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Sozialenzyklika: Papst geißelt Wirtschaftslenker

Der Papst fordert weltliche Konkurrenz: Eine echte politische "Weltautorität" sei zur Krisenbewältigung notwendig. Die Wirtschaft soll zudem an ethischen Zielen und dem Gemeinwohl ausgerichtet werden. Von Dominik Straub

Die Sozialenzyklika des Papstes wurde mit Spannung erwartet. De Pontifex geißelt darin die Irrwege des Kapitalismus.
Die Sozialenzyklika des Papstes wurde mit Spannung erwartet. De Pontifex geißelt darin die Irrwege des Kapitalismus.
Foto: Foto: dpa

Rom. Der Vatikan hat schon oft ein Gespür für gutes Timing bewiesen. Mit der Veröffentlichung der Sozial-Enzyklika "Caritas in Veritate" (Liebe in Wahrheit) einen Tag vor Beginn des G8-Gipfels hat Papst Benedikt XVI. zweifellos den optimalen Zeitpunkt getroffen. Denn die Themen, welche die Mächtigen der Welt in den kommenden drei Tagen erörtern werden, sind auch Gegenstand des jüngsten päpstlichen Rundschreibens: Finanzkrise, Armut und Hunger, Umweltzerstörung.

Die neue Enzyklika ist als Fortführung der katholischen Soziallehre für das Zeitalter der Globalisierung gedacht. Und dem stellt der Papst kein gutes Zeugnis aus: Er beklagt die Tendenz vieler Menschen, für niemanden außer sich selbst verantwortlich sein zu wollen, er geißelt "hauptsächlich spekulative Finanzaktivitäten" und kritisiert die ungerechte Verteilung des Reichtums. Die Kirche habe aber "keine technischen Lösungen anzubieten" und wolle den Staaten auch nicht reinreden. Die Kirche habe dafür aber "eine Mission der Wahrheit" zu erfüllen. Diese Wahrheit besagt zum Beispiel, dass Profitstreben als solches nicht schlecht sei: "Doch die ausschließliche Zielsetzung des Profits - ohne das Gemeinwohl als letztes Ziel - riskiert, den Reichtum zu zerstören und Armut zu schaffen." Ähnliches gilt laut Benedikt XVI. für die Globalisierung: "Die immer mehr globalisierte Gesellschaft bringt uns einander nahe, aber macht uns nicht zu Brüdern".

Sozialenzyklika

Die Sozialenzyklika "Caritas in veritate" (Die Liebe in der Wahrheit) von Papst Benedikt XVI. setzt die entsprechende Reihe päpstlicher Rundschreiben fort. Die Päpste nehmen darin seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu grundlegenden gesellschaftlichen Fragen in verbindlicher Weise Stellung. Der vollständige Text.

Die bedeutendsten Sozialenzykliken: "Rerum novarum" (Leo XIII., 1891): "Über die neuen Dinge" kritisiert die Lage der Arbeiter. Ihre Situation in der Industriegesellschaft erinnere an ein "sklavisches Joch". Die Güter hätten allen Menschen zu dienen. Die Enzyklika lehnt Klassenkampf oder Gewalt ab und betont das Recht auf Eigentum.

"Quadragesimo anno" (Pius XI., 1931): Auch "Im vierzigsten Jahr" fordert gesellschaftliche Veränderungen. 40 Jahre nach "Rerum novarum" ist von einem bestehenden "Klassenkampf" die Rede. Marxistische Ideologien werden scharf verurteilt. Das Recht auf Eigentum bedeute aber zugleich Verpflichtung. Über eine gerechte Entlohnung sollen die Arbeiter zu Wohlstand und Eigentum kommen.

"Mater et Magistra" (Johannes XXIII., 1961): Der Reformpapst bejaht technischen und zivilisatorischen Fortschritt. Das Rundschreiben verlangt uneingeschränkte Mitbestimmung und Beteiligung der Arbeitnehmer am Produktivvermögen. Auch die Probleme der unterentwickelten Länder werden zum Thema.

"Pacem in terris" (Johannes XXIII., 1963): "Frieden auf Erden" macht das weltweite Gemeinwohl zum obersten Ziel politischen Handelns. Ein Dialog mit den Marxisten sei möglich.

"Populorum progressio" (Paul VI., 1967): "Die Entwicklung der Völker" verlangt Solidarität zwischen reichen und armen Ländern. Mit besonderer Schärfe werden ungehemmter Liberalismus und Auswüchse des Kapitalismus verurteilt.

"Laborem exercens" (Johannes Paul II., 1981): "Über die menschliche Arbeit" betont den Vorrang des Menschen und der Menschenrechte auch im Produktionsprozess.

"Sollicitudo rei socialis" (Johannes Paul II., 1988): "Die Sorge über die soziale Entwicklung" kritisiert Blockbildung und "wahrhafte Formen von Götzendienst" gegenüber Geld, Ideologie, Klasse oder Technologie.

Wirtschaft braucht Ethik

Ohne interne Formen der Solidarität und gegenseitiges Vertrauen könne der Markt seine wirtschaftliche Funktion nicht erfüllen: "Der Markt darf nicht zum Ort der Überwältigung des Schwachen durch den Starken werden." Die aktuelle Krise habe aufgezeigt, dass die traditionellen Prinzipien der Sozialethik - Transparenz, Anstand und Verantwortung - nicht vernachlässigt werden dürften. Ziel des freien Marktes müsse immer das Gemeinwohl bleiben.

"Die Wirtschaft braucht für ihr korrektes Funktionieren Ethik", folgert der Papst. "Nicht eine beliebige Ethik, sondern eine Ethik, die den Menschen liebt." Zur Durchsetzung dieser neuen Wirtschaftsethik fordert Benedikt vermehrt das ordnende Eingreifen des Staats. Er plädiert für die Schaffung einer "politischen Weltautorität", die sich an den Prinzipien der Subsidiarität und Solidarität orientiere. Diese Autorität müsse effektive Macht haben.

Ein Kapitel hat Benedikt XVI. auch der Umwelt gewidmet. Für den Gläubigen sei die Natur ein Geschenk Gottes, das man verantwortlich nutzen müsse. Die internationale Gemeinschaft müsse Wege finden, die Ausbeutung der nicht erneuerbaren Ressourcen zu zügeln. Die Suche nach alternativen Energien sei zweifellos ein Weg, auf dem vorangeschritten werden solle. Doch nötig sei im Grunde eine Änderung der Mentalität - weg vom heutigen Lebensstil, der in vielen Teilen der Welt "zu Hedonismus und Konsumismus" führe.

Der Sozialethiker Friedhelm Hengsbach sieht in der Sozial-Enzyklika entscheidende Defizite. "Gerade die Probleme der Finanzmärkte sind ziemlich blass dargestellt. Es gibt keine konkreten Anweisungen, wie sie gelöst werden sollen", sagte der emeritierte Professor für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik.

Selbstgespräch des Papstes

Kritisch betrachtet sei die Enzyklika ein Selbstgespräch des Papstes, in dem er sich mit den Gedanken seiner Vorgänger auseinandersetzt. Die Argumentation sei zum Teil sogar diffus. "Sie ist eigentlich nur verständlich für Leute, die auf dem Boden des Christentums stehen." Ein echter Dialog mit all den Menschen, die sich um eine wirklich menschliche Entwicklung der Welt bemühen, gelinge mit der Enzyklika nicht, kritisierte er.

Für überholt hält Hengsbach die Forderung des Papstes nach einer "echten politischen Weltautorität". Doch darüber sei die Entwicklung längst hinweggegangen, so Hengsbach. Es gehe in der aktuellen Situation eher darum, ein globales Regieren gerade ohne eine solche Weltautorität herzustellen. (mit dpa)

Autor:  Dominik Straub
Datum:  7 | 7 | 2009
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