Berlin. In der politischen Psychologie gibt es einen schönen Begriff: das Erwartungsmanagement. Die Hoffnungen, die sich an eine Veranstaltung knüpfen, sollen so beschaffen sein, dass das Interesse der Öffentlichkeit an dem Termin hoch ist - und zugleich sein möglicher Ausgang hinterher als Erfolg, will sagen: als "den Erwartungen entsprechend" empfunden wird.
Das Erwartungsmanagement für die Klausurtagung, zu der sich die engere SPD-Führung mit den SPD-Ministerpräsidenten und der Fraktionsspitze am morgigen Sonntag für vier Stunden am Schwielowsee bei Potsdam trifft, ist unter diesem Gesichtspunkt eine Katastrophe.
Denn die übersteigerten Erwartungen, die an dieses Organisationstreffen geknüpft werden, sind nicht zu erfüllen. Ein Rückzug des SPD-Vorsitzenden Kurt Beck, von dem hier und dort gemunkelt wird, ist ebenso unwahrscheinlich wie die gestreute Erwartung, Beck werde dort endlich entscheiden, wer denn nun als Kanzlerkandidat der SPD ins Rennen gegen Angela Merkel (CDU) gehen soll: Frank-Walter Steinmeier oder er.
Hoffen auf den Außenminister
"Steinmeier", so lautet seit längerem, ausnahmslos, die Antwort, wenn man diese Fragen mit den verschiedenen Flügeln diskutiert, die die SPD in Berlin ausmachen. Die rechten Seeheimer, die pragmatischen Netzwerker, und selbst die Parlamentarischen Linken - alle setzen ihre Hoffnungen auf den Außenminister.
Niemand traut Kurt Beck zu, die schwierige anstehende Bundestagswahl erfolgreich zu meistern. Zu schlecht sind seine persönlichen Beliebtheitswerte, zu ungelenk war in der öffentlichen Wahrnehmung sein Verhalten in den vergangenen Monaten, zu gering seine Autorität in der Partei.
Doch genau aus dieser Erkenntnis speist sich die Nervosität, die in den jüngsten Tagen die Erwartungen an die Tagung ins Unermessliche haben steigen lassen. Ein führender Genosse spricht von "Restrisiko": Ein gebeutelter, im Stolz gekränkter Beck könnte sich doch noch selbst zum Kanzlerkandidaten ausrufen. Um es allen zu zeigen, seinen Kritikern in der Partei und den professionellen Miesmachern in den Medien.
Wie hoch dieses Risiko ist? "Zehn Prozent", sagt ein Beck-Kenner. Genaues wisse man nicht. Beck diskutiere die wirklich wichtigen Fragen nur mit einem Menschen: "Und der heißt nicht Frank-Walter Steinmeier oder Andrea Nahles. Der heißt Beck."
Für Sonntag erwarten darf man eine grundsätzliche Verständigung auf Eckpunkte, die im nächsten Jahr als Wahl- und Regierungsprogramm der SPD ausgearbeitet werden: Mindestlöhne, ein Bekenntnis zu den Reformen der vergangenen Jahren (ohne die Agenda-Politik konkret aufzuführen), Aussagen zur Energie-, zur Bildungs- und Friedenspolitik. Alles nicht unwichtig; die Parteilinke wird genau hinschauen, ob ihre Positionen ausreichend berücksichtigt werden von einem Kandidaten, der nicht im Verdacht steht, besonders links zu sein.
Nicht unwichtig also, aber die Erwartungen wären damit noch lange nicht erfüllt. Bei einem perfekten Erwartungsmanagement übersteigt im Übrigen am Ende das Ergebnis die Erwartung.
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