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24. Februar 2013

SPD-Politiker Martin Korol: Bremer SPD hat ihren Fall Sarrazin

 Von Eckhard Stengel
Erst seit wenigen Tagen ist Martin Korol (SPD) Mitglied der Bremischen Bürgerschaft. (Im Bild) Dennoch steht er bereits im Zentrum eines politischen Skandals. Foto: Imago/Michael Bahlo

Jetzt hat auch die Bremer SPD ihren Fall Sarrazin - nur noch krasser: Ein Bürgerschaftsabgeordneter äußert sich nicht nur rassistisch gegenüber Roma und Sinti, sondern auch frauenfeindlich.

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Jetzt hat auch die Bremer SPD ihren Fall Sarrazin - nur noch krasser: Ein Bürgerschaftsabgeordneter äußert sich nicht nur rassistisch gegenüber Roma und Sinti, sondern auch frauenfeindlich.

Bremen –  

Von wem stammen wohl diese Sätze? „Es muss erstaunen, dass eine so hoch entwickelte Stadt wie Bremen ihre Liebe zu Roma und Sinti entdeckt, die, sozial und intellektuell, noch im Mittelalter leben, in einer uralten patriarchalischen Gesellschaft. (...) Es ist ein Patriarchat, dessen Männer keine Hemmungen haben, die Kinder zum Anschaffen statt zur Schule zu schicken, ihren Frauen die Zähne auszuschlagen und sich selber Stahlzähne zu gönnen. Viele der jungen Männer schmelzen sich mit Klebstoffdünsten das Gehirn weg.“ Nein, das ist keine Hetze von Neonazis, sondern stand tagelang so auf der Homepage des Bremer SPD-Bürgerschaftsabgeordneten Martin Korol (68).

Der pensionierte Deutsch- und Geschichtslehrer, seit fast 45 Jahren SPD-Mitglied, ist gerade für eine verstorbene Abgeordnete ins Landesparlament nachgerückt. Die Zitate stammen aus einem Aufsatz von ihm, der auf Probleme mit zugezogenen Roma aus Bulgarien und Rumänien hinweisen soll.

Dass sich Korol dabei heftig in der Wortwahl vergriff, machten kürzlich Lokalreporter von Bild und taz publik. Die SPD und ihr grüner Koalitionspartner distanzierten sich prompt; Roma-Vertreter fühlten sich an Nazi-Stereotype erinnert und beklagten „rassistische Vorurteile“. Korol entschuldigte sich daraufhin und entschärfte den Text.

"Frauen und Immigranten übernehmen die Macht"

Auf seiner Homepage finden sich allerdings noch weitere Aussagen, die so gar nicht zu einem SPD-Landtagsabgeordneten passen wollen und bisher unbeachtet blieben: Der verheiratete Katholik und dreifache Vater beklagt den „Massenmord der Abtreibungen“ und bedauert den Niedergang des Patriarchats („Männer 60+ wie ich sind die letzten Vertreter eines untergehenden Herrschergeschlechtes“).

Nun übernähmen „zunehmend Frauen und Immigranten die Macht im Lande“. Er kritisiert den „Krippenwahn“ und den „Wahn der sog. ‚Selbstverwirklichung der Frau’“. Dass es in Deutschland „einen ernst zu nehmenden Antimuslimismus und Rassismus“ gebe, bezweifelt er.

Gerne zitiert er aus dem Werk „Der Untergang des Abendlandes“ von Oswald Spengler, der oft als Wegbereiter der Nazis gesehen wird. Korol wünscht sich ein „Pflichtjahr“ für alle Schulabsolventen; so etwas gab es zuletzt für Frauen in der Nazizeit. Und Polizisten auf der Wache wirken auf ihn häufig wie „dickbäuchige Vorpensionäre“: „Aus ‚Bullen’ wurden ‚Ochsen’.“

Auf Nachfrage dieser Zeitung relativiert er manche Aussage, reitet sich aber noch tiefer hinein: Er habe nichts gegen weibliche Selbstverwirklichung - solange die Frauen neben Rechten auch mehr Verantwortung übernähmen, statt „sozusagen als teures Luxusweibchen sich noch mehr den Genüssen dieses Lebens hinzugeben“.

Bitte nicht so ein "Riesen-Bohei" machen

Seine pauschale Roma-Schelte nennt er „völlig unausgegoren“. Er sei beim Schreiben krank und übermüdet gewesen, entschuldigt er sich. Außerdem arbeite er nach dem Prinzip der Aufklärung: Nur durch Irrtümer gelange man zur Wahrheit. Aber man solle doch bitte nicht so ein „Riesen-Bohei“ machen.

Ursprünglich standen noch mehr erstaunliche Passagen auf Martin Korols Homepage. Auf einer 87-Punkte-Liste „MKs Ziele für Bremen“ fand sich nicht nur Sozialdemokratisches wie Mindestlohn oder Sozialwohnungsbau, sondern auch dies: Nur „wer über einen deutschen Schulabschluss verfügt“, dürfe Abgeordneter werden. Bei der Immigrationspolitik müsse das Kriterium gelten: „Kann sie/er meine Rente bezahlen?“ Und öffentlich Bedienstete müssten „angemessene Arbeitskleidung statt Freizeitlook“ tragen.

Inzwischen, so erzählt er, habe er sich mit SPD-Funktionären getroffen und die lange Liste auf 35 „parteikonforme“ Ziele reduziert. Was bei der Bereinigung wohl übersehen wurde: die Forderung nach dem Pflichtjahr.

Krasser als Sarrazin

Immerhin habe er eine „längst überfällige Diskussion“ über die Roma-Zuwanderung losgetreten, findet Korol. Alle Viertelstunde bekomme er einen Anruf oder eine Mail - „zu 99,9 Prozent“ von Unterstützern: „Bitte halten Sie durch, lassen Sie sich nicht in die rechte Ecke schieben!“

Eine Erfahrung, die schon der Sozialdemokrat Thilo Sarrazin gemacht hat. Jetzt hat auch die Bremer SPD ihren Fall Sarrazin - nur noch krasser. Dabei sieht Korol seine Aufgabe eigentlich darin, „ein Zusammenleben in Eintracht zu fördern“ sowie „Nächstenliebe und Menschenwürde“ zu verteidigen.

Vielleicht hätte sich der Parlamentsnachrücker zu Herzen nehmen sollen, was er auf seiner Homepage schrieb, nachdem er bei der Bürgerschaftswahl 2011 zunächst knapp gescheitert war: „Ich deute das so, dass ein gütiges Schicksal es gut mit mir meinte und befand, ich sei noch nicht reif dafür.“

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