfen und kann dem Beschuldigten eine Abmahnung schicken oder ihm kündigen. Wenn nichts passiert, darf der Beschäftigte seine Arbeit bezahlt niederlegen, sollte das zu seinem Schutz erforderlich sein. Der Arbeitgeber ist bei Verstößen gegen das AGG gegebenenfalls zur Zahlung einer Entschädigung und bei Eintreten eines Schadens (wenn ein Verschulden vorliegt) verpflichtet, Schadensersatz zu leisten.

Das Bundesfamilienministerium, das für das Thema zuständig ist, gibt an, dass überdurchschnittlich oft junge, in unsicheren Arbeitsverhältnissen befindliche Frauen von sexuellen Übergriffen betroffen sind. Eine repräsentative Studie des Ministeriums spricht für Deutschland von 22 Prozent der berufstätigen Frauen, die bereits Opfer von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz geworden sind.

Laut Angaben der ILO, der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen, ist jede zweite Frau an ihrem Arbeitsplatz schon einmal Opfer von sexueller Belästigung gewesen. (tich)

Doch auch der Arbeitsplatz ist alles andere als ein Schutzraum. 35 Prozent aller berufstätigen Frauen in der Europäischen Union sind nach Angaben der für Arbeit und Soziales zuständige EU-Kommissarin Anna Diamantopoulou schon Opfer sexueller Belästigung am Arbeitsplatz geworden. Die Studie des Familienministeriums spricht für Deutschland von 22 Prozent der berufstätigen Frauen.

Die Internationale Arbeitsorganisation ILO stellt in ihrem jüngsten Bericht über die Umsetzung des Diskriminierungsverbots fest, dass die Opfer der Übergriffe meist junge, finanziell abhängige, ledige oder geschiedene Frauen und Migrantinnen sind. Werden Männer sexuell belästigt, sind sie ebenfalls meist jung, homosexuell oder Angehörige ethnischer Minderheiten.

Auch der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (BFF) hat festgestellt, dass die Täter sich ihre Opfer vornehmlich unter denen suchten, die sich in Abhängigkeitsverhältnissen befinden und viel zu verlieren haben. Dass Frauen, die ihren Platz in der Unternehmenshierarchie selbstbewusst behaupten, vor Belästigungen gefeit wären, lässt sich aber nicht sagen. Auch Frauen, die von Männern als direkte Konkurrentinnen empfunden würden, würden belästigt, um sie „in ihre Schranken zu verweisen“, erklärt der BFF.

Die strengen Auflagen für Strauss-Kahn

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Belästigungen sind oft keine Einzeltaten, sondern wiederholen sich. Sie finden nicht nur in abgelegenen Räumen, sondern auch an öffentlichen Orten, in Kantinen, Pausenräumen, in Treppenhäusern oder im Flur statt. Die Belästiger sind laut BFF in der Regel Männer, die sich sonst durchaus unauffällig benehmen.

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ist kein individuelles Problem – auch wenn sich die Betroffenen häufig allein damit fühlen. Es ist eine verbreitete Form der Diskriminierung – ein strukturelles Problem, sagt der BFF. Den Tätern diene sie oft dazu, ihre Vorrangstellung und den eigenen Selbstwert zu stabilisieren.

Wo Sexualität gezielt als Mittel der Diskriminierung, Demütigung und Machtausübung eingesetzt werde, geschehe das in einem gesellschaftlichen Klima, das Frauen gering schätze und in dem sie auch auf beruflicher Ebene oft weniger Wertschätzung erführen als ihre männlichen Kollegen. Die jüngsten Berichte über Sex-Orgien eines deutschen Versicherungsunternehmens in Budapest, bei denen bestimmte Prostituierte per farbigem Bändchen für leitende Angestellte reserviert waren und pro Geschlechtsakt Stempel auf den Arm erhielten, dürften diese Einschätzung stärken.

Autor:  Katja Tichomirowa
Datum:  5 | 6 | 2011
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