Nach Naturkatastrophen sehen wir im Fernsehen die Opfer. Und hören die dringlichen Botschaften der Hilfsorganisationen: Spenden Sie jetzt. Helfen Sie diesen Menschen schnell. Jeder Betrag kommt bei den Leidenden an, so das Mantra der Wohltäter.
Aber stimmt das wirklich immer? Wie kann ein Spender das überprüfen? Ihm präsentieren sich alle Organisationen mit gleich hohem moralischem Anspruch: Für die armen Kinder, die frierenden Obdachlosen, die bedrohten Tiere. Wer aber nicht aufpasst, kann schnell der Spendenlüge manch dubioser Organisation aufsitzen. Die dramatischen Appelle und Mitleid heischenden Kinderaugen auf einigen Prospekten sind manchmal nur ein Trick, um an Geld zu kommen. Nichts weiter als moralisch aufgeladene Werbestrategien, die bei tausenden Spendern verfangen.
Mehr als zwei Milliarden Euro spenden die Deutschen pro Jahr an gemeinnützige Organisationen - ohne eine nachprüfbare Gegenleistung zu erhalten. Es ist ein Geschäft mit hohen ethischen Erwartungen. Ein gigantisches Geschäft mit dem Mitgefühl und der Nächstenliebe. Mit einem grenzenlosen Vertrauensvorschuss von Seiten der Spender.
Misswirtschaft bei Wohltätern
Wer hinter die Kulissen schaut, entdeckt oft auch grenzenlose Intransparenz und Misswirtschaft bei manchen Wohltätern. Kaum ein Spender erfährt wirklich, wie viel von seinem Geld in der Organisation versickert. Wie viel Geld für Werbung, Personalkosten und Verwaltung ausgegeben wird. Wer überlegt schon, wie teuer der Fernsehspot zur besten Sendezeit war? Wie viel der Druck der Hochglanzbroschüre mit den Farbfotos der Waisenkinder gekostet hat?
Nur in krassen Fällen nimmt die breite Öffentlichkeit Notiz vom Innenleben der Organisationen. Dann, wenn etwa Unicef Deutschland wegen verheimlichter hoher Provisionszahlungen an Spendenwerber ihr Gütesiegel abgeben muss. Oder wenn die gemeinnützige Berliner Treberhilfe gGmbH wegen eines Maserati als Dienstwagen ins Gerede kommt. Dabei sind gemeinnützige Organisationen auch etwa im Bereich der Kultur und des Umweltschutzes nur Treuhänder des Spendengeldes, doch sie wirtschaften damit intern manchmal nach Gutsherrenart und sehr oft ohne wirkliche Kontrolle.
Das soll sich jetzt ändern: Transparency International hat namhafte Organisationen für eine vielversprechende Transparenz-Initiative versammelt, die am Mittwoch auch öffentlich präsentiert werden soll. Der Anspruch ist groß: Transparency will nach FR-Informationen die gesamte gemeinnützige Branche dazu bringen, sich freiwillig auf verbindliche Richtlinien festzulegen. Mit dabei: Ärzte ohne Grenzen und renommierte Dachverbände wie der Deutsche Spendenrat, der Venro-Verband deutscher Nichtregierungsorganisationen in der Entwicklungshilfe und der Zusammenschluss der professionellen Spendenwerber.
Ziel: Alle sollen mitmachen
"Wer für das Gemeinwohl tätig ist, sollte der Gemeinschaft sagen, WAS die Organisation tut, WOHER ihre Mittel stammen, WIE sie verwendet werden und WER die Entscheidungsträger sind", lautet der Leitsatz der Initiative. "Das Neue daran ist, dass sich die Initiative nicht nur an einen Teilbereich, sondern an die breite Masse der Organisationen richtet", erklärt Karenina Schröder von Transparency.
Alle sollen die Karten offenlegen: Ob im Verein, in einer Bürgerinitiative oder Stiftung organisiert, ob im Bereich Kultur, Natur, oder Entwicklungshilfe tätig. "Wir wollen eine selbstständige Verpflichtung des ganzen dritten Sektors auf ein Mindestmaß an Transparenz", sagt Schröder und stellt klar: "Noch gibt es in diesem Bereich eine Kultur der Geheimhaltung."
Dies müsse sich ändern, wenn die Branche ihr wichtigstes Gut, das Vertrauen, behalten wolle, meint Schröder. Transparency hat ein Formular ausgearbeitet, das die Organisationen ausfüllen können und das im Internet veröffentlicht wird (www.transparente-zivilgesellschaft.de).
Appell an Diakonie und Caritas
"Es geht darum, Transparenz-Standards für den gesamten Markt einzuführen", sagt Frank Dörner, Chef der Ärzte ohne Grenzen. "Spender müssen eine klare Aussage bekommen, was mit ihrem Geld gemacht wird." Im gemeinnützigen Sektor seien viele "noch weit davon entfernt, solche Informationen offen zu legen".
Und Helmut Anheier, Gründer des Zentrums für soziale Investitionen und Dekan der Hertie School of Governance, meint: "Wer sich um Transparenz nicht kümmert, könnte künftig zu den Verlierern zählen." So habe Deutschland etwa den zweitgrößten Stiftungssektor der Welt. "Aber wir wissen so wenig darüber, wer dort wen unterstützt". Es fehlten auch noch die Wohlfahrtsverbände. "Es wäre toll, wenn auch Diakonie und Caritas mitmachen würden", wirbt Anheier.
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