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23. November 2012

SPD-Kanzlerkandidat: Steinbrück stellt sich selber klar

 Von Steffen Hebestreit
Peer Steinbrück auf einem Bürger-Dialog in Hamburg. Foto: dpa

Der SPD-Spitzenkandidat versucht in einem ausführlichen Hintergrundgespräch mit Journalisten, Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Es gab schließlich etliche davon.

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Peer Steinbrück hat es ja vorher gewusst. Wer immer zum Kanzlerkandidaten ernannt wird, werde von den Journalisten und dem politischen Gegner „an der Wand entlang gezogen“ werden, prophezeite er vor Monaten. Was so eine typisch markige Formulierung von ihm war. Gemäßigtere Temperamente hätten gesagt, der Kandidat werde genauer unter die Lupe genommen werden. Doch jetzt mag sich der 65-Jährige bestätigt sehen. Er fühlt sich nicht wie unter einer Lupe, sondern seit Wochen tatsächlich an der Wand entlang gezogen. Daraus macht er keinen Hehl, sein Image hat Kratzer und Beulen davongetragen.

Acht Wochen ist es her, dass Steinbrück zum Kanzlerkandidat der SPD gekürt worden ist. Erstmals stellt er sich den Journalisten jetzt in einem ausführlichen Hintergrundgespräch, ohne Kameras und Mikrofone − aber, ungewöhnlich genug, darf alles, was er sagt, hinterher geschrieben werden.
Es hat sich einiges angestaut bei Peer Steinbrück seit diesem „sehr geordneten Nominierungsverfahren“, wie er die Kandidatenkür der SPD ironisch nennt. Auch wenn Frank-Walter Steinmeier damals mit seiner Bemerkung in einem vertraulichen Gespräch die Lawine losgetreten habe, sei beider Verhältnis gut, sagt Steinbrück. „Übel nehme ich ihm das nicht.“ Fast täglich suche er seinen Rat.

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Übel nimmt der 65-Jährige vielmehr, wie viele Journalisten seither an ihm herum psychologisieren. Er lese einiges, was über ihn geschrieben werde, erzählt Steinbrück. „Und ich frage mich schon öfter, was findet da statt?“ Der SPD-Politiker fühlt sich zu Unrecht reduziert auf üppige Vortragshonorare. Er könne nichts Unrechtes an seinen Vorträgen erkennen, mit Ausnahme des Auftritts bei den Bochumer Stadtwerken, der sei ein erheblicher Fehler gewesen.

Kein unbelehrbarer Besserwisser

Als aberwitzig empfinde er den Vorwurf, er sei durch seine bezahlten Reden in Abhängigkeiten zum Finanzsektor geraten. „Lesen Sie doch mal mein Bankenpapier“, sagt Steinbrück. Überhaupt wird ihm zu viel psychologisiert und zu wenig Aufmerksamkeit auf das gelegt, was er zu Papier gebracht hat.

Jaha, und dann der Vorwurf, er versuche sich jetzt an gewisse Wählergruppen heranzuschmeißen durch Auftritte bei den Jusos und den SPD-Frauen oder Themen wie sozialer Wohnungsbau und gleiche Bezahlung von Männern und Frauen. Natürlich sei er vorher noch nicht bei solchen Veranstaltungen gewesen, doch er sei vorher auch nicht Kanzlerkandidat gewesen. Gerade dadurch nehme er jetzt doch Kontakt zur SPD-Basis auf. Und ja, es habe ihn berührt, wie viel Unterstützung er in den vergangenen Wochen aus der Partei erhalten habe.

Besonders scheint Steinbrück das Gerücht zu wurmen, er sei ein unbelehrbarer Besserwisser. „Ich lebe nicht unter einer Käseglocke und bin auch nicht beratungsresistent.“ Da nicken sie links und rechts von ihm, seine engste Riege: sein Wahlkampfleiter Heiko Geue, seine Büroleiterin Sonja Stötzel und sein Sprecher Michael Donnermeyer.

Irgendwann, das Gespräch läuft seit fast zwei Stunden, möchte ein Journalist wissen, ob Steinbrück Rücktrittsgedanken hege für den Fall, dass die SPD im Januar in Niedersachsen nicht die Wahl gewinne. Rücktrittsgedanken − zwei Wochen, bevor Steinbrück in Hannover offiziell um Kanzlerkandidaten gekürt wird? Steinbrück wirkt aufrichtig verwirrt. Und kontert: „So nach dem Motto: Ach wenn das so ist, Herr Förster, dann leg ich das Reh zurück auf die Lichtung?“ Nein, mit ihm sei zu rechnen. „Sie werden mich in den nächsten elf Monaten nicht anders erleben als ich bin.“

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