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14. Dezember 2012

Silvio Berlusconi: Die süße Sehnsucht nach der guten alten Zeit

 Von Regina Kerner
Achtung, Ironie: „Unser lieber Führer ist zurück“, jubeln diese Aktionskünstler – verkleidet als Mumien, die eine Mumie begrüßen.  Foto: AFP

Berlusconi will – vielleicht – noch einmal zur Wahl antreten. Bei vielen Italienern löst sein Name Albträume aus, aber längst nicht bei allen.

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Rom –  

In den Regalen der Pasticceria „Dolci Desideri“ – süße Sehnsüchte – reihen sich Panettoni, die italienischen Weihnachtskuchen, hübsch verziert mit roten Plastik-Sternen. Draußen, an den Tischen auf der Via Barrili, trinken die Gäste plaudernd ihren Espresso und lassen sich von den winterlicher Temperaturen in Rom nicht stören. Das Café ist ein Treffpunkt im bürgerlichen Stadtviertel Monteverde Vecchio. Auch Nanni Moretti ist hier oft. Der Filmregisseur lebt wie viele andere Künstler und Intellektuelle in der Gegend, die wegen ihrer schönen Jugendstilvillen und zentralen Lage begehrt ist.

Moretti muss man kaum fragen, was er von den täglich neuen politischen Turbulenzen hält und von dem Mann, der sie ausgelöst hat: Silvio Berlusconi. Moretti gehört zu den schärfsten Gegnern Berlusconis, er hat vor mehr als zehn Jahren eine Bürgerbewegung gegen ihn gegründet. Sein 2006 gedrehter Film „Il Caimano“ – auf Deutsch lief er unter dem Titel „Der Italiener“ – war eine cineastische Abrechnung mit dem Medienunternehmer, der in vier Regierungszeiten als Premier das Land gründlich verändert und Italiens Ansehen im Ausland ruiniert hat. Nirgends sonst würden die Leute so viel einfach hinnehmen wie in Italien, hat Moretti immer wieder gemahnt: „Man tut hier so, als seien Dinge normal, die überhaupt nicht normal sind: seine Angriffe auf die Justiz, die Skandale, die Fernsehsender.“

Diese Peinlichkeiten!

Als Berlusconi vor einem Jahr zurücktreten musste, stand der Verbleib Italiens in der Euro-Zone auf dem Spiel. Nun hat dieser Mann das vorzeitige Ende der Expertenregierung von Mario Monti provoziert, die Italien international gerade erst rehabilitiert hat. Und er will bei der Parlamentswahl im Februar antreten, um möglicherweise ein fünftes Mal zu regieren. Es sei denn, der von ihm geschmähte Monti trete für ein breites Mitte-Rechts-Bündnis an. Dann könnte er von seiner Kandidatur doch wieder zurücktreten, verkündete Berlusconi am Mittwoch in seiner bislang letzten Pirouette.

Moretti hat immer gewarnt, Berlusconi könnte wiederkommen. Für ihn sind die jüngsten Nachrichten insofern wohl keine Überraschung. Für viele andere schon. Sie empfinden Berlusconis mögliches Comeback als eine Katastrophe.

Kopfschütteln, verlegenes Lachen: so reagieren viele Italiener in diesen Tagen, wenn der Name Berlusconi fällt. „Wenn er die Wahl gewinnt, wandere ich aus“, sagt Mauro Bianchi, Experte für erneuerbare Energien und häufig Gast im „Dolci Desideri“. Man müsse sich ja fast schämen, Italiener zu sein. Bianchi findet es unglaublich, dass ein Politiker, der Prozesse wegen Korruption, Steuerbetrug und Sex mit Minderjährigen am Hals hat, es wagt, bei der Wahl wieder anzutreten. „Und diese Peinlichkeiten!“, sagt Bianchi. „Über Obama hat er gesagt, er sei gut gebräunt …“ Dass der Rest Europas höchst besorgt ist, versteht er völlig.

Populistischer Instinkt

Bedrohlich

31 Prozent der Italiener nennen in Umfragen die Rückkehr von Silvio Berlusconi (Foto) in die aktive Politik eine Bedrohung. Wieder wählen würden ihn 20 Prozent.

Pier Luigi Bersani, Spitzenkandidat der Sozialdemokraten, kommt auf das Doppelte und hat derzeit die besten Chancen, nächster Premier zu werden.

Ebenfalls 40 Prozent der Italiener sind noch unentschlossen, wen sie wählen sollen, oder wollen gar nicht abstimmen. Aus diesem Potenzial, hofft Berlusconi, schöpfen zu können.

Da momentan noch völlig unklar ist, ob Monti sich zur Wahl stellt, ist Berlusconi mit seinen immer mumienhafteren Gesichtszügen weiterhin auf allen italienischen Fernsehkanälen präsent. Seine einfache Botschaft: Schluss mit dem rigiden Sparkurs, den sich die Regierung Monti von Deutschland habe diktieren lassen. Die Reaktion der Finanzmärkte sei ihm gleichgültig, der „Spread“ ein Schwindel. Der englische Begriff bezieht sich auf die Zinsen der Staatsanleihen, er beschreibt, wie viel Italien für frisches Geld mehr zahlen muss als das als sichere Anlage geltende Deutschland.

„Spread“ ist in Italien seit einem Jahr ein Schlagwort. Für den Normalbürger ist es das Synonym für die diffuse Bedrohung durch die Märkte und die Euro-Krise, und mit seinem untrüglichen Gespür für die Gemütslage des Durchschnittsitalieners weiß sich Berlusconi seiner zu bedienen.

Von populistischem Instinkt zeugt auch Berlusconis Ankündigung, er werde die von Monti eingeführte Immobiliensteuer abschaffen, die ausgerechnet jetzt in der Vorweihnachtszeit fällig wird. Vier von fünf Familien sind von ihr betroffen, es geht um drei-bis vierstellige Euro-Beträge Viele sind deshalb verärgert.

So wie Raffaella Novelli. Die Arzt-Witwe lebt alleine in einem der Jugendstilhäuser von Monteverde Vecchio, sie verbringt viel Zeit im Café. 3 000 Euro Grundsteuer verlange man dieses Jahr von ihr, sagt die 62-Jährige und zieht an ihrer Elektro-Zigarette. „Es ist aber doch kein Luxus, eine Wohnung zu besitzen!“, empört sie sich. „Das ist, als würde man Schuhe besteuern!“

Unverbesserliche Berlusconi-Anhänger

Raffaella Novelli ist glücklich, dass es Berlusconi gibt. „Ich habe ihn immer gewählt, und ich werde ihn immer wieder wählen“, sagt sie stolz. „Er hat Charisma, Macht, Erfolg und Reichtum, deshalb beneidet und bekämpft man ihn.“ Und er habe Witz. Monti dagegen komme doch „blass und traurig“ daher.

Es gibt sie also auch im Stamm-Café von Nanni Moretti, die unverbesserlichen Berlusconi-Anhänger. Umfragen zufolge haben stets überdurchschnittlich viele Hausfrauen Berlusconi gewählt, besonders viele im Süden Italiens. Frauen, die vormittags die seichten Shows der Berlusconi-Sender anschauen, so das Klischee. Aber auch Frauen wie Roberta de Renzi, eine 44 Jahre alte Kleinunternehmerin, die im „Dolci Desideri“ auf eine Freundin wartet.

Als Geschäftsfrau – Roberta de Renzi lässt Damenmode in italienischen Nähereien herstellen und verkauft sie an Boutiquen – würde sie nie im Leben für die Linken stimmen, sagt sie. „Berlusconi ist selbst Unternehmer, ich dachte, er könnte auch das Land gut führen – und er sei reich genug, um sich nicht wie alle anderen aus der Staatskasse bedienen zu müssen.“ Aber da habe sie sich wohl gründlich getäuscht, räumt sie ein.

Monti ist an allem schuld

Ihr Geschäft läuft schlecht, klagt Roberta de Renzi. Italien steckt in der Rezession, viele Boutiquen mussten schließen, die Leute halten ihr Geld zusammen. Schuld daran sei nicht Berlusconi, der in fast zwei Jahrzehnten Regierungszeit den Schuldenberg vergrößert hat, sondern die Regierung Monti mit ihrem Sparkurs. „Denen es früher gut ging, geht es immer noch gut.

Allen anderen geht es schlechter“, lautet ihr Fazit. Monti habe es nicht gewagt, die Privilegien der Kirche, der Politiker und der Beamten anzutasten. „Dass der normale Bürger Immobiliensteuer zahlen muss, der Vatikan aber nicht, das ist nicht richtig“, sagt Roberta de Renzi.

„Unsere Politiker sind doch alles alte Männer“, sagt Roberta de Renzi im „Dolci Desideri“. „Es gibt keine Erneuerung, keinen Aufbruch. Und keiner will, dass sich etwas ändert in diesem Land.“ Berlusconi aber wird sie diesmal auf keinen Fall mehr ihre Stimme geben, sagt sie. Sie wird gar nicht wählen.

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