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25. Mai 2012

Skandal am Klinikum Hildesheim: Gefährliche Therapie

 Von Jutta Rippegather
Diese Schilddrüse ist eindeutig krank.  Foto: dpa

Weil Geld und nicht das Wohlergehen der Menschen im Mittelpunkt standen, wurden Patienten im Klinikum Hildesheim wahrscheinlich jahrelang falsch behandelt - und so kranker gemacht als vor dem Krankenhausaufenthalt.

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Ein Arzt soll jahrelang Schilddrüsenpatienten ohne medizinischen Grund bestrahlt und möglicherweise damit krank gemacht haben. Noch ist unklar, wie viele Patienten des Klinikums Hildesheim betroffen sein könnten, das zum Rhön-Konzern gehört. Die Dimension lässt sich jedoch erahnen: 17 Patientenakten hat die Ärztekammer Niedersachsen begutachten lassen, was laut Kliniksprecher Ralf Giermann der Hälfte der monatlich behandelten Schilddrüsen-Fälle entspricht.

Bernd Seemann, Sprecher der Staatsanwaltschaft Hildesheim, sagt zum Ergebnis der Prüfung: „Bei 13 gab es keine Beanstandung, drei wurden kontrovers diskutiert, in einem Fall lag die medizinische Indikation nicht vor.“ Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen eingestellt. „Lediglich gegen Doktor H. gab es einen Anfangsverdacht“, sagt Seemann. „Es gab keinen Hinweis auf die Beteiligung Dritter.“ Doch H. ist nicht mehr zu belangen. Er verstarb im Februar.

„So kann man ein Leben ruinieren.“

Wolfgang Bergter sieht aber auch das Management in der Verantwortung. „Das Klinikum hat jahrelang dem Geschehen wohlwollend zugeschaut, da die Rhön-Klinikum AG gewinnorientiert arbeitet.“ Der 51-jährige Facharzt für Innere und Nuklearmedizin, hatte fünf Wochen die Vertretung des verstorbenen Kollegen übernommen, der das Institut für Nuklearmedizin und PET/CT-Zentrum sowie eine klinikeigene Therapiestation geleitet hatte. Bei Einsicht der Patientenakten sei ihm „oft schlecht geworden“, sagt Bergter. Mal hätten die Diagnosen von Arztbrief zu Arztbrief gewechselt, dann sei die Handschrift H.s nicht entzifferbar gewesen. Hormonbehandlungen, Operationen und Radiotherapien seien angeordnet worden, die nicht indiziert gewesen seien.

Stark in Erinnerung geblieben ist ihm eine 17-Jährige, die trotz normaler Schilddrüsenwerte eine Radiojodtherapie bekam. „Bei falscher Anwendung kann die Schilddrüse damit ein Leben lang geschädigt oder sogar zerstört werden.“ Dazu habe die Patientin schilddrüsenhemmende Medikamente erhalten, die zu einer schweren Unterfunktion führten, aber monatelang ignoriert wurden. Die junge Frau sei schließlich so krank gewesen, dass sie die Schule abbrach. „So kann man ein Leben ruinieren, und das ist kein Einzelfall.“

Erste Hinweise auf Mängel bei den Radiojodbehandlungen seien bei der Ärztlichen Stelle Niedersachsen/Bremen im November 2011 eingegangen, sagte Leiter Wolfgang Pethke der FR. Mit dem Tod H.s sei das „laufende Überprüfungsverfahren“ eingestellt worden. Nach den Hinweisen Bergters Ende März 2012 habe das Präsidium der Ärztekammer der Witwe H.s angeboten, das Gutachten erstellen zu lassen.

Management spricht sich frei

Rhön-Sprecher Max Müller sagt, die Klinikleitung habe am 30. März von den Vorwürfen erfahren. Verfehlungen des Managements sieht er nicht: Als „Konsiliararzt“ sei H. kein Angestellter gewesen, habe „im Rahmen seiner ärztlichen Therapiefreiheit“ gehandelt. „Der Ärztliche Direktor war nicht weisungsgebunden.“ H. habe für seine Tätigkeit im stationären Bereich ein festes Honorar bekommen. Verdient hat aber auch Rhön. Müller sagt: „Das Klinikum hat die Abrechnung und Dokumentation gemacht.“

Kliniken stehen im Wettbewerb, müssen Geld verdienen, sagt Peter Hoffmann, Vorstandsmitglied des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte. Die 2004 eingeführte Fallpauschale werde dazu genutzt, „mehr und schwerere Fälle zu machen“ – inzwischen auch an öffentlichen Kliniken. So lasse sich etwa der starke Zuwachs an Rückenoperationen und Herzkatheter-Untersuchungen erklären. „Das Geld steht im Mittelpunkt der Therapie, nicht, was der Mensch braucht.“
Das Klinikum Hildesheim hat nun eine Hotline für die Schilddrüsen-Patienten geschaltet. Alle Patientenakten der letzten vier Jahre sollen überprüft werden.

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