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27. September 2012

Sima Samar: Alternativer Nobelpreis an Ärztin der Armen

 Von Hannes Gamillscheg
Die afghanische Ärztin Sima Samar. Foto: dpa

Erstmals erhält eine Afghanin den Alternativen Nobelpreis. Die 55 Jahre alte Ärztin Sima Samar hat im Afghanistan des Taliban-Regimes Mädchenschulen betrieben und Krankenpflege für Frauen organisiert.

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Stockholm –  

Sie hat im Afghanistan des Taliban-Regimes Mädchenschulen betrieben und Krankenpflege für Frauen organisiert. Nach dem Sturz der Taliban führte sie das erste Ministerium für Frauenfragen. Auch unter Präsident Karzai pocht sie auf Gerechtigkeit für die Opfer von Menschenrechtsverletzungen. Jetzt wird die 55-jährige Ärztin Sima Samar „für ihren Mut im Kampf für Menschenrechte in einer der instabilsten Regionen der Welt“ mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Samar ist die erste Afghanin, die den Preis der „Stiftung für Richtiges Leben“ erhält, der seit 1980 jährlich im Vorfeld der Nobelpreisverleihungen vergeben wird. Wie das Preiskomitee am Donnerstag in Stockholm bekannt gab, teilt sich Samar die mit 150.000 Euro dotierte Auszeichnung mit dem 80-jährigen Gene Sharp aus den USA, der für seine Strategien für den gewaltlosen Widerstand geehrt wird, und der britischen „Kampagne gegen den Waffenhandel“. Den undotierten Ehrenpreis erhält der 90-jährige Hayrettin Karaca, der „Großvater der türkischen Umweltbewegung“.

„Menschenrechtsverbrecher“ zur Verantwortung ziehen

Mit dem Alternativen Nobelpreis sollen „praktische und beispielhafte Antworten auf die dringendsten Herausforderungen unserer Zeit“ ausgezeichnet werden. Der deutsch-schwedische Publizist Jakob von Uexküll gründete den Preis, um das Augenmerk auf Erkenntnisse und Errungenschaften zu richten, die er von den traditionellen Nobelpreisen nicht ausreichend gewürdigt sah. Manchmal verschwimmen inzwischen die Trennlinien: Sima Samar wird seit ein paar Jahren auch als Anwärterin für den Friedensnobelpreis gehandelt.

Von der Right Livelihood-Stiftung wird sie als Ärztin der Armen, als Vorkämpferin für die Ausbildung von gesellschaftlich Marginalisierten und als Verteidigerin der Menschenrechte gewürdigt. Die von ihr gegründete Shuhada-Organisation betreibt in Afghanistan inzwischen über 100 Schulen und 15 Krankenhäuser. Im Vordergrund ihres Engagements stehen Bildung und Gesundheitsfürsorge für Frauen und Mädchen. Wegen ihres Einsatzes für Menschen- und besonders Frauenrechte ist sie ständigen Todesdrohungen ausgesetzt. Dennoch fordert sie unermüdlich, dass „Menschenrechtsverbrecher“ zur Verantwortung gezogen werden, statt sie im Rahmen eines missverstandenen Versöhnungsprozesses in die Regierungsverantwortung einzubeziehen.

Co-Preisträger gilt als „Machiavelli der Gewaltlosigkeit“

Ihr Co-Preisträger Gene Sharp gilt als „Machiavelli der Gewaltlosigkeit“. Mit seinen Schriften über gewaltfreien Protest diente er als Inspiration für friedliche Massenbewegungen vom Freiheitskampf im Baltikum bis zum Arabischen Frühling, von Burma bis Georgien, von Serbien bis zur ukrainischen „Orangenen Revolution“. Wie Sharp ist auch die britische Kampagne gegen Waffenhandel (CAAT) seit Jahrzehnten in der Friedensbewegung aktiv. Sie entstand 1974 als Reaktion auf die Zunahme von Waffenlieferungen in den Nahen Osten, enthüllte später Schwarzgeldzahlungen bei britischen Militärgeschäften mit Saudi-Arabien und entlarvte im Vorjahr das Doppelspiel der Regierung in London, die den Einsatz britischer Waffen bei der Niederschlagung von Demonstrationen in Libyen und Bahrain verurteilte, gleichzeitig aber Rüstungsgeschäfte mit arabischen Despoten unterstützte. Als größten Verdienst rechnet ihr das Preiskomitee an, dass sie die Öffentlichkeit für die Probleme des Waffenhandels sensibilisierte.

Unter die Träger des Right Livelihood-Ehrenpreises reiht sich Hayrettin Karaca aus der Türkei ein, ein erfolgreicher Textilunternehmer, der zu einem führenden Umweltaktivisten wurde, als er die durch Abholzung, Überdüngung und Überwässerung ausgelösten Bodenerosionen entdeckte, die mittlerweile 90 Prozent der türkischen Landfläche betreffen. Mit der von ihm gegründeten TEMA-Stiftung unterstützt er Projekte für umweltfreundliche Einkommensalternativen. Sein Kampf schafft ihm nicht nur Freunde. Als 90-Jähriger ist er in ein Gerichtsverfahren verwickelt, bei dem ihm wegen unbefugten Betretens des Grundes einer Bergbaufirma bis zu sechs Jahre Gefängnis drohen.

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