Berlin. Ein Signal haben sich die sozialdemokratischen Optimisten von diesem Sonntag erhofft. Markig, laut und vernehmlich sollte es, vier Wochen vor der Bundestagswahl, verkünden: Schwarz-Gelb hat keine Mehrheit! Die SPD ist wieder da! Der Wahlkampf ist noch nicht gelaufen! Frau Merkel, ziehen Sie sich warm an!
Soweit die Theorie. Wer an diesem Wahlsonntag im Willy-Brandt-Haus solch selbstbewusste Töne hören will und angesichts der Hochrechnungen ins Grübeln gekommen ist, dem kann geholfen werden. Als ein dampfender Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier und ein aufgeräumter SPD-Vorsitzender Franz Müntefering gegen 18.45 Uhr gemeinsam in Berlin vor ihre Anhängerschaft treten, verkünden sie just diese Lehren aus den Landtagswahlen.
Von einem guten Wahlsonntag ist die Rede, natürlich. "Ganz anders", dröhnt Steinmeier in die Mikrofone, "ganz anders wird der Wahlabend am 27. September ausgehen, als die Umfragen jetzt zeigen." Wieder werde eine starke SPD zu bejubeln sein.
Alles gibt Grund zur Hoffnung
Wieder? An diesem Sonntag habe die CDU in den Ländern teils dramatische Verluste eingefahren, freut sich Steinmeier. Es habe sich gezeigt, was im Katechismus der der SPD längst festgeschrieben steht: "Schwarz-Gelb ist nicht gewollt." Zumindest nicht in Thüringen und dem Saarland. Und die Leute wollten eine starke SPD - was sich in vier Wochen erstmal wird erweisen müssen.
Die Bundestagswahl sei noch nicht entschieden, sagt der Kandidat und bemüht, einmal mehr, das Gesetz der Serie, das da lautet: 2002, 2005 und 2009 habe die FDP im Sommer bereits die Posten verteilt und sei jedes Mal gescheitert. Dass der Wahlkämpfer damals Gerhard Schröder hieß, lässt Steinmeier unerwähnt.
Zur Erinnerung: Grund für die Euphorie an diesem "guten Wahlsonntag für die SPD" sind Landtagswahlen, bei denen die Sozialdemokraten auf gerade mal zehn, nicht mal 20 und etwas über 25 Prozent der Stimmen kommen. Die Bäume wachsen für die SPD längst nicht mehr in den Himmel, inzwischen bejubeln sie aber schon das Wachstum zarter Pflänzchen.
Sie ist noch frisch, die Erinnerung an den 7. Juni, den die Sozialdemokraten zum Startschuss für die Aufholjagd stilisiert hatten - um dann bei der Europawahl abzuschmieren. Deshalb sind selbst diese zarten Lebenszeichen jetzt für die Partei so wichtig in einem Wahlkampf, der ja eine gigantische Autosuggestion in der Anhängerschaft voraussetzt: Wer nicht an seine Chance glaubt, kann niemanden mehr erreichen.
"Die Politik in Deutschland ist in Bewegung geraten"
Deshalb wird an diesem Sonntag Argument auf Argument hochgestapelt, um die eigene Stärke herbeizureden. Die Union habe zwei Ministerpräsidenten verloren, die SPD besser abgeschnitten als in Umfragen. Im Saarland, so sieht es jedenfalls lange aus, hat Heiko Maas Aussichten, Ministerpräsident zu werden. Und gegen die SPD kann in Thüringen niemand eine Regierung bilden, sagt Spitzenkandidat Christoph Matschie. Und selbst in Sachsen habe die Partei, spotten eingefleischte Sozen, leicht zugelegt: auf zehn Prozent. Immerhin zweistellig.
SPD-Chef Müntefering darf deshalb ausrufen: "Die Politik in Deutschland ist in Bewegung geraten." Und Frau Merkel, sagt der SPD-Vorsitzende noch, "ist ganz nachdenklich geworden heute Abend." Die Leute wollten mit ihren Sorgen ernst genommen und nicht eingelullt werden wie von Dieter Althaus und Peter Müller, die sich einem wirklichen Wahlkampf verweigert hätten.
Ach, für ein paar Minuten scheint es im Willy-Brandt-Haus so, als sei die SPD tatsächlich eine starke politische Kraft. Bis die Hochrechnungen aus Sachsen, aus Thüringen und aus dem Saarland wieder auf den Flachbildschirmen aufleuchten.
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