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15. Januar 2014

Spanien : Ausschreitungen in Burgos

 Von 
Nachts brennen die Mülltonnen in Burgos.  Foto: REUTERS

Im sechsten Krisenjahr Spaniens meutern ausgerechnet die Bürger der sonst verschlafenen nordkastilischen Stadt Burgos. Grund für die Rebellion ist ein Streit um ein Neubauprojekt der Stadt.

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Begoña Arribas lebt im achten Stock eines Wohnblocks in der Calle Vitoria, der vierspurigen Hauptstraße ihres Viertels Gamonal in der nordkastilischen Stadt Burgos. Von dort oben beobachtete sie seit Freitag die Proteste der Nachbarschaft gegen just begonnenen Bauarbeiten, die aus der schlichten Calle Vitoria einen eleganten Boulevard machen sollen. Am Montagabend beschloss Arribas, sich dem Protest anzuschließen. Zum ersten Mal in ihrem Leben nahm die 63-Jährige an einer Demo teil. „Ich war sehr zufrieden“, erzählt sie in aufgeräumter Stimmung. „Endlich spreche ich aus, was ich empfinde.“

Aus Burgos kommen gewöhnlich keine Nachrichten, die Spanien irgendwie bewegen. Seine 180 000 Einwohner stehen im Ruf, konservativ zu sein und eher brav. In Burgos steht Spaniens schönste Kathedrale, dort wird die beste Blutwurst gemacht, ansonsten ist es so kalt wie nirgends sonst im Land. Ausgerechnet dort ist ein kleiner Aufstand ausgebrochen, der täglich Schlagzeilen in ganz Spanien macht. „Sind die Feuer von Burgos ein erstes Aufschimmern der Revolution im schläfrigen Spanien?“, fragt sich ein Kolumnist der Madrider Zeitung „El Mundo“.

Gratisparkplätze sollen verschwinden

Auf den ersten Blick geht es um keine große Sache. Die konservative Stadtverwaltung hat sich vorgenommen, die vier Fahrspuren der Calle Vitoria im Arbeiterviertel Gamonal auf zwei zu reduzieren und unter der Straße eine Tiefgarage zu bauen. Doch die Anwohner wollen davon nichts wissen. Sie protestieren, weil der Umbau der Calle Vitoria – in Zeiten extremer Sparmaßnahmen – 8 Millionen Euro kosten soll. Mit dem Umbau würden Dutzende Gratisparkbuchten verschwinden. Während die Stellplätze der neuen Tiefgarage dann zum einmaligen Preis von knapp 20 000 Euro auf 40 Jahre vermietet werden sollen. „Es gibt viel wichtigere Dinge in Burgos“, meint Begoña Arribas. „Und hinter dem ganzen Projekt stecken doch auch nur die Interessen einiger Weniger.“

Die Proteste begannen am Freitag mit ein paar Hundert Demonstranten, doch jeden Tag schlossen sich ihnen mehr Menschen an. Die Bauarbeiten sind eingestellt, „aus Sicherheitsgründen“, wie ein Sprecher der Stadt sagt. Denn jenseits der Masse friedlicher Demonstranten gibt es eine Gruppe vornehmlich junger Männer, die jeden Abend Randale machen. Sie haben rund hundert Müllcontainer und einen Bauwagen in Brand gesteckt, sie haben Bushaltestellen und Telefonzellen zertrümmert und mehrere Bankfilialen angegriffen. Die Polizei hat bisher 40 Personen festgenommen, gegen zwei wurde am Montag Haftbefehl erlassen.

„Ich bin nicht sehr für Vandalismus“, sagt Arribas. „Aber sonst würden die Politiker ja gar nicht auf uns hören.“ So denken viele in Gamonal. Doch im Moment sieht es nicht danach aus, als ließen sich die Politiker erweichen. Bürgermeister Javier Lacalle will die Bauarbeiten fortführen lassen. Und der Sicherheitsstaatssekretär der konservativen Regierung in Madrid will die Spanier glauben machen, dass hinter den Protesten „Gruppen gewalttätiger Systemgegner“ stünden.

Spanien ist nun im sechsten Krisenjahr, überall im Land erheben sich Proteste gegen eine Politik, die der Krise nicht Herr wird. Bisher blieben die Proteste fast immer friedlich. „Die scheinbare Ruhe, mit der die spanische Gesellschaft so viele Jahre der Krise, der Arbeitslosigkeit und der Korruption erträgt“, schreibt der Analyst Gumersindo Lafuente, „kann sich in jedem Moment aus offenbar nichtigem Anlass in einer Explosion entladen.“ Ausgerechnet in Burgos brennt es nun.


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