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Spionagesoftware: Digitaler Lauschangriff

Der Chaos Computer Club hat die Spionagesoftware des Bundes geknackt - und will festgestellt haben, dass sie mehr kann, als sie darf. Der oberste Datenschützer Peter Schaar fordert ebenso wie FDP, Grüne und Piraten-Partei Aufklärung. Auch die Justizministerin ist beunruhigt.

Besucher des Jahreskongresses des Chaos Computer Clubs (CCC) an ihren Laptops (Archiv). Hacker des CCC sind Festplatten zugespielt worden, die mit Spionage-Software infiziert waren.
Besucher des Jahreskongresses des Chaos Computer Clubs (CCC) an ihren Laptops (Archiv). Hacker des CCC sind Festplatten zugespielt worden, die mit Spionage-Software infiziert waren.
Foto: dpa
Berlin –  

Der Innenausschuss soll sich mit dem Thema befassen. Am Wochenende war bekanntgeworden, dass es den Computerexperten des CCC offenbar gelungen ist, die staatliche Software zu knacken. Der so genannte "Bundestrojaner" wird von Ermittlern zur Überwachung von Telekommunikationsverbindungen eingesetzt.

In ihrer Analyse hatten die Experten des CCC Funktionen der Software nachgewiesen, "die über das Abhören von Kommunikation weit hinausgehen und die expliziten Vorgaben des Verfassungsgerichtes verletzen". Sie ermöglichten den "großen digitalen Lausch- und Spähangriff", indem ferngesteuert auf das Mikrofon, die Kamera und die Tastatur von Privatcomputern zugegriffen werden könne.

"Kein Bundestrojaner"

Das Bundesinnenministerium dementierte indes den Einsatz vergleichbarer Software. "Was auch immer der CCC untersucht hat oder zugespielt bekommen haben mag, es handelt sich dabei nicht um einen Bundestrojaner", sagte ein Ministeriumssprecher am Sonntag.

Die Dienste

Das Bundeskriminalamt, 1951 gegründet zur Koordinierung der Landeskriminalämter, bekämpft heute vornehmlich Verbrechen von nationaler Tragweite: organisierte Rauschgift-, Waffen- und Falschgelddelikte sowie Terrorismus.

Der Bundesnachrichtendient, offiziell gegründet 1956, ist erst seit 1990 überhaupt ein per Gesetz geregelter Spionagedienst, der „sicherheits- und außenpolitisch relevante“ Informationen aus dem und über das Ausland beschafft.

Das Bundesamt für Verfassungsschutz beschäftigt seit 1950 die deutschen Inlandsspione, die „Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung“ beobachten und verhindern sollen – und sagt nichts zu Online-Observationen.

Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar will die von deutschen Sicherheitsbehörden eingesetzte Software zur Überwachung verschlüsselter Kommunikation schnell prüfen. Wenn sich die Vorwürfe des Chaos Computer Clubs bestätigten sollten, wäre das sehr beunruhigend, sagte Schaar der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Montagausgabe) laut Vorabbericht.
„Es darf nicht sein, dass beim Abfangen verschlüsselter Internet-Kommunikation auf dem Computer durch die Hintertür auch eine Online-Durchsuchung des gesamten Rechners durchgeführt werden kann“, sagte Schaar. Es gelte, die Überwachung verschlüsselter Kommunikation rechtlich und technisch scharf von der Online-Durchsuchung zu trennen.

Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) reagierte beunruhigt auf die Analyse des CCC. "Wenn die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts in der Praxis durch die Technik nicht eingehalten werden, verschwindet das Vertrauen der Bürger", räumte sie ein. Leutheusser-Schnarrenberger erinnerte an den Koalitionsvertrag, in dem sich Union und FDP darauf verständigt hatten, "dass der Kernbereich privater Lebensgestaltung künftig besser gesetzgeberisch abgesichert wird".

So arbeitet eine Trojaner-Software

Bildergalerie ( 8 Bilder )

Der Bundesvorsitzende der Piratenpartei, Sebastian Nerz, forderte personelle Konsequenzen, sollte sich die vom CCC gehackte und analysierte Software als Bundestrojaner erweisen. Die aufgetauchten Sicherheitslücken bezeichnete Nerz als "fast schon unglaublich". Sie verstoße "gegen alle Auflagen, die das Bundesverfassungsgericht an Software dieser Art gestellt hat. In der Konsequenz müssten sowohl BKA-Präsident Jörg Ziercke als auch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich unverzüglich zurücktreten", forderte er.

Die Grünen wollen sich für eine umfassende Aufklärung einsetzen und verlangten eine Anhörung der Verantwortlichen von Innenministerium und BKA im Innenausschuss. Geklärt werden müsse, in welchem Umfang die Sicherheitsbehörden vergleichbare Überwachungssoftware verwenden. "Der Einsatz der fraglichen Software muss sofort gestoppt werden", forderte die Bundeschefin der Grünen, Claudia Roth. (mit dapd)

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Trojaner
Von Hackern analysiert

Die Vorwürfe sind ungeheuer: Der sogenannte „Bundestrojaner“, die von deutschen Behörden bei der Online-Durchsuchung verwendete Überwachungssoftware soll große Sicherheitslücken aufweisen und es den Sicherheitsdiensten ermöglichen, ihre Kompetenzen bedeutend zu überschreiten. Herausgefunden haben das die Hacker vom Chaos Computer Club (CCC). Ihnen sind Festplatten zugespielt worden, die offensichtlich mit der Spionage-Software infiziert waren. Am Sonntag veröffentlichte der Club seine Erkenntnisse in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Nachfolgend die wichtigsten Antworten zum Skandal um das Spitzelprogramm.

Autor:  Katja Tichomirowa
Datum:  9 | 10 | 2011
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