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24. August 2012

Sexuelle Gewalt bei der Bundeswehr: Jede Menge Einzelfälle

 Von Markus Decker
Eine Teilnehmerin einer Beförderungszeremonie der Bundeswehr steht Spalier. Foto: dapd

Die Vergewaltigung einer Soldatin in der Kaserne in Bückeburg lenkt den Blick auf sexuelle Gewalt in der Bundeswehr.

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15 Prozent Frauenanteil als Ziel

Seit 2001 dürfen Frauen als freiwillige Berufssoldatinnen in allen Teilstreitkräften der Bundeswehr dienen. Zur Zeit arbeiten rund 18.000 Frauen in der Bundeswehr, davon 7.000 im Sanitätsdienst. Das Gros der 11.000 weiteren Soldatinnen entfällt dabei auf die Streitkräftebasis und das Heer, gefolgt mit großem Abstand von der Luftwaffe und der Marine.

Der Anteil der Frauen in der Bundeswehr beträgt etwa zehn Prozent. Künftig soll ihr Anteil laut Planung 15 Prozent betragen.

Die Tat in der Heeresfliegerwaffenschule der Bundeswehr im niedersächsischen Bückeburg hätte perfider kaum sein können. Dort vergewaltigte vorige Woche ein bislang noch unbekannter Täter eine 25-jährige Unteroffizierin, fesselte sie und sperrte sie in einen Spind. Neben der sexuellen Komponente ging es ihm offenbar auch darum, Macht zu demonstrieren.

Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hellmut Königshaus, sprach von einem Einzelfall. Er habe keinen Anlass, „von einem größeren Ausmaß an sexueller Belästigung oder sexuellen Übergriffen in der Bundeswehr auszugehen“, sagte der FDP-Mann. Tatsächlich tauchen in seinem Jahresbericht für 2011 auch bloß zwei Fälle auf; in einem Fall hatte ein Soldat auf der Stube einer Kameradin eine Kamera installiert. Legt man die verfügbaren Daten zugrunde, verwundert Königshaus’ Einschätzung ein wenig. Denn es gibt jede Menge Einzelfälle.

So ging die Bundeswehr in den vergangenen fünf Jahren fast 400 Mal dem Verdacht auf sexuelle Vergehen nach. Allein 2011 wurden 78 Übergriffe oder Belästigungen mit Beteiligung mindestens eines Soldaten registriert – von Vergewaltigungen über Kindesmissbrauch bis zur Verbreitung von Kinderpornografie und Verbalattacken. Darunter waren 30 mutmaßliche Vergehen von Soldaten an Soldaten.

Einzelfälle oder hohe Dunkelziffer?

Auffällig ist zudem, dass Gerhard Kümmel, wissenschaftlicher Direktor am Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr, noch am vergangenen Freitag in der tageszeitung wissen ließ, dass von Einzelfällen nicht die Rede sein könne, während der Geschäftsführer des Instituts, Ernst-Christoph Meier, später korrigierte, dass Kümmel auf der Basis veralteter Daten argumentiere. Meier fügte hinzu, sexuelle Gewalt in der Bundeswehr sei seltener als in anderen Streitkräften oder Unternehmen. Kümmel darf sich nur noch mit Genehmigung äußern.

Der nun schweigsame Sozialwissenschaftler hatte 2008 eine Studie zum Thema präsentiert – die erste Studie, seitdem Frauen Anfang des vorigen Jahrzehnts Einzug in die Bundeswehr hielten. Das Papier hat es in sich. So berichteten 58 Prozent der Befragten von sexistischen Bemerkungen, 19 Prozent von unerwünschten sexuellen Berührungen und Annäherungsversuchen und 4,6 Prozent von regelrechter sexueller Gewalt. Im Durchschnitt der Bevölkerung klagten vor zwei Jahren 22 Prozent der Frauen über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, neun Prozent aller Frauen waren schon einmal Opfer sexueller Gewalt geworden. Kümmel kommt mithin zu dem Schluss, „dass sexuelle Belästigung auch in deutschen Streitkräften keineswegs eine zu vernachlässigende Erscheinung ist“.

Risiko steigt mit Hierarchiegefälle

Die Details seiner Studie sind nicht minder interessant. So gibt es mehr männliche Täter als weibliche. Im Umkehrschluss bedeutet das: Es gibt sowohl männliche Opfer als auch weibliche Täter. Ferner steigt das Risiko, Opfer sexueller Gewalt zu werden, mit dem Hierarchiegefälle. Dies ist im zivilen Berufsleben ähnlich. Hier ist das Risiko für Frauen in ungeschützten Positionen am größten. Und schließlich gaben drei Viertel aller 584 in der Kümmel-Studie befragten Frauen an, Fälle sexueller Belästigung nicht gemeldet zu haben. Viele meinten, dabei komme doch nichts heraus; beinahe 18 Prozent erwarteten, dass es im Falle einer Anzeige nur noch schlimmer würde. Die Befürchtungen der Frauen waren zumindest damals so unberechtigt nicht. In 20 Prozent aller gemeldeten Fälle gingen die Vorgesetzten Anschuldigungen nicht nach.

Im September will sich der Verteidigungsausschuss des Bundestages dem Thema zuwenden. Das teilte die Vorsitzende Susanne Kastner (SPD) mit. In Bückeburg wird nach dem Täter noch gesucht.

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