MÜNCHEN/BERLIN. "Herzlich Willkommen", zischt Kurt Beck im fernen Mainz säuerlich in die Mikrofone. Ein freudiger Empfang sieht anders aus. Ganz offensichtlich hält sich die Begeisterung des SPD-Chefs über die Rückkehr von Franz Müntefering auf die politische Bühne in engen Grenzen.
Offiziell geben sich am Tag nach Münteferings umjubelter Rede im Münchner Hofbräukeller auch andere Sozialdemokraten wortkarg: Die Vertreter des rechten Flügels genießen das freudige Ereignis lieber still.
Mit schnalzender Zunge zitieren sie im kleinen Kreis jene Passagen, die sich offiziell auf die bayerische CSU bezogen, tatsächlich aber auf Beck zu passen scheinen. "Wer führen will, muss bereit sein, die Fahne zu tragen", ist so eine Spitze. Die Parteilinke will trotzdem keinen Streit anfangen. Zumal das Urteil der Öffentlichkeit eindeutig ist: Zwei Drittel der Befragten erklärten in der Deutschlandtrend-Umfrage, sie seien "sehr zufrieden" mit der Arbeit des Ex-Vizekanzlers.
Begleitet von Klatschmarsch und Johlen hat sich der 68-Jährige am Mittwochabend den Weg durch den mit 500 Menschen zum Bersten gefüllten Saal gebahnt. Sein charakteristischer roter Schal ist im Spätsommer zum ebenso leuchtenden Schlips geschrumpft. Doch sonst ist alles wie immer bei dem personifizierten Markenkern der SPD, der sich vor neun Monaten vorübergehend aus der Politik zurückgezogen hatte, um seine krebskranke Frau zu pflegen. Vor vier Wochen ist sie gestorben. Keine drei Trauertage waren ins Land gegangen, da begannen die Spekulationen: "Wann kommt er wieder?"
Nun ist er da. Und wie! "In 597 Minuten schließen die Wahllokale". Ein typischer Müntefering. Da spricht der Erfinder der Wahlkampfzentrale Kampa mit der Countdown-Uhr zum Wahltag. Er habe überlegt was zu sei, berichtet Müntefering, noch ein wenig schmaler als früher. Aber genau so kantig. Deshalb sei er gekommen. Als Wahlkämpfer für die bayerische SPD zur Wahl am 28. September. "Heißes Herz und klare Kante", das sei jetzt nötig. Das rieche nach Schweiß, aber das sei immer noch besser als "Hose voll".
Beifall und Gelächter. Auch für den Seitenhieb gegen die Konservativen, die gut seien allenfalls "für die fetten Jahre". Wenn es anstrengend werde, sei "es besser, wenn die Sozialdemokraten die Hände am Steuer haben". Klar: Das sind Sätze aus dem Repertoire von früher. Aber wie er sie sagt, zeigt, dass einer fehlt, der sie sagt. Genauso wie sein Hinweis, dass Ökonomie und Soziales zusammengehören: "Der Sozialpolitiker, der nicht überlegt, wo der Kuchen herkommen soll, ist ein schlechter Sozialpolitiker." Ein Hinweis nur für die Linke - oder auch für die Linke in der SPD?
Kaum ist die Rede beendet, schießen die Spekulationen über Münteferings Zukunft ins Kraut. Am Wochenende hockt die SPD-Spitze am Schwielowsee bei Berlin zusammen. Es geht um das Wahlprogramm und möglicherweise auch die Kanzlerkandidatur. Der "einfache" Abgeordnete Franz M. wird nicht dabei sein. Jedenfalls nicht physisch. Seite 13
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