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Politik
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27. Dezember 2012

Spielautomaten-Branche: Schärfere Regeln gegen Glücksspiel

 Von Timot Szent-Ivanyi
Wirtschaftsminister Philipp Rösler wollte die Regulierung von Geldspielautomaten lockern. Foto: imago stock&people

Die Bundesdrogenbeauftragte Mechthild Dyckmans wendet sich gegen einen Trick, mit dem die Automatenindustrie Gesetze zum Schutz vor Sucht umgeht. Die FDP-Politikerin plädiert damit gegen ihren Parteichef Rösler.

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Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, setzt sich dafür ein, dass die von Wirtschaftsminister Philipp Rösler vorgelegte Verordnung zur Regulierung von Geldspielautomaten verschärft wird. Das sagte sie im Interview mit der dieser Zeitung. Sie will sich nicht damit abfinden, dass ihr FDP-Parteifreund die Spielautomaten-Branche trotz hoher Suchtgefahren weitgehend unbehelligt lässt. Konkret geht es ihr um eine erhebliche Einschränkung oder ein Verbot des sogenannten Punktespiels, mit dem die Branche gesetzliche Vorgaben für den Schutz der Spieler konsequent aushebelt.

Geldspielautomaten haben nach allgemeiner Einschätzung von Experten unter allen Glücksspielen das höchste Suchtpotenzial. Das Risiko, krankhaft spielsüchtig zu werden, ist nirgends größer. Dennoch wird wenig dagegen getan: Zwischen 2006 und 2011 stieg die Zahl der Geldspielautomaten von rund 183.000 auf über 242.000. Auch die Zahl der Spielhallen nahm zu. Zugleich wuchsen die Einnahmen der Branche kräftig. Der Bruttospielertrag, also die Differenz zwischen Spieleinsätzen und ausgezahlten Gewinnen, verdoppelte sich in dem Zeitraum auf mehr als vier Milliarden Euro.

Vorschriften und Tricks

Zwar sind Höchstgewinne, maximale Verluste und die Spieldauer reglementiert. Doch diese Vorschriften werden durch einen Trick der Automatenindustrie umgangen: Wirft man in die Spielgeräte Geld ein, wird der Betrag in der Regel umgehend in Punkte umgewandelt. Dadurch gelten die gesetzlichen Regeln nicht mehr. So ist eigentlich der zulässige Höchstgewinn innerhalb von fünf Sekunden bei eingesetzten 20 Cent auf zwei Euro begrenzt, der Höchstgewinn auf 500 Euro pro Stunde.

Der zulässige Maximalverlust pro Stunde beträgt 80 Euro. Beim Punktespiel sind dagegen deutlich schnellere Spielfolgen und höhere Verluste möglich. Der Glücksspielsucht-Experte Gerhard Meyer von der Universität Bremen stellte bei einem Test fest, dass man in einer Spielhalle innerhalb von nur fünfeinhalb Stunden den monatlichen Durchschnitts-Nettolohn eines Arbeitnehmers von 1450 Euro verspielen kann. Beim Punktespiel verlor ein Testspieler innerhalb von lediglich neun Minuten 480 Euro.

Suchtexperten fordern daher schon seit längerem, den Trick zu verbieten. Auch SPD und Grüne im Bundestag verlangen ein Verbot. Das Wirtschaftsministerium hat die Forderungen in seinem Entwurf für eine neue Spieleverordnung aber nicht aufgegriffen. Zwar gibt das Ministerium selbst zu, dass das Punktespiel negative Auswirkungen auf den Schutz vor Glücksspielsucht haben könnte. Es hält aber ein Verbot für nicht umsetzbar, weil die Industrie die Vorschrift durch andere Wertzeichen statt Punkten umgehen könnte.

Dyckmans hält diese Argumentation nicht für überzeugend. Es sei bedauerlich, dass sie sich mit ihrer Forderung nach einem Verbots des Punktespiels bislang nicht habe durchsetzen können. Sie will aber nicht aufgeben. Dyckmans betonte, das Gesundheitsministerium könne durch eine gesetzliche Änderung neuerdings bei der Spielverordnung mitbestimmen.

Die Grünen bestärkten Dyckmans. „Das Punktespiel ist ein gutes Beispiel für die enge Verquickung von Wirtschaftsministerium und Automatenbranche“, sagte ihr Suchtexperte Harald Terpe. Er erinnerte daran, dass der Chef der Automatenindustrie, Paul Gauselmann, zuletzt im Verdacht stand, der FDP verdeckt Spenden gezahlt zu haben. „Anstatt der Branche willfährig zu Diensten zu sein, sollte Rösler die Folgen von Spielsucht für den einzelnen und die Gesellschaft endlich zur Kenntnis nehmen“, sagte Terpe.

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