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Spätabtreibung: "Die Frauen fallen in ein Loch"

Gynäkologe Klaus Diedrich fordert im FR-Interview intensive Beratung und Bedenkzeit für Schwangere. Er befürwortet aus medizinischen Gründen eine Spätabtreibung.

Professor Klaus Diedrich ist Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Medizinischen Universität Lübeck.
Professor Klaus Diedrich ist Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Medizinischen Universität Lübeck.
Foto: privat

Professor Diedrich, es soll Schwangere geben, die im sechsten Monat erfahren, dass ihr Kind eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte haben wird, und die deshalb eine Abtreibung fordern. Ist das zu verurteilen?

Die Lippen-Kiefer-Gaumspalte ist ein besonderer Fall. Denn die Kinder sehen bei der Geburt zwar erschreckend aus, aber wenn früh operiert wird, sieht man sie praktisch nicht mehr. Ich glaube deshalb, eine Frau, die gut beraten wird, entscheidet sich in diesem Fall kaum für einen Abbruch.

Zur Person

Professor Klaus Diedrich ist Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Medizinischen Universität Lübeck.

Einen späteren Abbruch der Schwangerschaft aus medizinischen Gründen befürwortet der Gynäkologe, "wenn die Patientin gut beraten wurde und genug Zeit zum Nachdenken hatte".

Aber es kommt vor?

Das tut es, ja. Und ich meine, wenn eine Frau bei dieser oder anderen Fehlbildungen des Babys die Entscheidung trifft, dass sie es nicht haben möchte, kann ich das als Arzt respektieren. Aber vorher muss sie gründlich interdisziplinär beraten worden sein und Zeit zum Nachdenken haben.

Warum?

Eine schwangere Frau im fünften oder sechsten Monat wünscht sich ja in der Regel das Kind. Hätte sie einen Schwangerschaftsabbruch gewollt, hätte sie den viel früher angestrebt. Sie hat bereits eine enge Bindung zu ihrem Kind aufgebaut, hat Bewegungen gespürt, die Ultraschallbilder vor Augen. Wenn in diesem Stadium das Gespräch auf einen Abbruch aus medizinischen Gründen kommt, ist das die schlimmste Entscheidung, vor der sie stehen kann. Sie fällt in ein Loch. Da muss sie aufgefangen und gut informiert werden.

Was sind Diagnosen, die das Thema Abbruch aufkommen lassen können - abgesehen von der Gefahr für das Leben der Mutter?

Wenn wir feststellen, dass das Kind nicht lebensfähig ist, wie bei den Chromosomenstörungen Trisomie 13 oder 18 oder bei einem schweren Herzfehler, wie der Linksherzhypoplasie, wo der Kreislauf nicht mit Blut versorgt wird, ist die Entscheidung sicher am wenigsten schwierig. Da geht es ja letztlich darum, ob man der Mutter die Qual erspart, das Kind bis zum Ende auszutragen.

Bei der Trisomie 21, dem Down-Syndrom, ist die Lage aber schon viel komplizierter…

Ja, das Kind ist ja lebensfähig. Gerade in solchen Fällen sind die Beratung und die Zeit zum Nachdenken sehr wichtig. Die Eltern sollten nicht nur mit Ärzten, sondern auch mit Selbsthilfegruppen sprechen, um zu überlegen, ob sie die Belastungen, die so eine Behinderung mit sich bringt, aushalten. Die Entscheidung sollte man dann den Paaren überlassen.

Obwohl ein später Abbruch vermutlich auch für Ärzte nicht leicht ist?

Für die Patienten ist es natürlich am schlimmsten, aber einem Embryo jenseits der 20. Woche eine Kaliumchlorid-Spritze ins Herz zu geben und es so zu töten, ist auch für den Arzt sehr belastend. Das ist zugelassener Mord, wenn Sie so wollen. Trotzdem bin ich dafür, den späten Abbruch zu ermöglichen, wenn die Bedingungen gut sind - die Frau also gut beraten ist und nachdenken konnte. Wir haben gefordert, drei Tage Bedenkzeit vorzuschreiben.

Wo würden Sie für sich die Grenze ziehen?

Ein sechster Finger wäre für mich als verantwortungsvoller Arzt kein Grund für einen Abbruch. Die Grenze ist da, wo Leben und Lebensqualität von Kind und Mutter erheblich beeinflusst werden.

Interview: Frauke Haß

Datum:  13 | 5 | 2009
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