kalaydo.de Anzeigen

Spanien: Der Richter vor Gericht

Weil Baltasar Garzón an die Gräueltaten des Franco-Regimes erinnerte, wird gegen ihn wegen Rechtsbeugung ermittelt. Von Martin Dahms

Baltasar Garzón, der  berühmte spanische Untersuchungsrichter ermittelte schon gegen Pinochet.
Baltasar Garzón, der berühmte spanische Untersuchungsrichter ermittelte schon gegen Pinochet.
Foto: getty

Madrid. Baltasar Garzón hat sich in 21 Jahren als Untersuchungsrichter an Spaniens Nationalem Gerichtshof kaum Freunde gemacht. Man sagt ihm nach, autoritär, arrogant und eitel zu sein. Vor allem aber hat sich der Richter nie darum gekümmert, wem er mit seinen Ermittlungen gerade auf die Füße tritt. Das ärgert die, die sich getreten fühlen.

Es ärgert aber auch manche Berufskollegen, die seltener in die Presse kommen oder die sich einen zahmeren Umgang der Justiz mit der Macht wünschen. Einer von ihnen, Luciano Varela von Spaniens Oberstem Gerichtshof, hat Baltasar Garzón für heute 12.30 Uhr zur Vernehmung bestellt: Er beschuldigt seinen berühmten Kollegen, bewusst das Recht gebeugt zu haben, als er im vergangenen Jahr Ermittlungen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit unter der Franco-Diktatur aufnahm. Manchmal will doch die eine Krähe der anderen ein Auge aushacken.

Das Verfahren gegen den 53-jährigen Garzón zeigt einmal mehr, in welch bedauernswertem Zustand sich die spanische Justiz befindet. Am Montag äußerte die Internationale Juristenkommission in Genf, ein Zusammenschluss führender Juristen und Menschenrechtsexperten aus aller Welt, ihre Sorge über die Ermittlungen gegen Garzón - sie seien eine "ungerechtfertigte Störung" der Unabhängigkeit der Justiz, ausgerechnet in einem Fall, in dem es um Verbrechen gegen die Menschlichkeit gehe.

Garzón hatte im Herbst vergangenen Jahres Ermittlungen gegen den spanischen Diktator Francisco Franco und einige Dutzend Mitverschwörer aufgenommen, denen er die systematische Verfolgung und Ermordung von mehr als 100 000 politischen Gegnern vorwarf. Nach wenigen Wochen stellte er die Ermittlungen wieder ein, weil alle Tatverdächtigen schon tot sind. Das wusste Garzón bereits, bevor er zu ermitteln begann, doch er wollte daran erinnern, dass unter der Franco-Diktatur schwere Menschenrechtsverstöße begangen wurden, um die sich der heutige, demokratische Staat zu kümmern habe - konkret um die Exhumierung von Zehntausenden Mordopfern, die immer noch irgendwo in Straßengräben oder auf offenem Feld verscharrt liegen.

Sein Ziel hat Garzón nicht erreicht. Die Exhumierung der Franco-Opfer geschieht nach wie vor nur auf Privatinitiative. Der Staat schaut weg, trotz aller gegenteiligen Beteuerungen der sozialistischen Zapatero-Regierung. Das ist der eigentliche Skandal. Doch verfolgt wird nun der Mann, der auf diesen Skandal mit den Mitteln seines Berufes aufmerksam gemacht hat: Baltasar Garzón.

Der Richter aus der andalusischen Provinz Jaén hat sich schon mit mächtigeren Gegnern eingelassen: Er verfolgte den staatlich gelenkten Anti-ETA-Terror unter Felipe González, den chilenischen Diktator Augusto Pinochet, die Folterer von Guantánamo und ihre Hinterleute ebenso wie El-Kaida-Kopf Osama Bin Laden. Viele haben schon versucht, Garzón zum Schweigen zu bringen, gelungen ist das bisher niemandem. Auch der Kollege vom Obersten Gerichtshof, dessen Namen man sich nicht zu merken braucht, wird das nicht schaffen.

Autor:  Martin Dahms
Datum:  9 | 9 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Quiz
Der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg holt seine Entlassungspapiere im Schloss Bellevue ab (03.03.2011).

Guttenberg hatte einen guten Grund. Aber weshalb sind Horst Köhler oder Richard Nixon abgetreten?

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!