Aktuell: Peter Tauber | Flüchtlinge in Deutschland und Europa | US-Wahl | FR-Serie: Fintechs
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

05. Januar 2016

Silvester in Köln: „Die waren geübt darin, Leute zu bestehlen“

 Von Rüdiger Heimlich, Jenny Filon und Tobias Christ
Mehr Zivilbeamte und Einsatzkräfte sollen während der Karnevalstage Anfang Februar für Sicherheit in Köln sorgen.  Foto: dpa

Nach Aussagen von Zeugen und Opfern gingen die Täter in Köln systematisch vor. Drei Betroffene berichten.

Drucken per Mail

Immer mehr Zeugen melden sich und berichten, was sich in der Silvesternacht vor dem Kölner Hauptbahnhof abgespielt hat. Drei Beispiele:

Fahra Tajik, 32 (Name geändert), Flüchtling aus Afghanistan, seit zwei Jahren in Köln, war mit ihrer Tochter (10) zwischen 21 und 21.30 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz. Sie hatten zwei Verwandte vom Zug abgeholt, waren zuvor am Rhein, zündeten ein paar Raketen und wollten dann zur U-Bahn im Hbf. Sie kamen die Domtreppe herunter.

„Ich habe so etwas noch nie erlebt und hätte das nach zwei Jahren in Köln auch nie erwartet, so etwas in dieser Stadt erleben zu müssen. Die meisten der jungen Männer waren alkoholisiert, sie schrien laut, zerbrachen Bierflaschen, standen in Gruppen zusammen und machten junge Frauen an. Ich kann nicht sagen, aus welchen Ländern sie kamen, sie sahen aus wie Araber, aber viele sprachen gut Deutsch. Es war eine aufgeladene, aggressive Stimmung und ich hatte Angst um mich und meine kleine Tochter, die weinte.

Mehrere Männer umzingelten die Frauen oder Mädchen, die aus oder in den Bahnhof wollten. Auch uns. Als wir uns in den Bahnhof flüchteten, stellte sich ein Mann vor mich und machte mich an: ‚Hallo Süße. Du hast so schöne Haare‘. Der andere hinter mir versuchte, in meine Handtasche und meine Manteltaschen zu greifen, suchte nach meinem Handy.

Die beiden waren geübt darin, Leute zu bestehlen. Die Frauen wurden belästigt und fühlten sich bedroht.“ Fahra kann verstehen, dass sich jetzt viele Menschen fragen, ob diese Gewalt gegen Frauen ein muslimisches Problem ist. Sie sagt, dass sich in Afghanistan junge Frauen gar nicht allein in der Öffentlichkeit bewegen können, ohne von Männern belästigt zu werden. „Das habe ich oft erlebt. Aber das hat mit dem Islam gar nichts zu tun. Die meisten dieser Männer sind religiös völlig gleichgültig. Es fehlt der Respekt vor den Frauen.“

Eine 60-jährige aus Overath und ihre Freundin wurden in der Umgebung des Doms gleich mehrfach von Gruppen aus vier bis sechs jungen Männern umkreist. „Die haben versucht uns anzumachen, wir fühlten uns bedroht“, sagt die Frau, die ihren Namen lieber für sich behält. Die Täter seien Migranten gewesen, die nicht aus Afrika stammten. Die Frauen konnten sich jeweils aus der misslichen Lage befreien, doch später habe am S-Bahn-Gleis im Bahnhof noch einmal das „totale Chaos“ geherrscht. Viele der jungen Männer dort seien betrunken gewesen und sehr aggressiv geworden, es sei zu Schlägereien gekommen. „Ich hatte das Gefühl, die Polizei und die Sicherheitsleute der Bahn waren nicht nur überfordert, sondern hatten auch Angst, die Lage könnte eskalieren“, sagt die Augenzeugin.

Thorsten Schneider (Name geändert) erinnert sich an Panik und Hilflosigkeit, wenn er an die Silvesternacht denkt. Mit seiner Lebensgefährtin und seinen zwei Kindern (13 und 15 Jahre alt) wollte der Kölner am Dom das neue Jahr begrüßen: „Schon am Ausgang der Bahnhofshalle zum Dom hin, kam uns eine riesige Menschenmasse entgegen. Ich fragte mich dann: Warum wollen die alle rein? Wir wollen doch raus. Wir waren mittendrin, keine Chance mehr der Menschenmenge zu entkommen.“ Er beschreibt, wie sich „eine große Gruppe Ausländer“ von vorne in die Besuchermenge drängte. Schneider wurde abgedrängt, verlor seine Lebensgefährtin und die Kinder in der Menge. „Meine Partnerin konnte ich ein paar Meter hinter mir noch sehen, meine Kinder nicht. Das war das Schlimmste.“


Die politischen Analysen und Kommentare der FR -
auch unterwegs auf dem Laufenden mit „FR News“.
Unsere beliebte App für iPhone und Android-Smartphones.

Seiner Familie zu helfen, war für Schneider nicht möglich. Er beschreibt wie die Täter die Menge einkreisten. „Das war kein Zufall. Die wussten, was sie da taten. Sie schrien und lachten, während sie die Menge umzingelten. Ich wurde gedrückt, gedrängt und geschubst. Man griff mir in die Jackentaschen.“

Schneider schaffte es, als erster der Menschenmenge zu entkommen. Nach 20 Minuten kam seine Partnerin mit den Kindern dazu. „Sie waren geschockt und zitterten.“ Schneiders 15-Jährige Tochter habe geschrien und geweint. „Die Angreifer hatten ihr und meiner Lebensgefährtin an die Brust und zwischen die Beine gegriffen. Sie hatten versucht in Jeans und den Slip zu kommen.“ Seinem 13-jährigen Sohn habe man das Handy aus der Hosentasche gestohlen. Um den Tätern zu entkommen, lief die Familie dann zur Mitte des Platzes. Doch auch dort habe er sich nicht sicher gefühlt.

„Von überall her liefen die Täter auf uns zu. Sie schrien etwas auf Arabisch und hatten Dinge wie Bürsten, Haarreifen oder Handykopfhörer in der Hand. Die waren überall und warfen Raketen und Böller in die Menge.“ Über die Herkunft der Täter kann Schneider nur spekulieren, er möchte sich lieber zurückhalten, „vom Aussehen her könnten es Nordafrikaner gewesen sein“, sagt er. Der 49-Jährige sagt: „Von dem Moment an, an dem wir umzingelt wurden, bis wir draußen waren, habe ich keinen einzigen Polizisten gesehen.“

Gegen 0 Uhr fand sich die Familie dann in einer ruhigen Straße ein und feierte – „wenn man das so beschreiben kann“ – Silvester. „Einfach für die Kinder. Wir wollten, dass die ein bisschen runterkommen.“ Schneider hat nun Anzeige gegen Unbekannt erstattet – wegen Diebstahl und sexueller Belästigung. Seiner Familie gehe es „soweit gut“, sagt er. Auch wenn er und seine Frau unter Schlafproblemen leiden würden. „Ich kann das einfach kaum beschreiben. Ich war in der Situation völlig hilflos. Dass meine Kinder so etwas miterleben mussten, ist für mich das Schlimmste.“

[ Hat Ihnen der Artikel gefallen? Dann bestellen Sie gleich hier 4 Wochen lang die neue digitale FR für nur 5,90€. ]

Zur Homepage

Anzeige

Anzeige

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Deutsche Banken

Wenn die Deutsche Bank wankt

Von  |
Nicht mehr die Macht der Deutschen Bank bedroht die Gesellschaft, sondern ihre Schwäche.

Heute bedroht nicht die Macht der Finanzkonzerne die Gesellschaft, sondern ihre Schwäche. Ihr Fall könnte die gesamte Volkswirtschaft mit in die Tiefe reißen. Der Leitartikel.  Mehr...

Fremdenfeinde

Die Hassgesänge werden lauter

AfD-Plakat: "Jeder kann sich mal im Ton vergreifen".

Immer hörbarer werden die Stimmen der gesellschaftlichen Klimavergifter, immer brutaler die Angriffe ihrer Anhänger. Doch noch sind die Storchs, Kudlas, Broders nicht die Mehrheit. Der Leitartikel.  Mehr...

Verlagsveröffentlichung


Der Kampf um die Startbahn West +++ Tschernobyl-Katastrophe erreicht Frankfurt +++ Attentate erschüttern Rhein-Main-Gebiet +++ Der Main erhält ein Museumsufer +++ Hochhäuser in Frankfurt

Videonachrichten Politik
Dossier


Millionen Menschen verlassen ihre Heimat. Sie fliehen vor Krieg oder Umweltschäden; sie suchen Arbeit, ein besseres Leben. Nicht wenige sterben, etwa vor Lampedusa. Andere schaffen es nach Deutschland - und werden hier nicht immer gut behandelt.

Übersichtsseite - alles auf einen Blick.

Zuwanderung in Frankfurt und Rhein-Main.

Schicksale - die betroffenen Menschen.

Lampedusa - Europa schottet sich ab - die Folgen.

Anzeige

Talkshow-Kritiken auf einen Blick
Meinung