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07. Februar 2016

Soziale Netzwerke : Darum sind AfD und NPD auf Facebook so präsent

"Die Wähler von etablierten Parteien können sich auch sonst öffentlich zu ihren Parteien problemlos bekennen. Aber AfD- und NPD-Anhänger trauen sich das oft nicht von Angesicht zu Angesicht."  Foto: dpa

Kein Abgeordneter kann es sich mehr leisten, Twitter und Facebook zu ignorieren - das sagt der Kommunikationswissenschaftler Gerhard Vowe. Doch weshalb sind gerade die Anhänger von extremen Parteien so präsent?

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Herr Vowe, wie hat sich die politische Kommunikation in den vergangenen Jahren verändert?
Das erleben wir tagtäglich am eigenen Leibe: Die politische Kommunikation wird immer unübersichtlicher. Eine Fülle von politischen Organisationen und Gruppen versucht, Einfluss auf öffentliche Meinung zu nehmen. Es gibt keine geordneten Bahnen mehr. Und es wird immer schneller. Denken Sie an den Jahresanfang: Es gibt keine Ruhezonen mehr. Politische Kommunikation verdichtet sich – von Jahr zu Jahr.

Wie bewerten Sie das als Wissenschaftler?
Die Veränderungen sind zweischneidig – wie immer. Politische Kommunikation verläuft über weltumspannende Netze. Alles verbreitet sich blitzschnell weltweit, Informationen über Elend und Unrecht, aber eben auch Gerüchte und abstruse Theorien. Und was an politischer Kommunikation über digitale Kanäle läuft, wird dadurch beobachtbar und auswertbar – für Wissenschaft, aber auch für staatliche Kontrollorgane.

Wie intensiv werden soziale Medien durch Parteien und Abgeordnete genutzt?
Kein Ortsverband, kein Abgeordneter kann es sich heute mehr leisten, nicht präsent zu sein bei Twitter, Facebook, Whatsapp. Von den Kandidaten zur Bundestagswahl 2013 waren 77 Prozent auf mindestens einer der beiden Plattformen Facebook und/oder Twitter präsent. Im Wahlkampfzeitraum sind mehr als zwei Drittel der Kandidaten kontinuierlich sehr aktiv. Aber nach dem Wahltag bricht das meistens ein. Im politischen Alltag spielt Web 2.0-Kommunikation für viele Politiker eine geringere Rolle. So schafft man keine stabile Kommunikationsbasis.

Wen erreichen die Politiker?
Deutlich weniger als über klassische Massenmedien, aber über Twitter wichtige Gruppen wie Journalisten und Jung- und Erstwähler über Facebook, Gruppen, die sie sonst gar nicht mehr erreichen. Vor allem sollen durch die Präsenz auf Twitter und Facebook die eigene Gefolgschaft und die Kollegen erreicht und beeindruckt werden. Es geht weniger um die bislang unerreichten Wähler, als mehr auf diejenigen, die ohnehin politisch interessiert und mit der Partei verbunden sind. Man will innerparteilich als „internetaffin“ und smart gesehen werden.

Was ist mit dem Otto-Normal-Wähler?
„Normale“ Bürger nutzen Twitter nicht, um sich politisch zu informieren. Nur drei Prozent der Bevölkerung geben an, Twitter häufig zur politischen Information zu nutzen, weitere drei Prozent, dass sie das manchmal tun. Bei Facebook sind es etwas mehr: 30 Prozent häufig, 15 Prozent manchmal. Die Webauftritte der Parteien werden immerhin von 25 Prozent der Bürger für die politische Information genutzt.

Gerhard Vowe, 62, ist Lehrstuhlinhaber für Kommunikationswissenschaften an der Universität in Düsseldorf.  Foto: Uni Düsseldorf

Welchen Einfluss hat das auf die Wähler?
Der nachweisliche Einfluss der Top Down-Kommunikation von Parteien oder Abgeordneten ist nicht groß. Das geht in dem Gewirr an Stimmen unter. Aber kein Politiker kann es sich leisten, auf die Präsenz zu verzichten. Politisch viel, viel wichtiger ist der Einfluss, der über das Netz von unten ausgeübt wird, von nicht-etablierten Organisationen und von unorganisierten Gruppen, die sich spontan bilden und auch wieder auflösen. Die können über das Netz ihre Themen setzen und ihre Auffassungen verbreiten.

Outing im Netz

Warum haben die etablierten Parteien viel weniger „Gefällt-Mir-Klicks“, als Parteien wie AfD oder NPD?
Die Wähler von etablierten Parteien können sich auch sonst öffentlich zu ihren Parteien problemlos bekennen. Aber AfD- und NPD-Anhänger trauen sich das oft nicht von Angesicht zu Angesicht. Die bekennen sich dann im Netz dazu und fühlen sich durch die vermeintliche Anonymität sicher. So bekommen diejenigen, die sich unterrepräsentiert fühlen, im Netz eine Plattform.

Wie profitieren Extremisten von den sozialen Netzwerken?
Zu politisch extremen Positionen findet sich im Netz eine große Gefolgschaft, einfach weil diese Positionen gezielt gesucht und gefunden werden können. Versuchen Sie mal am Kiosk die „Junge Freiheit“ zu bekommen oder gar in unserem Radio eine völkische Stimme zu hören. Im Netz geht das schnell. Und diejenigen, die mit solchen Positionen sympathisieren, finden im Netz Unterstützung und Echo – das beflügelt.

Wie sehen Sie den Einfluss der sozialen Netzwerke für künftige Wahlen?
Für die Wahlkampfstrategen wird das immer wichtiger und attraktiver. Das Ziel wird sein, epidemische Kampagnen zu starten, also politische Botschaften im Netz viral werden zu lassen. Denken Sie an Hashtag Aufschrei. Das ist schwierig, lässt sich kaum planen oder steuern, kann nach hinten los gehen. Außerdem wird in Zukunft die Intelligenz von Computernetzen viel stärker auch politisch genutzt werden.

Wie soll das funktionieren?
Es wird darum gehen, Dialogsysteme mit den Wählern zu installieren, und zwar nicht so brav wie beim „Wahl-O-Mat“. Dann wird man Empfehlungen bekommen, wie es sie bei Verkaufsplattformen noch und noch gibt: „Wenn Sie beim Thema X die A-Position vertreten und bei beim Thema Y die B-Position, dann lohnt sich am meisten die Wahl der …-Partei.“ Oder: „Bürger, die so wie Sie der Meinung sind, ….., die wollen meistens die Z-Partei wählen.“ Das ist in Deutschland aber alles noch in den Kinderschuhen.

Interview: Timur Tinç

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